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Ost und West · 1907-06-01 · Heft 6 (Juni 1907) · p. Seite 377 - 378

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 6 (Juni 1907)
Article
Moderne Jargonlyrik
Date
1907-06-01
Page
Seite 377 - 378 (sequence 5)
Language
German
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377 Samuel Meisels, Charlottenburg: Moderne Jargonlyrik. 378 reizende Schaflrsche Bildehen eines Sonnenuntergangs an einem Sabbatnachmittage Platz finden: Die siin geht unter mit purpurne streifen, es zeigen sich sternlach stillerheit, dos senen die bänder, goldene schleifen von der schabbes-malkesse4) dos seidene kleid. Man beachte den Vers „es zeigen sich sternlach stillerheit"! — Prinzessin Sabbat ist eine liebliche Fee, die Bringerin alles Guten. Alles Schöne strahlt von ihr aus. Sind wir fröhlich an einem Sabbat, so haben wir die fröhliche Stimmung nicht in ihn hineingetragen, sondern von ihm empfangen ... Er erzeugte sie . . . Ein schöner sonniger Tag an einem Sabbat ist kein schöner sonniger Tag, der zufällig auf einen Sabbat fiel, sondern die liebreiche Spende aus der freigebigen Hand der Prinzessin Sabbat. Selbst der herrliche Sonnenuntergang an einem Sabbat ist keine blosse Naturerscheinung; seine purpurnen Streifen sind nur „die Bänder und die goldenen Schleifen von Prinzessin Sabbat's seidenem Kleid" ... Schon in diesem Vierzeiler erkennen wir einen Dichter, der in sich wahrhaft poetisches Empfinden mit echt jüdischer Denkungsart vereinigt. * * * Wenn wir zwei Jahrzehnte in die jargonische Literatur zurückblicken, so finden wir Simon Prug in edler Begeisterung auf den alten Zionsharfen neue Lieder anstimmen. Mit Schafir schliesst die Epoche der jüdischen Volksdichter, mit Frug beginnt die Epoche der Jargonlyrik. Frugs Poesie mit ihrer vorwiegend nationalen Tendenz, mit ihrer Verherrlichung der jüdischen Ahnherren und jüdischen Helden, mit ihrer lohenden Begeisterung für das antike Judentum, sein Schrifttum, seine heiligen Bücher —r erinnert in gewisser Hinsicht an die Bardenlieder der deutschen Literatur am Ausgange des achtzehnten Jahrhunderts. Diese Aehnlichkeit besteht nur, soweit die Ahnen-Verherrlichung und Helden-Verehrung, die sich in Frugs Liedern ausspricht, in Betracht kommt. Sonst ist zwischen den deutschen Barden und dem jungjüdischen Lyriker ein himmelweiter Unterschied. Fru? ist vor allem modern; er singt keine dithyrambischen Oden in schwülstigem Choralstil. Dem tausendjährigen Judenschmerz hat Frug seine Lieder geweiht. Der Dichter lebt in Russland, in dem Lande, wo dieser Schmerz nicht erst geweckt zu werden braucht, da man ihn nicht zur Ruhe kommen lässt . . . Frug spielt also die alte Leier, aber er bringt ganz neue Töne hervor. Er hat der jüdisch-deutschen Poesie eine erhöhte Mannigfaltigkeit verliehen. Die Hauptmerkmale der Frugsehen Dichtungsart sind: tiefe Gedanken, verbunden mit einer fast naiven Einfachheit in Form und Stil. Selbst da, wo der Dichter, von seinen quellenden Gefühlen und Empfindungen voll, ins Mystische hinübergreift, lugt der Gedanke hinter dem mystisch-symbolischen Schleier klar und deutlich hervor. Der Schwer- J) schabbes malkesse Prinzessin Sabbat. punkt Frugs liegt in seiner Sprache. Dem polnischen Schriftsteller Kraszewski wird nachgerühmt, er habe die polnischen Schriftsteller schreiben gelehrt: auch von Frug kann man sagen, er habe die Jargondichter schreiben gelehrt. Er war der erste, der auf Flexibilität und Modulationsfähigkeit der jüdisch-deutschen Sprache hingewiesen hat; er zeigte uns, dass im Jargon der Sprachschönheiten und Stilfeinheiten mehr sind, als sich mancher Jargonverächter träumen lässt. Der russische Dichter Frug steht über Frug, dem Jargonlyriker. Vielleicht liegt der Grund darin, weil er als russischer Dichter Epigone ist. Auch das hervorragende poetische Talent braucht seine Vorbilder, denen es nacheifern kann. In der russischen Literatur konnte Frugs poetische Begabung an bedeutenden Meistern sich bilden. Ich nenne nur: Puschkin. Dagegen in der jüdischdeutschen Literatur waren seine Vorgänger Versmacher, die zwar manches Gedicht schrieben, das in seiner Tendenz annehmbar und einer gewissen ZeitströmuDg auch entsprechend war, die jedoch kein einziges Werk schufen, das irgendwie vom künstlerischen Standpunkt aus Anspruch auf Mustergiltigkeit erheben könnte. Trotz alledem hat sich Frug von den jüdischen Volksdichtern nicht gänzlich emanzipiert. Er hat viele ihrer Gedanken übernommen, freilich nicht ohne sie zu modernisieren, zu vertiefen. Die Kunstform für das Jargongedicht ist Frugs Schöpfung. Vor ihm konnte man von einer Kunstform des Jargonliedes nicht gut reden. Frug war somit der erste, der als vollwertiger Dichter in der jüdisch-deutschen Literatur auftrat. Er war der Zeit nach der erste, und ist dem Werte, nach bis heute der erste, nämlich der bedeutendste. Alle seine Nachfolger sind eine hübsche Strecke hinter ihm zurückgeblieben; selbst der gefeierte Morris Rosenfeld hat ihn nur annähernd erreicht. Rosenfeld besitzt vielleicht mehr Sprachgewalt, mehr Temperament; Frug dagegen verfügt über jene Ruhe und Gelassenheit, die zum Wesen des Künstlers notwendig gehören. Rosenfeld ist eine impulsive Natur, alles drängt bei ihm nach aussen, an die Oberfläche; er sagt nicht viel, aber laut, mit kraftvoller Stimme. Frug ist intensiv; alles ist bei ihm innerlicher, tiefer, die Tränen schwimmen nur so in seinen Augen, aber sie rinnen nicht seine Wangen hinunter, seine Seufzer klingen gedämpft und immer gedämpfter, je beklommener seine Brust ist. Rosenfeld erscheint uns immer in ein und demselben Gewände: der Jude als Proletarier; Frag zeigt uns den Juden in seiner proteusartigen Vielgestaltigkeit. Deshalb ist auch Frug spezifischer jüdisch als Rosenfeld, dessen Arbeiterlieder — die meisten seiner Lieder sinds ja — das jüdische Kolorit ganz gut entbehren können und zum Teil auch entbehren. Die Muse Simon Frugs hat ein spezifisch jüdisches Aussehen. Der Dichter selbst nennt sie die „jüdische Jargonmuse". In der als Gedicht in Prosa abgefassten Einleitung zu den in zwei Bänden vorliegenden gesammelten poetischen Werken Frugs

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