Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1907)
- Article
- Moderne Jargonlyrik
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 371 - 372 (sequence 2)
- Language
- German
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371 Samuel Meiseis, Charlotten bürg: Moderne Jargonlyrik. 372 folgende Liedchen, in dem ein Mädchen seinem Geliebten Untreue vorwirft: Kummst zu gehn zu mir un brengst mir a fatscheile, \) gehst awek zu. ein ander meideie, sogst du, 'ch bin a schfeile.2) Kummst zu gehn zu mir, sogst du, ich bin teier, gehst awek zu ein ander meideie, brennt dein herz wie a feier. Die ersten jüdischen Volksliederdichter waren die sogenannten „Badchonim", die Hochzeitsspassmacher. Sie waren die Lieblinge der Uochzeitsgäste. Der „Badchen" war die persona grata auf der jüdischen Hochzeit in Ghetto. Eine Hochzeit ohne Badeheu gliche einem Ball ohne Tanz. Mau muss sich ihn nicht als blossen Spassmacher denken. Er war der Selbstherrscher, und die Hochzeitsgesellschaft musste sich seinem Willen beugen. Wollte er aufheitern, so saug und tanzte und lachte alles um ihn her; wollte er trübselig stimmen, so verstand er Töne anzuschlagen, dass Mäunerherzen weich wurden und Frauenaugen in Tränen badeten. Er mischte Klagelieder in Jubelhymnen, ins Jauchzen des Festes ein Winternachtstrauern. Und die Gesellschaft nahm beides wohlwollend entgegen. Der Jude in Ghetto konnte eitel Freude nicht vertragen. Die Kabbalisten schrieben vor, dass der Jude in den Becher Wein, den er zur Heiligung des Sabbats trinkt, einige Tropfen Wasser hineingiesse; in die Stimmung der Freude einige Wermutstropfen hineinzugiessen — hat er sich selbst vorgeschrieben. Der eine Satz: „Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zuteil" hätte genügt, Schiller im Ghetto populär zu machen. Das war so ganz das Lebensprogramm der Ghettojuden. Ungemischte Freude? Wie wäre das nur möglich! . . . Ein kleines Wölkchen blieb auch für die heiteren Tage aufgespart. Und sie hatten es gerne, mitten im Jubel auf dieses trübe Wölkchen aufmerksam gemacht zu werden. An einem Hochzeitstage besorgte dies der Badchen. Der „Hochzeitsspassmacher" hatte überhaupt eine hohe Meinung von seinem Beruf. Er trat als Prediger auf; er moralisierte, belehrte, hielt Braut und Bräutigam ein Register von Sünden vor, die sie nie begangen hatten, und mahnte sie an ihre Pflichten für die Zukunft; er sagte — so en passant — den Anwesenden Wahrheiten, die sie sich an einem Werkeltase von keinem Rabbiner hätten sasren lassen. Aber ihm klatschten sie Beifall. Er machte doch nur „Spass". Die jüdischen Volksdichter waren keine Lyriker im eigentlichen Sinne. Sie verstanden nichts von der Dichtkunst. Ohne Regeln waren ihre Dichtungen. Ihre Verse hatten verrenkte Füsse. Aber der Reim war da, den Rythmus besorgte die Melodie. Da wurden in dem einen Vers l) fatscheile ein Kopftuch, hier im 'cmne von Geschenk. 2) schfeile gemeines. B. ELKAN DORTMUND. Oelbild: Die Eltern des Künstlers. die Worte gedehnt, in dem andern drei Worte mit einem Mal verschluckt — so glich sich das aus. Jedes jüdische Volkslied kam mit einer Melodie zur AVeit. Sein Verfasser dichtete singend. Der Text eines jüdischen Volksliedes ist gar oft höchst abgeschmackt, mit begleitendem Gesang jedoch fliesst es weich und melodisch ins Ohr und von dem Ohr ins Herz. Es lässt sich nicht ermessen, welche Wirkung die Volkslieder auf die Juden im Osten ausübten. Ihr Einflnss auf die moderne Jargonlyrik ist gross. Auch bei Frug und Rosenfeld lassen sich ihre Spuren nachweisen. Volksdichter nannten sie sich, Volkslehrer waren sie. Sie predigten Moral und Sittlichkeit, Gottvertrauen und Liebe zum Volke. Sie kämpften für die wahre Religiosität und gegen den finstern Aberglauben. Mit bewundernswerter Offenherzigkeit und Unerschrockenheit deckten sie alle inneren Schäden auf. Sie sahen ihre Mission darin, die zugenagelten Fenster im Ghetto aufzureissen, damit das Licht hineindringe: Bildung Aufklärung. Sie hatten ja selbst dieses Licht noch nicht gesehen; sie wussten auch nicht, obs wärmt oder sengt; aber sie ahnten, dass es gut sei . . . Der Ton, mit dem sie in ihren ,.gereimten Predigten" zum Volke sprachen,