Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Mein Aufenthalt in Palästina
- Date
- 1907-05-01
- Page
- Seite 353 - 354 (sequence 9)
- Language
- German
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353 Theodor Oschinsky: Mein Aufenthalt in Palästina. 354 untergebracht, die von der Bne Brith-Loge gegründet, durch die Schenkungen eines hochherzigen Mannes in Bialystock bedeutend erweitert wurde. Wir setzen unseren Rundgang fort und begeben uns in das Allgemeine jüdische Krankenhaus Schaare Zedek. Wir wrerden von dem dirigierenden Arzt Dr. Wallach und dem Vorsteher Herrn Marx empfangen und herumgeführt. — Wir bewundern die schönen luftigen Krankenzimmer, das nach den neuesten Anforderungen eingerichtete Operationszimmer, die schönen Korridore und vor allem die große Sauberkeit. Separat gelegene große Infektionsbaracken nehmen die mit ansteckenden Krankheiten behafteten Kranken auf. Geschlechtskranke gibt es weder hier noch im Rothschild'schen Krankenhaus. Sonntag, den 4. März besuchen wir zunächst die Alliance-Schule. Sie ist in einem sehr schönen und großen Gebäude untergebracht. Wir besuchen alle Klassen und wohnen dem Unterrichte bei. Wir hören jüdische Geschichte, Mathematik, Arithmetik, auch Buchführung und kaufmännisches Rechnen. Wir waren überaus befriedigt von den Leistungen der Schüler, die durchweg sehr guten Eindruck machten. Hier unterrichten elf Lehrer, von denen zwei von der Alliance ausgebildet sind. Im vorigen Jahre wurde auch eine Mädchenschule gegründet, die mit 130 Schülerinnen begann. Auch von den Erfolgen im Kindergarten mit 75 Kindern waren wir geradezu überrascht. Dann gingen wir in die Eveline v. Rothschild'sche Mädchenschule. Hier werden uns die von den Schülerinnen angefertigten Arbeiten vorgelegt: die eine stickt sehr schöne Thorakleider und zieht goldene und silberne Fäden über die in Pappe ausgeschnittenen Modelle, andere werden als Modistinnen und Wüstenpolizist. Schneiderinnen ausgebildet, wieder andere werden in den Seminarklassen zum Gouvernantenexamen vorbereitet. Jedes Jahr kommt ein Prüfungskommissar aus Cairo, der die staatliche Prüfung dieser Schule abhält. — Montag, den 5. März fahren wir zeitig nach dem Bahnhof. Hier herrscht reges buntes Treiben: eine große Anzahl Bettler aller Konfessionen, Männer, Weiber und Kinder haben sich eingefunden. Wir nehmen Abschied von unseren Freunden, die es sich nicht haben nehmen lassen, uns das Geleit zu geben, und steigen dann in unseren Wagen. Wir werfen noch einen wehmütigen Blick auf das hohe, heilige Jerusalem, dann ein Pfiff, und der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Jerusalem. 'Den Zöglingen der hiesigen Alliance- Schulen ist von der Leitung der Alliance Egypten, das seit der Etablierung der englischen Herrschaft ein Land der Freiheit geworden, als Zufluchtsstätte eröffnet worden, als das Land, in dem sie ihre in den Allianceschulen gewonnenen Fähigkeiten in ungehindertem Wettbewerb entfalten und nützen können. Der glücklichste Erfolg lohnt die aufgewendeten Bemühungen und leLrt Zeugnis dafür ab, dass die Alliance das richtige getroffen hat, die Zukunft der ihr anvertrauten Zöglinge zu sichern. Der ganze Schulunterricht hat dieses Ziel im Aiu»e. Um dieses Zieles willen haben die Alliance - Schulleiter den Unterricht namentlich im Französischen gepflegt, dessen Kenntnis im ganzen Orient und vornehmlich in Egypten den jungen Leuten bei dem Kampf ums Dasein einen Vorsprung giebt. Hierbei wie immer war die Alliance einzig von dem Wunsch geleitet, das zu tun, was ihren Schützlingen förderlich sein könnte, denn ihr ganzes Werk gehört allein diesen Schützlingen. Die Unterstellung, dass die Alliance politische Sonderzwecke im Au e habe, sich in den Dienst einseitiger nationaler Bestrebungen stelle, ist immer und überall falsch und irreführeud, nicht selten hewusst verleumderisch gewesen. Das Verfahren der Alliance hat jetzt die Anerkennung selbst derer gefunden, die bisher der Meinung gewesen sind, der Sprachunterricht in den Alliance-Schulen des Orients sei nach nationalen Voreingenommenheiten geregelt worden und dürfte eine Umgestaltung nach anderen nationalen Voreingenommenheiten erfahren. Der Hilfsverein hat sich entschlossen — was alle Anerkennung verdient — dem Beispiel der Alliance zu folgen und in der von ihm an der hiesigen Lämelschule eingerichteten Handelsschulklasse, die die jüdischen jungen Leute für ihr Fortkommen in Egypten vorbereiten soll, für sämtliche Kurse die französische Unterrichtssprache einzuführen! — Wir registrieren diese Huldigung, die zwar stumm ist, aber gleichwohl die Verdienste der Alliance lauter preist, als Beredsamkeit vermöchte. Die Vorkommnisse in Rumänien. Wie an leitender Stelle in dieser Nummer dargelegt worden ist? unsere Leser auch schon aus dem Aprilheft erfahren hatten, ist die jüngste Bedrängnis unserer Glaubensgenossen in Rumäuien für die Alliance Israelite Universelle nicht überraschend gekommen, so dass von ihr aus und von der Israelitischen Allianz in Wien die Hilfsaktion bereits organisiert und ausgestattet war, als die Not hegann. Grossherzig, wie immer, und in grossartigem Massstah stellte die Jewish Colonisation Association ihre geschulten Kräfte zur Verfügung, nicht für den augenblicklichen Bedarf, sondern für eine weitgreifende und von ihr allein zu leitende Auswanderungspolitik. Vorschauend fasste man von derselben Seite für die in Bedrängnis Zurückbleibenden die Schaffung wirtschaftlicher Einrichtungen ins Auge, die sich an anderen Orten unter der gleichen Leitung bereits dauernd und glänzend bewährt haben. Das Fr ankfurtei- Hilfscomite für die osteuropäischen Juden bot