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Ost und West · 1907-05-01 · Heft 5 (Mai 1907) · p. Seite 343 - 344

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 5 (Mai 1907)
Article
Mein Aufenthalt in Palästina
Date
1907-05-01
Page
Seite 343 - 344 (sequence 4)
Language
German
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343 Theodor Oschinsky: Mein Aufenthalt in Palästina. 344- Beirut. Alliance^Knabenschule. Ansprache, die alle andächtig anhörten, dankte ich zunächst Gott, daß er uns wohlbehalten hier in Palästina hat ankommen lassen, gedachte der Zeit der Blüte und des Verfalles unseres Landes, beglückwünschte uns, daß es uns vergönnt worden, das heilige Land, wenn auch in der jetzigen Verfassung, zu schauen, und hob hervor, daß der Allgütige immer zur rechten Zeit hat Männer in Israel erstehen lassen, die Vollstrecker seines Willens sind. So hat hier der Philanthrop Rothschild durch weise Anordnung und durch Hergabe von großen Mitteln aus der Einöde ein Paradies geschaffen, in dem so viele Glaubensgenossen in Freiheit leben und gedeihen können. Nach dem Abendbrot begaben wir uns, während draußen starker Regen fiel, und ein Gewitter tobte, zur Ruhe. Dienstag, den 27. Februar werden wir um 3 Uhr morgens geweckt. Nach dem Frühstück sollen wir trotz des Unwetters in die Wagen steigen. Regen und Sturm hatten aufgehört, aber pechschwarze Finsternis hüllte das Dorf ein. Wir weigerten uns, in dieser Dunkelheit abzureisen. Erst um 5 Uhr setzten wir uns beim Schein unserer elektrischen Taschenlampen in die Wagen. Das naßkalte Wetter, das spritzende Wasser, die kleinen und großen Tümpel, die sich durch Regen gebildet hatten, machten die Fahrt mehr als ungemütlich. Mit Anbruch des Morgens fahren wir bei der jüdischen Kolonie Hedera vorbei, die leider wegen des sumpfigen Geländes vom Fieber viel heimgesucht wird. Durch Anpflanzen einer großen Zahl Eukalyptus-Bäume sucht man jetzt den Sumpfboden auszutrocknen, der dann noch durch künstliche Entwässerung zu fruchtbarem Boden gemacht wird. Plötzlich wird bei einem kleinen Sumpf Halt gemacht. Der Sumpf war zur Zeit der Kaiserreise überbrückt worden. Seit dieser Zeit haben Stürme und Regen die Brücke fortgerissen. Kein Mensch, keine Regierung kümmert sich um ihre Wiederherstellung. Alle müssen aussteigen, ein Führer geht in das Wasser hinein, wir reißen mit großer Mühe aus dem noch feststehenden? Teil der Brücke Steine heraus, werfen sie ins Wasser und schaffen uns so die Möglichkeit, einigermaßen trockenen Fußes an das jenseitige Ufer zu gelangen. Unsere Damen werden von dem Führer hinübergetragen. Die leeren Wagen werden abseits an einer seichteren Stelle herübergezogen. Der Gepäckwagen aber bleibt trotz der Assistenz der anderen Pferde im Wasser stecken. Die Gepäckstücke müssen deshalb heruntergeworfen werden, und dann endlich kommt auch dieser leere Wagen hinüber. Nach kurzer Rast geht es weiter, bis nach Verlauf einer halben Stunde sich ein ähnliches Manöver abspielt. Die Wege werden wieder so schlecht, daß wir mit unseren Wagen bald nach der einen, bald nach der anderen Seite neigen und uns fortwährend bemühen müssen, im Wagen das Gleichgewicht herzustellen. Endlich, um die Mittagszeit, wird ein einsames Haus sichtbar. Rasch streben wir diesem Ziele zu. In der einzigen Stube dieses Beduinenhauses wird aus den Brettern der Bettstellen ein langer Tisch hergestellt, und hier werden unsere Speisevorräte ausgepackt. Trotz der Unappetitlichkeit der ganzen Umgebung essen wir, weil wir hungrig geworden sind, wir halten uns jedoch nicht lange auf und steigen wieder in unsere Wagen. Wenn auch eine Strecke lang die Wege etwas besser werden, glauben wir manchmal doch uns auf einer Berg- und Talfahrt zu befinden: tief hinab geht es in sausendem Lauf, dann strengen sich die Pferde an, wieder die Höhe zu erklimmen. Das Schütteln war zeitweilig so arg, daß immer einer im Wagen die Aufsicht übernehmen mußte und an den fraglichen Stellen kommandierte: Festhalten! damit man nicht aus dem Wagen geschleudert werde. — Gute, mit Kies bestreute Wege führen uns darauf an der jüdischen Kolonie Pethach Tikwah vorbei. Große Kakteenzäune und Spalierobst grenzen die einzelnen Felder von einander ab, auf denen hauptsächlich Orangenbäume sich befinden. Die Kolonie konnte in diesem Jahre die beste Orangenernte verzeichnen. Wir fahren weiter, abwechselnd von Regenschauern, Sturm und Sonnenschein begleitet. Wir warten auf unseren Gepäckwagen, da jetzt bei Eintritt der Dämmerung Beduinenzelte sichtbar werden, deren Insassen sich auf Raub verlegen. In der Tat wollte ein Beduine auf einen Wagen springen, um sich zu vergewissern, ob sich die Ausraubung des Gepäckwagens ermöglichen lasse. Wir haben ihn jedoch verscheucht. — Die Sonne ist gesunken. — Die Dämmerung dauert nur ganz kurze Zeit, sofort herrscht tiefste Finsternis, die nur hin und wieder dem Mondlicht weicht. Klar und deutlich treten plötzlich die Sterne heraus, ein unvergeßlicher Anblick; wir glauben, die Sterne greifen zu können, so groß und nahe erscheinen sie uns.

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