Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1907)
- Article
- Moderne Jargonlyrik
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 379 - 380 (sequence 6)
- Language
- German
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37g Samuel Meiseis, Charlottenburg: Moderne^Jargonlyrik. 380 schildert der Dichter seine Sehnsucht nach der Muse, nach Jener ewig jungen und ewig schönen Muse mit den langen braunen Locken, mit den blühenden rosafarbenen Wangen, mit den frischen roten Lippen, die die Engel küssen, jener göttlich schönen Prinzessin mit der siebensaitigen Leier in der einen Hand und mit dem Lorbeerkränzchen in der andern." Das ist die Muse, die der Dichter herbeiruft. Statt ihrer erscheint ein Weib mit bleichem Antlitz, mit kranken rotgeweinten Augen, die trübe Wolken umschatten; sie ist in düstere Trauerkleider gehüllt und spricht in abgerissenen elegischen Tönen, die bald weich und rührend klingen wie das Kinnothsagen am neunten Ab, bald volltönend und erschütternd wie die Stimme des Schofars am Neujahrstage. Das ist die jüdische Muse . . . Und wie die Muse, so der Dichter. Ich bin der ständ'ge Schofarbläser, Ich stoss ins Horn mit Macht, Sowohl am trüben Wintertage Wie in der Frühlingsnacht. Es schlummert wohl in meinem Herzen Manch lustge Melodie, Kaum fang' ich an das Lied zu singen, Wirds gleich zur Elegie. . . Man kann bei Frug fünf Arten yon Liedern unterscheiden: ernste Gesänge, Lieder der Bibel, Zionslieder, satirische Gedichte und Balladen und Legenden. In den ernsten Gesängen Frugs finden wir jenen Grundzug der Melancholie, die wir bereits beim hebräischen Lyriker Chaim Nachman Bialik kennen gelernt haben. Es ist immer die ewige Suche nach Schönheit und Kraft, Freiheit und Licht. Schönheit ist genugsam vorhanden: eine herrliche Natur Gottes, ein wogendes Aehrenfeld, zierliche Blumen im Garten, ein blaufarbener Himmel, Sonne, Mond und Sterne — aber der Jude kann die Schönheit nicht geniessen, weil ihm Licht und Freiheit fehlen. Er sieht die Schönheiten der Natur nur durch ein kleines Guckfenster, aber er darf sich nicht mitten in ihr als freier Mann frei bewegen. Deshalb ist der jüdische Poet umso trauriger, je freudiger der Himmel lacht, umso melancholischer, je freigebiger die Natur ihre Schätze offenbart. Droben ]acht der blaue Himmel. Heiter ist der Tag, gelind. — „Spiel mir doch ein Sommerliedchen!" — Fleht das arme bleiche Kind: — „Komm mit mir doch in den Garten; Von des Gartens schönster Zier, Von den allerschö'nsten Blumen Windest du ein Kränzlein mir!" — Ach, mein Kind, siehst nicht? — Zerbrochen Hängt die Harfe an der Wand; Und entwohnt ist längst des Spielens Meine schwache, kranke Hand. Was kann Lebensfreude frommen, Wenn verwundet ist das Herzi Sommer, Winter, Herbst und Frühling — Immer nagt der alte Schmerz. Das ist das Sommerlied des jüdischen Poeten. Fast alle ernsten Gesänge, besonders aber die Gedichte „Eine Sommernacht", „Die Natur", „In den Gärten, auf den Feldern", „Zum Cheder, Kinder!,. „Grossmütterchen sitzt mit einem Strumpf in der Hand", „Der Frühling geht, der Frühling kommt" — hat Frug aus dieser traurig düstern Grundstimmung heraus gedichtet. Frugs Leier ist reich genug an Tönen, um den tausendfachen Schmerz in tausendfachen Variationen ausklingen zu lassen. Frugs biblische Liederhaben mit den „Biblischen Melodien" Ujejskis nichts gemein. Kornel Ujejski hat seinen polnischen Patriotismus in biblische Stoffe gehüllt. Frugs biblische Lieder dagegen sind Kommentare zu der Bibel, Randglossen, Betrachtungen, Reflexionen. Er sitzt über die uralten Blätter gebeugt und hebt jedesmal seinen Kopf empor, um ins Freie zu blicken und über das Gelesene nachzusinnen. Er bringt jedes Bibelwort in Beziehung zum modernen praktischen Leben. Liest er von den biblischen Helden, so sucht er sie gleich in der Gegenwart, und leise Wehmut zieht in sein Herz, weil er sie nicht findet. Er liest die uralten heiligen Blätter mit Andacht, zugleich mit erhöhter Aufmerksamkeit. Bald hält er inne, bald macht er einen Gedankenstrich. Hier setzt er ein Ausrufungszeichen, dort ein Fragezeichen. Hier als Beispiel das von Zlocisti ins Hochdeutsche übertragene Gedicht „Aber die Sterne?" Es glänzt der Mond. Es glänzen die Sterne In wallender Nacht über Berg und Tal ... — Und wieder les ich die uralten Blätter; Ich las sie tausend und tausende Mal. Und wie ich lese die heiligen Worte. Hält mich eine Stimme gebannt: „Mein Volk, Du wirst sein wie die Sterne anrHimmel, Wie am Meeresgestade der Sand." Ich weiss es mein Gott: Von Deiner Verheissung, Wird sich erfüllen das leiseste Wort. Ich weiss es, mein Gott: Es sucht nur Dein Wille Die richtige Zeit, den richtigen Ort. Und eines hat schon die Erfüllung gesehen, Ich hab' es mit allen Sinnen gerühlt: Wir sind zu treibendem Sande geworden, Von jeglichem Fusse durchwühlt . . . Es hat sich erfüllt! . . Wie Sand und wie Steine Zerstreut und zerstohen zu Schande und Spotti . . . Nun aber die Sterne mit leuchtendem Scheine, Die Sterne, die Sterne, wo sind sie, mein Gott? .. . Die Zionslieder Frugs sind der Ausfluss jenes tiefinnerlichen Gemütslebens, das sich nur bei dem von aller Welt abgegrenzten Ghettojuden entwickeln konnte. Nahm man ihm diese schöne Welt, so schuf er sich im Geiste eine andere, eine schönere, glanzvollere. Eaubte man ihm die Wirklichkeit, so blieben ihm die Träume. „Auch Träume sind etwas, womit man die Zeit ausfüllen kann", und Träume haben nicht selten Leidende getröstet und Gebeugte aufgerichtet. Tiefe Religiosität erzeugte