Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1907)
- Article
- Moderne Jargonlyrik
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 369 - 370 (sequence 1)
- Language
- German
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369 370 MODERNE JARGONLYRIK. Von Samuel Meiseis (Charlottenbürg). Noch vor zwei Dezennien wäre es eine schwierige Aufgabe gewesen, über Jargonlyrik zu schreiben. Erstens wussten dazumal die westeuropäischen Juden nicht viel vom Jargon, und die osteuropäischen nicht viel von der Lyrik. Die einen hatten von dem sogenannten „Yiddish" wunderliche Ansichten, die andern noch wunderlichere von der Lyrik. Die einen verwechselten den Jargon mit Mauscheln und Kauderwelsch, die andern die Lyrik mit „gereimten Predigten". Die einen spotteten über den Jargon, die andern sprachen allen Eegeln der Dichtkunst Hohn. Hier und dort war das Urteil getrübt. Erst unsere Zeit hat auf beiden Seiten eine erfreuliche Aufklärung gezeitigt. Das Westjudentum weiss jetzt, dass der Jargon eine Sprache ist, die zurzeit noch von dem grössten Teil der Juden in Kussland, Galizien, Rumänien, in England und Amerika gesprochen wird und in der es eine Literatur und eine Tagespresse gibt, und das Ostjudentum hat erfahren, dass Lyrik sich aus so etwas wie Sprachfeinheit, Gefühlsstimmung, Seelenerguss, Naturempfinden und ähnlichem zusammensetzt. Es sei gleich vorweggenommen: der erfreuliche Fortschritt, den ich auf beiden Seiten konstatiert habe, ist nur relativ gemeint, und zwar im Verhältnis zu früheren Zeiten. Im Verhältnis zu der Kenntnis anderer Sprachen oder zu den lyrischen Erzeugnissen in andern Sprachen ist in dem einen wie in dem andern Lager noch immer ein gut Teil von Rückstäudigkeit zu verzeichnen. Die Kenntnis des Jargons beim westeuropäischen Judentum reicht noch immer nicht aus, diese Sprache vollkommen gerecht beurteilen zu können; und das osteuropäische Judentum wartet noch immer auf den grossen Dichter, der das Jüdisch-deutsche" Schrifttum in der Weltliteratur vertreten könnte. * * * Die ersten poetischen Erzeugnisse in der jüdischen Literatur waren die jüdischen Volkslieder. Sie gehören zu dem Schönsten, was je die Literatur eines Volkes an primitiver Kunst geschaffen bat. Ob man am Stile den Menschen erkennt, ist zweifelhaft; dass sich aber in den Volksliedern die Psyche eines ganzen Volkes offenbart, ist gewiss. Besonders in den jüdischen Volksliedern spricht sich die Seele dieses müdgehetzten Volkes mit all seinen Sehnsüchten und Wünschen, seinen Träumen und Hoffnungen aus. Der Familiensinn und die Streitsucht, der Heldenmut und die Unterwürfigkeit, das Gottvertrauen und die Resignation, der einseitige Gelehrsamkeitskult und der Mangel an einem praktischen Sinn fürs Leben — alle diese Tugenden und Mängel des Ghettojuden treten in diesen Volksdichtungen deutlich zutage. Ursprünglich sind die jüdischen Volkslieder geschaffen worden, um von Frauen gesungen zu werden. Das beweisen in erster Linie die Wiegenlieder, mit denen jüdische Mütter ihre Lieblinge in den Schlaf sangen. Diese Lieder entstanden im Nachdruck verboten. Ghetto, wie Bäume aus der Erde wachsen. Wie Natur laute klangen sie hervor aus den Herzen der Mütter. Jede Mutter hat irgend ein Wort ihrem schlafenden Engel, ihrem Sonnenscheinchen, zugerufen, und wie von selbst reihte sich ein Wort an das andere. So entstand das jüdische Wiegenlied. Später lullte damit jede Mutter ihr Kind ein. In ihren Gefühlen konservativ, fand sie darin alle Wünsche und Hoffnungen ausgedrückt, die sie für die Zukunft ihres Kindes erfüllten. An den Wünschen im Ghetto hatten die Jahre wenig geändert; sie blieben stereotyp. Und was wünschte sich eine jüdische Mutter? Dass ihr Sohn ein frommer, thorakundiger Jude, eine Leuchte in Israel, ihre Tochter eine züchtige Hausfrau, Gattin eines Gelehrten und Mutter von gelehrten Kindern werde. Das wünschten sich alle Mütter im Ghetto: die Frau des Rabbiners wie die des Holzhauers. Alle sangen dasselbe Wiesenliedchen. Es klang wie ein Gebet, wie der Feenspruch an der Wiege Schneewittchens. Würden alle diese Gebete vom Himmel erhört wor den sein, das jüdische Volk wäre heute in der Tat ein Volk von Priestern, von lauter Weisen und Thorakundigen. Wie im Siddur andere Gebete für den Mann und andere für die Frau vorgeschrieben sind, so war auch ein anderes Wiegenlied für das Knäblein, ein anderes für das Mägdelein. Unter der Wiege des Söhnchens waren „Rosinen und Mandeln" Rosinkelach mit mandelen dos is die beste s'chaure,1) mein sunale wird lernen taure.2) Taure wird er lernen, storim3) wird er schreiben, un a jid a talmid-chochem4) wird mein suuale bleiben. Auch unter der Wiege des Töchterchens waren „Rosinen mit Mandeln", die „beste s'chaure". Aber eine jüdische Tochter braucht keine „taure lernen." Ihr Beruf ist ein ganz anderer. Häuslich und wirtschaftlich erzogen, dabei auch schreibens- und lesenskundig muss sie sein. Wirst araus vun de wieg hot men arbeit genig ongegreit far dir azind, zu sticken tichelach zu leienen büchelach derweil sclilof sich aus, mein kirtd. In ähnlicher Weise waren auch die Liebeslieder für Frauen bestimmt. Da befindet sich, im Gegensatz zu den Volksliedern anderer Völker, seiton ein Lied, das die Liebe des Mennes zur Frau schildert. Immer ist es das Weib, das nach dem Geliebten schmachtet, die Frau, die ihren nnch Amerika verreisten Gatten beweint, die Gattin, die die Abtrünniofkeit ihres Mannes beklagt. Rührend ist das *) s'chaure=Ware. 9) tanre=Lehre. 3) sforim —Bücher. 4) talmid-chochem ein Gelehrter.