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Ost und West · 1907-05-01 · Heft 5 (Mai 1907) · p. Seite 341 - 342

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 5 (Mai 1907)
Article
Mein Aufenthalt in Palästina
Date
1907-05-01
Page
Seite 341 - 342 (sequence 3)
Language
German
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341 Theodor Oschinsky: Mein Aufenthalt in Palästina. 342 Nach unserer Landung setzen wir bei schönstem Wetter uns in die bereitstehenden Wagen und fahren durch das saubere Städtchen zum Hotel Carmel. Wir begeben uns in das Schreibzimmer und fallen über die ausliegenden Postkarten her, weil jeder seinen Lieben wieder einmal ein Lebenszeichen geben will, das erste aus Palästina. Vor unserem Hotel liegen Millionen von kleinen Muscheln, die wie bei uns der Kies zum Beschütten genommen werden. Wir begegnen einer Anzahl sehr sauber gekleideter Kinder, die, von einer Diakonisse geführt, ein deutsches geistliches Lied singen. Unsern Gruß erwidern die Kinder artig in deutscher Sprache. Nachdem wir die Landungsbrücke, die für unseren K aiser gemacht war, besichtigt und einen sehr schönen Ausblick auf die lange Straße genossen, setzen wir uns in •eigenartigeWagen, die mit je drei Pferden bespannt sind. Schon das Hiaufsteigen ist eine Turnübung. Diebeiden Seiten sowie die Rückwand sind mit Leinwand überspannt, die bei gutem Wetter hinaufgerollt wird. Wir fahren das Mittelmeer entlang. Vor uns ist der Karmel, der ganz kahl und steinig sich stundenlang hinzieht. Am Abhang dieses Gebirges sind Mönche beschäftigt, das Ackerland von den vielen Steinen zu befreien. Sie wollen hier Wein anbauen. Am Gipfel des Gebirges steht das berühmte Carmeliter-Kloster an der Stelle, an der Prophet Elia die Baalspriester verhöhnt und die abtrünnigen Juden wieder zu Gott geführt hat. Eine mehrere Kilometer um das Gebirge laufende Mauer grenzt die gewaltigen Besitzungen des reichen Klosters ab. Wir kommen nun an fruchtbaren Gegenden vorbei, sehen Karawanenzüge vorüberziehen und auf dem Felde die Fellachen die schwersten Arbeiten verrichten. Das ist die Straße, die die Kreuzfahrer gezogen sind. Traurigen Blickes sehen wir auf die Ruinen von Athlit, wo der letzte Verzweiflungskampf der Juden gegen die Römer stattfand. Nach kurzer Rast fahren wir bis zur Kolonie Sichron Jacob. Wir steigen ab und sehen die üppigsten Anlagen, Mandelbäume in schönster Blüte, Orangen- und Olivenbäume, namentlich Weinpflanzungen. Schon die ersten Häuser machen einen guten Eindruck, fast alle sind aus Mauerwerk erbaut und sehen wie neu aus; die Straßen sind chaussiert und sehr sauber, auch Wasserleitung ist vorhanden. Wir steigen wieder in unsere Wagen und halten unsern Einzug in die erste jüdische selbständige Kolonie. Vor dem Hotel steigen wir ab, das zwar*für uns keine Bequemlichkeit bietet, aber für die kleinen Verhältnisse der Kolonie mehr als ausreichend ist. Während wir den Kaffee einnehmen, erscheint der inzwischen von unserer Ankunft benachrichtigte Vertreter der Administration, stellt sich mir vor und erwähnt unter anderem, daß er von der Alliance ausgebildet wurde. Er zeigt uns die Kolonie, das schöne, in einem großen Garten liegende Hospital, und führt uns dann zu den Rothschildschen Kellereien. Hier stellt sich uns der Direktor Guttmann vor, ebenfalls ein ehemaliger Alliance-Schüler; wir erhalten angezündete Kerzen und werden in die Tiefe hinabgeführt, wo an den Wänden in drei Etagen riesengroße Fässer aufgestapelt sind, die alle mit dem edelsten Naß gefüllt sind. Hier lagern Der Jordan. 13 000 Hektoliter Wein. — Diese schönen Fässer sind von Alliance-Schülern selbst gefertigt, die das Holz, das aus Europa geliefert wird, hier an Ort und Stelle verarbeiten. Nachdem wir in die großen Räume geführt wurden, in denen die ganze Weinbereitung vor sich geht, auch" die große Kognakfabrik eingehend besichtigt und bewundert haben, gehen wir in die Synagoge, die schön und geräumig ist. Hier fiel mir besonders auf, daß an den Wänden die Namen der Stammväter und -Mütter und verschiedener Propheten und Könige angeschrieben waren. — Die Bauern kamen so, wie sie gerade angezogen waren, zum Gebet. — Dann besuchen wir die Bibliothek und die Lesehalle, die unser Interesse sehr in Anspruch nahmen. Die jüdischen Kolonisten arbeiten tagsüber schwer, und des Abends suchen s:e sich noch fortzubilden. Wir wurden hier von einem Manne empfangen, der nach Feierabend das Amt eines Bibliothekars verwaltet. Er zeigte uns die reichhaltige Bibliothek, die französische und jüdisch-deutsche Bücher enthält. In der anschließenden Lesehalle liegen einige Zeitungen aus. Auf dem Rückwege treffen wir eine Anzahl Kinder, alle kräftig und gesund; sie sprechen hebräisch und freuen sich, wenn einige von uns ebenso antworten. Die Kinder erhalten in einer Knaben- und Mädchenschule Unterricht in Hebräisch, Türkisch und Französisch und gewinnen auch die elementarsten Kenntnisse, die sie in ihrem zukünftigen landwirtschaftlichen Beruf brauchen. Jn dieser ganzen Kolonie, die an 1000 Seelen zählt, wohnen nur Juden. Sie verwalten den Ort ganz allein und wählen alljährlich sieben Personen, die das Regiment führen. Den Wein, d. h. die Trauben verkaufen sie an die Rothschildsche Administration. Alle sind Rumänen. Sie wären mit ihrem Lose sehr zufrieden, wenn sie nicht, da sie türkische Untertanen werden mußten, von den Steuerpächtern der türkischen Regierung allzusehr bedrückt würden. Obwohl das Gesetz nur eine Abgabe von 10°/o vorschreibt, erreicht diese durch die gesetzwidrige Schätzung 25°/0 und noch mehr. — Beim Abendbrot, das mehr als frugal war, saßen wir alle beisammen. In einer kurzen

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