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Ost und West · 1907-05-01 · Heft 5 (Mai 1907) · p. Seite 349 - 350

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 5 (Mai 1907)
Article
Mein Aufenthalt in Palästina
Date
1907-05-01
Page
Seite 349 - 350 (sequence 7)
Language
German
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349 Theodor Oschinsky: Mein Aufenthalt in Palästina. 350 Von da ging es zur Jordanfurt. Interessanter ist die Reise nach Bethlehem. Wir fahren bei dem Gehinnom-Tale vorbei in langer Fahrt bis zum Eliaskloster. Dieses Kloster ist von Kreuzfahrern gegründet worden. Am Grabe Raheis machen wir halt und besuchen die Grabstätte unserer Erzmutter. Durch einen niedrigen Eingang gelangt man ins Innere der Grabkapelle, zu der nur die Juden den Schlüssel haben. Von der Decke hängen große eiserne Leuchter herab, die Öllämpchen fassen. Viele verrichten hier ihre Gebete und zünden zum Gedächtnis an die Verstorbene ein Lämpchen an. Diese wehmütige Erinnerung wird einigermaßen gestört, als unser Führer uns einige Briefe zeigte, die abergäubische Männer und Frauen an Rahel geschrieben haben, von der sie Erfüllung ihrer Bitten erhoffen. Von da geht es weiter nach Bethlehem, der Geburtsstätte König Davids. Wir besuchen hier die Geburtskirche. Durch eine Säulentorhalle, deren Säulen von dem Tempelplatz genommen sein sollen, gelangt man in die Hauptkirche, wo an drei streng von einander getrennten Altären und Gebetsstellen die drei Sekten ihre Gebete verrichten. Eigentümlich mutet es uns an, mitten in der Kirche einen türkischen Soldaten stehen zu sehen, der mit geladenem Gewehr Wache hält. Die drei Sekten, Armenier, Griechen und Katholiken, streiten miteinander um die Oberherrschaft. Da solche Streitigkeiten^, die oft einen blutigen Ausgang nehmen, sich wiederholten, so hat die türkische Regierung auf Intervention der ausländischen Mächte eine ständige Wache in die Kirche beordert. — Nachdem wir noch von einer Baustelle aus das Feld des Boas gesehen haben, gehen wir in die verschiedenen Bazare, in denen uns namentlich Perlmutterarbeiten auffallen. — Nachmittags fahren wir auf einem Wege, der seinerzeit für unsern Kaiser hergestellt wurde, zum Ölberg, von dessen Turm selbst ohne Fernglas das Tote Meer und der Jordan zu sehen sind. Bei verschiedenen, wunderbar erhaltenen Bauten führt unser Weg vorbei so z. B. an der Besitzung Calba Sabuahs, jetzt einem Araber gehörig. Wir steigen hinab und bewundern die aus dem Felsen gehauenen Stufen, die eine Breite von acht Meter haben; wir kommen zu den beiden Brunnen, die in alter Zeit dem Besitzer als Bad gedient haben, darauf durch ein großes, durch die Felswand gehauenes Tor hinab auf einen großen Platz. Hier sind die Königsgräber. Von da kriecht man mit Lichtern in der Hand durch eine kleine Öffnung in die eigentliche Gruft. In die Felswandungen sind fünf große, viereckige Öffnungen eingehauen, die die Sarkophage aufgenommen haben. An der Seite führt eine kleine Öffnung hinab auf einen Weg, der unterirdisch bis nach Safed führen soll. Freitag, den 2. März Besichtigung der Lämel- Schule, die außerhalb der inneren Stadt in schönster Lage sich befindet. Ein schönes, aus Stein errichtetes Gebäude mit großen, hohen und hellen Schulzimmern, bestellend aus neun Klassen. Wir fanden überall staunenswerte Resultate, selbst die kleinsten Kinder sprechen mehrere Sprachen, deutsch, französisch, hebräisch und arabisch. In der Seminarklasse wird gerade Schiller (Die Kraniche des Ibykus) vorge- Rothschildschule in Jerusalem. Lea als trauernde „Tochter Zion." nommen, in einer anderen Klasse die schlesischen Kriege zwischen Friedrich und Maria Theresia. Darauf besuchten wir die Kinderschule (Kindergarten). Hier antworteten die Kinder, kaum vier Jahre alt, hebräisch. Von da gingen wir zur Alliance-Schule und auch zur Alliance-Handwerkerschule. Die Gebäude dieser Schulen nehmen einen sehr großen Raum ein. Da die Zeit knapp bemessen war, besichtigen wir heute nur die Handwerkerscliule. Der Direktor dieser großen und sehr verzweigten Anstalt, seihst ein früherer Schüler der Alliance, der in Damaskus und Paris ausgebildet wrurde, beweist große Umsicht und Tüchtigkeit. — Wir gehen zuerst in die Möbeltischlerei und sehen eine gerade fertig gewordene, schön geschnitzte Zimmereinrichtung, die für einen reichen Zionisten in Jaffa bestimmt ist. — Wir kommen dann in den Zeichensaal, erfeuen uns an den schönen Zeichnungen, die sämtlich von Schülern gemacht werden, die unter einem Meister stehen, der ebenfalls seine Ausbildung bei der Alliance erhalten hat. Wir sehen modellieren, auch fertige Modelle, und kommen dann zu den Metallarbeitern. Hier sehen wir Kupfer in Formen gießen, auch die fertigen Abgüsse und kupferne Gefäße stanzen. Dann besichtigen wir die Schlosser- und Schmiedewerkstatt. Wir sehen die Metalldrechsler den Stahl bearbeiten, und kommen in die Woll- und Seidenweberei, die einen sehr großen Umfang hat. Mit dem Aufspulen der Fäden werden viele arme

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