Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1907)
- Article
- Moderne Jargonlyrik
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 373 - 374 (sequence 3)
- Language
- German
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373 Samuel Meiseis, Charlotten bürg: Moderne Jargoniyrik. 374 war verschieden: bald ätzend-satyrisch, bald ernst und eindringlich. Bald wetterten sie gegen den Parteienzwist der Männer, gegen den Luxus der Frauen, bald verherrlichten sie das jüdische Familienleben und priesen die jüdischen Feiertage. Heute verspotteten sie den Fanatismus der Chassidim, morgen rühmten sie die gute alte Zeit. Die gute alte Zeit war das Lieblingsthema der jüdischen Volksdichter. Eljakum Zunser, Goldfaden, Seuffert, Schafir bis herab aut Lateiner und Scheikewitz — alle haben sie Lobeshymnen auf die gute alte Zeit gedichtet. Führ dich nooch der alter weit, die neie is gor falsch, varstellt . . . Eine glühende Liebe zum Judentum spricht aus ihren Liedern. Der Name Jud ist ihnen teuer, einerlei, in welcher Sprache er ausgesprochen wird. Selbst der Name „zyd", in den der Pole soviel Verachtung hineinlegte, gilt ihnen als Ehrenname: Ich hob dich lieb, mein volk, du teiere umme,1) du starke, du schene, du feine, du frumme; ich lieb dein nomen, wie men gibt ihm a dreh|: zi2) jisroel, zi israel, zi ibri, zi jewre, zi ja'akov, zi jakob, zi jude, zi jid, ich hob dich lieb afilu3) beim nomen „zyd" . . . (A. Goldfaden.) Und dieses Volk, das sie so herzinnig liebten, trösteten sie in den schweren Ta^en des Unheils. Sie suchten es aufzurichten und ihm Mut einzuflössen: Willst Du verzagen, Jakob, und dein alter Gott schläft nicht, und dir winkt noch eine frohe Zukunft! — — — Mancher trat wie ein tröstender Jesaias auf und erlaubte sich, im Namen Gottes zu reden. Charakteristisch für diese Gattung von Liedern ist ein Gedicht, betitelt: „Die Stimme Jakobs". Da tritt der Dichter vor Gott hin und klagt, dass er ferne sitze in den Zeiten der Bedrängnis und stillschweigend zusehe, wie man sein Volk martert und quält. Darauf die Stimme Gottes: Wirst blihen, ja'akov, wie im scheuen frihling bliht a rois, bist klein — men wird dich crkenen, bist geschichtlich groiss. Dein glick wird laichten wie var zaiten, wie die sonne frih; res-atto4) si-z ich vun der waiten, un kik mir klomersch5) zu. (Beirach Schafir.) War auch keine eigentliche Poesie in ihren Liedern, so lag doch Methode darin. Erstens musste fast jedes Gedicht einen Kehrreim haben. Dann mussten — da Text und Melodie gleichzeitig entstanden — die Strophen eine gewisse Einheitlichkeit aufweisen. In den historischen Liedern wurde die chronologische Eeihenfolge strengstens beobachtet. Da machten sie oft einen Rundgang J) uumie Volk. *) zi ob. 3) afilüselbst. 4) l'esatto vorläufig. 6) kl omerseh — scheinbar. durch die jüdische Geschichte: eine Reise um die Welt. Von Egypten gings nach Palästina, von hier über Babylon nach Rom, von da wiederum durch Spanien über Deutschland nach Polen, bis sie endlich im freien Amerika anlangten. Fast jeder jüdische Volksrichter hat in mehreren Gedichten diese Reise gemacht . . . Auch innerhalb der Mauern des Ghetto wurden derartige Rundgänge unternommen. Das Leben und Lieben im Ghetto wurde in allen möglichen Schattierungen gezeigt. Die jüdischen Volksdichter achteten es gering, einen einzelnen Fall zu behandeln. Immer musste. eine ganze Gattung von Fällen herhalten. Wollten sie die handelsmässig abgeschlossenen Ehen geissein, so glaubten sie, die Unmoral solcher Ehepakten an unzähligen Beispielen demonstrieren zu müssen Sie dichteten frisch drauf los ein meterlanges Poem, in dem jede Strophe ein anderes Ehepaar vorführte. Aehnlich waren auch die Chassidimlieder. Sabbatlieder, die Spottlieder auf die „moderne" Welt. Sie zeigten von jedem Ding die Kopf- und Wappenseite. Das folgende Liedchen „Das Weib4' ist typisch für diese ganze Gattung von Liedern. Dos Weib* Wer macht einem dos leben siess? — a weib. Wer macht einem dos leben miess? — a weib. Wer is far ein mann dos gresste glick? Wer brengt ihm derzu, er soll sich machen chik? — a weib, a weib. Sie bot doch kein maure1) far dem stärksten hdd, Sie is die stärkste chaje2) auf der weit. Wer kenn lachen uu nischt aufheren? — a weib. Wer kenn weinen mit falsche treren? — a weib. Wer is mechaje'dig,3) süss un geschmak?4) Wer is auf der weit der gresster schlak? — a weib, a weib. Sie hot doch kein maure far dem stärksten held. Sie is die stärkste chaje auf der weit. (Josef Lateiner.) Unter den jüdischen Volksdichtern sind die bedeutendsten: Abraham Goldfaden und Beirach Schafir. Der erste ein dramatisches Talent, der andere ein verkommenes lyrisches Genie. Der erste als Verfasser mehrerer „Dramen" und Schöpfer der jüdischen Bühne allenthalben bekannt, der andere verschollen und vergessen. Goldfaden ist der erste Jargondramatiker; bei Schafir vollzieht sich die Metamorphose vom jüdischen Volksdichter zum Jargonlyriker, Schafir hätte ein Heine der Jargonliteratur werden können, wäre er nicht das Opfer einer falschen Erziehung gewwden. Eigentlich kann bei ihm von Erziehung nicht die Rede sein. Weder Eltern noch Freunde haben für die Ausbildung dieses Talents gesorgt. Er hat nicht das Glück gehabt, entdeckt zu werden. Er entdeckte sich selbst. Als Autodidakt brachte er es soweit, in vier Sprachen dichten zu können: Jargon, Hebräisch, Deutsch und Polnisch. Er hat in allen diesen Sprachen Gedichte veröffentlicht, die ihn r) maure Furcht. 2) chaje Lebewesen. 3) me- .ehaje'dig belebend. 4) geschmak lieblich.