Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1907-05-01 · Heft 5 (Mai 1907) · p. Seite 347 - 348

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 5 (Mai 1907)
Article
Mein Aufenthalt in Palästina
Date
1907-05-01
Page
Seite 347 - 348 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583954-2583960-2588641--07200-2588697
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

347 Theodor Oschinsky: Mein Aufenthalt in Palästina. 318 Blicken dar. Von der Stadt Jerusalem, die ca. 700 m über dem Meeresspiegel liegt, sieht man die kuppelgekrönte Synagoge, die Omarmoschee, die Grabeskirche, das Jaffa-Tor, das Davids-Tor und die Davidsburg mit ihrem hohen historischen Turm. Mit wehmütigen Empfindungen, Tränen in den Augen, steht man an den Trümmern unserer einstigen Größe und muß sich in den Willen Gottes fügen; sonst begreift man nicht, wie es selbst einer noch viel größeren Übermacht bei dieser natürlichen und künstlichen Festung möglich sein konnte, hier einzudringen. Freilich geschah dies, nachdem die heldenmütigen Verteidiger durch Hunger geschwächt waren. Die eigentliche alte Stadt ist von einer 22 m hohen, ca. vier Kilometer langen Mauer umzogen. Die beiden Hauptstraßen kreuzen sich in der Mitte und teilen die Stadt in vier Quartiere, das muslimische, das jüdische, das armenische und das griechisch-französische. Die Gassen sind winklig, an manchen Stellen überwölbt, schlecht gepflastert und bei Regenwetter sehr schmutzig. Die Häuser sind aus Stein gebaut, alle Flächen sind zum Abfangen des Regenwassers eingerichtet, das in die im Hofe befindliche Zisterne geleitet wird. Unter den 60 000 Einwohnern Jerusalems sind i0000 Juden, die zum großen Teil von den Spenden europäischer Glaubensgenossen, der Chalukka, leben. — Diese Chalukka ist ein Verderb für die Juden Jerusalems, sie erzieht von Kindheit an zur Bettelei und zum Nichtstun. Die Alten und die Jungen lernen in der Jeschiba und schicken ihre Kinder nicht in die Schule, da sie sonst von der Chalukka ausgeschlossen sein würden. Aber schon fängt es auch dort an zu tagen. Es haben sich mehrere junge Leute zu einer Vereinigung zusammengeschlossen, deren Mitglieder die Chalukka zurückweisen und nur durch Arbeit ihr Brot verdienen. Rothschildschule in Jerusalem. In unserem Hotel erwartet uns schon eine Deputation der Eveline von Rothschild-Mädchenschule, die uns zu einer Vorstellung in der Schule nach dem Abendbrot einlädt. Wir nehmen die Einladung an und werden von Lehrerinnen abgeholt. — Das Programm war sehr reichhaltig. Zuerst wurden Reigentänze aufgeführt, dann wurde deklamiert. Mit großem Geschick wurde dann eine Harems-Szene arrangiert. Ein überaus schönes Mädchen stellte die eine der Haremsdamen vor und zog durch guten Gesang, graziösen Tanz und Anmut aller Blicke auf sich. In der Ruth-Szene wirkte ihr herrliches Spiel bezaubernd. Als trauernde Tochter Zions trat ihr blendend weißes Gesicht in der schwarzen Witwenkleidung ganz besonders hervor. Bebenden und trauernden Herzens fühlten wir mit der Armen, die über einen Leichenstein gebeugt, verzweifelnd ihrem Kummer Ausdruck gibt. Zum Schluß erscheinen alle Darstellerinnen und singen mit Fahnen in den Händen begeistert ein Zionslied. Diese Vorstellung machte auf uns einen überwältigenden Eindruck. Wir dankten der Lehrerin der Schule, Fräulein Landau, herzlichst und gaben einige Spenden für die armen, kleinen Kinder, die meist zuhause nichts zu essen und kaum eine Schlafstelle bei ihren armen Elternjin den elenden, jeder Beschreibung spottenden Wohnungen haben. In dieser Schule bekommen sie als Mittagsmahl: trocknes Brot und einige Oliven. Manchmal essen sie nicht alles und nehmen die vom Munde abgesparte Nahrung den Eltern mit. Ein solches Elend zu bekämpfen, reichen alle Mittel, reichen alle Wohltätigkeitsantalten nicht aus; es wird erst dann aufhören, wenn die Juden die Landessprache beherrschen und zu Arbeitern erzogen werden, die lesen, schreiben und rechnen können. Am nächsten Tage sollten wir nach Hebron fahren. Da erklärte unser Führer, daß die Wege unpassierbar seien. Ein Teil unserer Gesellschaft entschloß sich, zum Toten Meere, Jordan und Jericho, der andere Teil nach Bethlehem zu fahren. Die Reise zum Toten Meere geht zunächst in -das Tal Kidron hinunter, dann bei Bethanien vorbei, nach unzähligen Windungen, es sind fast 1200 Meter zu überwinden, kommt man am Meeresufer an. Totenstille herrscht überall, kein Lebewesen ist zu sehen. Das Meer ist spiegelglatt. Einige aus der Gesellschaft baden hier; sie sind erstaunt, daß sie nicht untersinken, selbst die Beine werden von dem Wasser in die Höhe getrieben. Von da fahren sie nach Jericho. Was ist aus dieser einst so stolzen Stadt geworden! Ein ganz ärmliches Fellachendorf mit Haremspiele. eini£en besseren Hotels!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.