Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Mein Aufenthalt in Palästina
- Date
- 1907-05-01
- Page
- Seite 351 - 352 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583960-2588641--07202-2588699- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
351 Theodor Oschinsky: Mein Aufenthalt in Palästina. 352 Kinder, alte Frauen und Männer beschäftigt. Die sonst auf der Straße bettelten, werden, wenn auch bei geringem Verdienst, zur Arbeit angehalten. In anderen Räumen sind die Färbekessel untergebracht und auch die Trockenplätze. Wir sehen Haarnetze, von denen man glaubte, ein Stück in der Hand zu haben, während es vier Dutzend waren. — Wir besuchen die Bäckerei und lassen uns ein eben fertig gewordenes Brot aus dem Ofen herausnehmen. Inzwischen ist es Mittag geworden; die Arbeiter versammeln sich vor dem Speisehause; es sind ca. 1000 Personen, die hier gespeist werden. Wir besichtigen noch den Krankensaal und die Synagoge. Selbstredend ruht jede Arbeit am Sonnabend und auch an den Feiertagen, Wir besichtigen die Schlafsäle, die sehr luftig und rein sind, ferner die große Küche und den Eßsaal. Beim Verlassen der Räume gehen wir über den Hof, auf dem bei Erbauung dieser Handwerkerschule bei Ausgrabung des Grundes zwei steinerne Sarkophage gefunden wurden. Nach Tisch besichtigen wir das Rothschild'sche Krankenhaus und werden von Herrn Dr. Michalowitsch, dem dirigierenden Arzt, herumgeführt. Es besitzt 35 Betten, das Wärterpersonal besteht aus sechs Leuten, die tüchtig geschult sind und unter Umständan auch die Assistenten vertreten müssen. — Im Unterstock ist eine gut eingerichtete Apotheke, ein Laboratorium, für deren Erhaltung, Ausrüstung und Ergänzung der Chemikalien die Rothschild'sche Verwaltung in Paris Sorge trägt. In diesem Krankenhaus, das durch Rothschild erhalten und unterhalten wird, finden nur Arme Aufnahme. Wir besichtigen dann die Alterversorgungs-Anstalt, in der 130 Personen untergebracht sind, kommen in die Küche und bewundern hier den großen Schaletofen für die Speisen und den Tee, die bereits für den morgigen Sonnabend fertig sind. Nachdem wir auch die drei kleinen Synagogen uns angesehen haben, gehen wir in die Irren- und Siechenanstalt, die durch unermüdliche Arbeit von wohltätigen Frauen errichtet wurde und einem dringenden Bedürfnis abgeholfen hat. — Früher haben diese unglücklichen Kranken die Straßen unsicher gemacht. — Wir kommen nun in die Waisenanstalt, in der zwar nur 30 Waisenkinder untergebracht sind, aber 80 Kinder verpflegt werden. Von dort gehen wir weiter durch das jüdische Viertel zwischen hohen Mauern durch das Zionstor. Hier ist der Eingang zur Stadt Zion, hier lagen früher die Wohnungen König Davids und Salomos. Hier sollen in den Gewölben, zu denen die Türken den Eintritt nicht gestatten, die Gräber Davids und Salomos liegen. Wir schreiten durch das Judenviertel: furchtbare Gassen, die trotz großen Verkehrs wenig Licht und Luft haben; sie machen einen traurigen Eindruck. Wir besichtigen den Tempel des Rabban Jochanan ben Sackai und gehen $uch in die drei Betschulen, die hinter diesem großen Gotteshause nebeneinander liegen. Auf einem großen, freien Platze sehen wir die Häusergrupp^n, die von den Philanthropen der einzelnen Ländergruppen gestiftet worden sind. Sehr schön und massiv gebaut, dienen sie armen Leuten zur Wohnung. Bei dem großmächtigen Gebäude, in dessen Inneren das Synhedrion zu Gericht gesessen, das auch heute dem türkisch-religiösen Gerichtshof als Gerichtsstätte dient, machen wir Halt. Wir können von hier aus den alten Tempelplatz mit der Omar-Moschee und auch die Klagemauer erblicken. Auf der Via Dolorosa begeben wir uns zurück und besuchen die Jeschiwa. — Hier herrscht die größte Sauberkeit, die strengste Disziplin, hier werden die jungen Leute beköstigt, hier haben sie ihre Schlaf Stätte. Winklige Gassen weisen uns den Weg zur Klagemauer. Der Raum an dieser Mauer ist ca. fünf Meter tief und 150 Meter lang. Vier große Quadersteine übereinander sind die einzigen Reste vergangener Pracht. Der Grund der Mauer liegt noch etwa 20 Meter unter der Erde. An dieser Mauer stehen Juden und Jüdinnen, und schicken klagend und weinend ihre Bitten zum Himmel. Heute, da es gerade Freitag Abend ist, sieht man die Andächtigen in vielen, vielen Gruppen Gebete verrichten. Man sieht hier die eigentümlichsten Trachten. Hier steht ein Pole mit langem blauem Sammetmantel, dort ein Rumäne, dort ein Russe, ein Ungar, ein Deutscher; alle in den verschiedensten Kostümen. Seidene rote, blaue, gelbe, braune Kaftane verhüllen die meist sehr langen Gestalten, und eine Sammetmütze mit Pelzboste bedeckt den Kopf. Wir besuchen die kleinen sephardischen Betschulen, verrichten in dem großen, aschkenasischen Tempel unser Gebet, machen noch einen Abstecher zu den Kabbalisten, die in weiße Mäntel gehüllt auf hohen Bänken, die Füße untergeschlagen, sitzen. Am nächstenTage, Sonnabend, den 3. März, werden wir nach dem Gottesdienst von den Direktoren der Alliance-Schule erwartet und gehen unter ihrer Führung durch eine Gasse, die sonst ein Jude ungefährdet nicht betreten kann, nach dem französischen Hospiz. In liebenswürdigster Weise erklärt sich ein Bruder bereit, uns alle Räume dieses ungeheuren Komplexes zu zeigen. Vom Dach aus haben wir einen großartigen Ausblick über ganz Jerusalem. Hier sieht man die Omar-Moschee, die Erlöserkirche und die Hauptsynagoge in einer Linie zusammenstehen. Auf der einen Seite die Trümmer des alten Jerusalem, auf der anderen Seite Neu-Jerusalem mit seinen Neubauten der deutschen, russischen, englischen französischen und ungarischen Kolonien. — Wir folgen einer Einladung in die Blindenanstalt. Wir wohnen dem Unterrichte bei. Diese Unglücklichen lesen uns aus ihren Büchern vor, indem sie mit unglaublicher Schnelligkeit die einzelnen Buchstaben abgreifen. Dann zeigt man uns die Werkstätten, in der sie Bürsten aller Art anfertigen, Rohrstühle flechten und sonst noch allerlei Handfertigkeiten ausüben. Auch die Mädchen und die kleinen Kinder suchen wir auf, die uns zu Ehren einen Gesang anstimmen und von denen dann zwei ein Duett vortragen. — Nach Tisch besuchen wir die Nationalbibliothek. In einem Gebäude, das zu dieser Zeit bis zum ersten Stock ausgeführt war, ist die Bibliothek