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Ost und West · 1907-06-01 · Heft 6 (Juni 1907) · p. Seite 375 - 376

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 6 (Juni 1907)
Article
Moderne Jargonlyrik
Date
1907-06-01
Page
Seite 375 - 376 (sequence 4)
Language
German
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375 Samuel Meiseis, Charlotten bürg: Moderne Jargonlyrik. 376 B. ELKAN DORTMUND. Knabe (Zeichnung). eine beträchtliche Stufe höher über den Durchschnittslyriker stellen Als jüdischer Volksdichter war er der erste, der das Jargonlied in Jamben und Trochäen dichtete Man lese sein Gedicht „Am Olam" (Das ewige Volk), das die Vertreibung der Juden aus Kussland und ihre Auswanderung nach Amerika schildert. Hier nur die ersten zwei Strophen: A.uf dem vvaiten ineer flilieu hin im her schiffe ohu a zohl; dorten im gerider segeln unsre brider, die bene jisro'l.') Nischt aus der medine*2) Imlien oder Chine führen s'chaure sei; dorren schwimmen ziuder arme, nackte kinder zwischen weiten zwei. Schafir hat in die Ghettopoesie zum ersten Mal etwas Naturempfiudiing hineingetragen. Für die jüdischen Volksdichter existierte nämlich die Natur nicht. Das Wort Natur in seiner umfassenden Bedeutung fehlte in ihrem Sprachschatz. Sie gebrauchten es nur im Sinne von Charakter: die J) bene jisro'l Kinder Israel.* 2)] medine Land. Natur des Menschen, eine Weibsnatur. Auch das hebräische Wort „tewa" (Natur) bekam bei ihnen nur die Bedeutung von „Eigenschaft", „Gewohnheit". Man sprach von einer „guten tewa" (guten Eigenschaft) und von einer „miessen tewa" (üblen Gewohnheit). Es wäre durchaus falsch, diese Erscheinung auf einen angeborenen Mangel an Naturempfinden zurückzuführen. Nicht etwa eine schwache Sehkraft oder gar das gänzliche Fehlen eines ausgeprägten Schönheitssinnes bedingte sie. Im Gegenteil. Das Schöne, das innerhalb der Ghettomauern vorhanden war, sahen, fühlten, liebten und besangen sie in allen möglichen Tonarten. Sie bekundeten sogar einen recht scharfen Blick für alles Schöne und Glanzvolle im Ghetto. Viele erhabene Schönheitslinien, die aus der trüben Ghettozeit wie glänzende Lichtstreifen zu uns herüberleuchten, sind zum grossen Teil ihre Entdeckungen gewesen. Aber die Schönheit der Natur lag ausserhalb der Ghettomauern, in jenen Gegenden zumeist, zu denen die Juden keinen Zutritt hatten ... Es ist gewiss mehr als blosser Zufall, dass das erste Jargongedicht mit der Ueberschrift „Die Natur" im freien Amerika entstand . . . Erst in der Freiheit erwachen im Juden all die edlen Gefühle und Empfindungen, die die Grausamkeit der Menschen jahrhundertelang in ihm erstickt hat. Die modernen Jargonlyriker, die vorzügliche Naturmaler sind, beweisen uns, mit welcher Liebe und Innigkeit der Jude sich in die göttliche Natur versenken kann. Aber während die modernen Jargonlyriker sich in ihrem Erfassen der Natur in allen Stücken modern zeigen, äussert sich in den Naturschilderungen der letzten jüdischen Volksdichter und ersten Jargonlyriker eine gewisse spezifisch-jüdische Empfindungsart. Zur nähern Illustration möge hier das folgende B. ELKAN DORTMUND. Porträtmedaüle des Grossherzogs von Baden.

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