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Ost und West · 1907-05-01 · Heft 5 (Mai 1907) · p. Seite 339 - 340

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 5 (Mai 1907)
Article
Mein Aufenthalt in Palästina
Date
1907-05-01
Page
Seite 339 - 340 (sequence 2)
Language
German
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339 Theodor Oschinsky: Mein Aufenthalt in Palästina. 340 landen, schwand bald; das Meer war zu stürmisch. Der Kapitän bestimmt endlich, daß das Schiff weiter, nach Beirut fahren soll, und wir haben wieder eine qualvolle Nacht vor uns.Wie Hohn erschien es uns, als der Steward uns zum Diner auffordert, da wir doch nicht aufstehen konnten. Wir bitten ihn, uns ein Glas Tee zu bringen; er verweist uns in den Speisesaal. Hierbei kann ich nicht unterlassen, folgendes Intermezzo zu erzählen. Nachdem mein Sohn bereits 24 Stunden auf hartem Lager gelegen und viel von der Seekrankheit ausgestanden hatte, empfand er großen Hunger. Er weichte einStückchen altesBrot in demTee auf, den einer unserer Führer sich selbst bereitet hatte. Dieser Führer ging in die Küche und verlangte ein Stükchen Brot, das uns die Schiffsleitung (wir waren auf einem russischen Schiff!) außer der Zeit vorenthalten will; da stürzt der Koch auf ihn zu und ruft: „Du Jude, Dir gebe ich nichts!" Endlich ist es Morgen, der Sturm hat sich gelegt. Wir sehen in nächster Nähe den Libanon mit seinen ewigen Schneegipfeln, die in der Sonne glitzern, wir sind in Beirut. — Nach der üblichen Paß- und Zollrevision steigen wir in unserem Hotel ab. Bald nachTisch machen wir eine Spazierfahrt, zunächst durch einen Teil der Stadt, die terrassenförmig gebaut ist. Man sieht schöne große Gebäude abwechseln mit verfallenem Gemäuer, dem man das mehr tausendjährige Alter anmerkt. Da es vorher stark geregnet hat, sind die Straßen und Chausseen so schlecht, daß die Räder unserer Wragen bis zur Nabe einsinken. Soweit das Auge reicht, ist alles voller Maulbeerbäume. Es fallen uns die kräftigen Gestalten auf und die vielen schönen und wohlgenährten Kinder. W7ir sehen unter ihnen Gesichter, wie sie weißer und schöner bei uns nicht zu finden sind, aber auch braune und schwarze. . . . Sonnabend, den 24. Februar bleiben wir im Hotel und erfreuen uns auf der sonnigen Terrasse an dem Anblick der mit den schönsten Früchten behangenen Citronen- und Orangenbäume. Sonntag, den 25.Februar vormittags besichtigten wir die Alliance-Schulen, zunächst die Mädchenschule, die 250 Schülerinnen hat. — Wir waren erstaunt über das, was hier geleistet wird. Wir sahen die überaus sauberen schriftlichen Arbeiten, einige Schülerinnen trugen Gedichte vor, schwierige Rechenaufgaben wurden auf der Tafel ausgearbeitet und gelöst, ein Lehrer erteilt gerade hebräischen Unterricht und läßt aus dem Pentateuch lesen und übersetzen. Dann gingen wir zur Knabenschule, die einige Minuten entfernt von der Mädchenschule liegt; hier sind 300 Schüler. Jn sehr hohen geräumigen Zimmern wird der Unterricht erteilt. Wir hörten französich, jüdische Geschichte in hebräischer Sprache, auch die Geographie von Deutschland wird uns zu Ehren durchgenommen; die Schüler wissen, welche Länder in Europa Republiken und welche Monarchien sind. Wir finden in den schriftlichen Arbeiten schön gezeichnete Landkarten, Zeichnungen von Thermometern, Barometern und verschiedenen anderen physikalischen Instrumenten. Auch im kaufmännischen Rechnen zeigen die Schüler große Gewandtheit. Wir nehmen dann im Konferenzsaal Platz, wo ein Schüler Konfekt herumreicht. Ich freute mich darüber, daß dieser kleine Junge erst den anwesenden Damen aufwartete und dann den Herren. Wir-nehmen Abschied, nachdem ich mich mit den Schülern hatte photographieren lassen. Nachmittags machten wir wieder eine Spazierfahrt. An der Küste des Mittelmerees entlang führen uns in Windungen ansteigende Chausseen an weiten Orangen- und Zitronenplantagen vorüber. Die Küste ist sehr malerisch. Durch die starke Brandung des Meeres sind ihr zerklüftete Felsen vorgelagert. An der Taubengrotte machten wir Halt und bewunderten die eigenartige Gestaltung der riesigen Felsen, die wie von Künstlerhand gearbeitet aussehen. Sie haben am unteren Ende Tore, durch die ein Nachen hindurchfahren kann. Zu unserer linken Seite ist wundervoller Frühling, auf der rechten Seite ewiger Winter: der langgestreckte Libanon, dessen Höhen mit Schnee bedeckt sind. — Nach kurzer Rast kommen wir wieder in die Stadt, die heute ungemein reges Treiben zeigt. — Wir verlassen das Weichbild der Stadt und kommen in den berühmten Pinienwald, wo wir Rast halten. Da kommen in rasender Eile Reiter, die dem Wagen ihrer Herrin, der Frau des Gouverneurs vom Libanon, Chader Pascha, voraussprengen. Wir grüßen nach europäischer Art, und die im Wagen sitzenden Damen erwidern unsern Gruß durch freundliches Kopfnicken. Wir fahren weiter an der Grenze zwischen Libanon und Beirut entlang, immer das ganze Gebirge überblickend, bis wir wieder in unserem Hotel angelangt sind. Nach sehr kurzer Rast begeben wir uns zum Hafen, von dem aus wir zu unserem Schiffe gerudert werden. Nachdem wir hier ganz energisch unser Recht auf gute Kabinen verfochten haben, belegen wir diese und begeben uns auf Deck. Unsere nächsten Nachbarn sind eine große Anzahl Pferde, die noch fortwährend Gesellschaft erhalten, denn soeben langt ein Kahn mit Pferden an. deren Ausladung auf unser Schiff wir mit ansehen. Der Krahn macht ohrenbetäubenden Lärm, ebenso das Einladen einer Unmasse Waren in Säcken. Ballen und Kisten. Dann kommen Ziegen, Esel und Ochsen, kurz: unsere Reisegesellschaft ist sehr gemischt. Das Meer ist spiegelglatt, der Himmel ausgestirnt, die Luft sehr angenehm. Nach lebhafter Unterhaltung begeben wir uns zur Ruhe. Montag, den 26. Februar, morgens 6 Uhr, langen wir in Caiffa an. Die Kähne der verschiedenen Gesellschaften kommen heran, umschwärmen unser Schiff, Araber erklimmen wie Piraten die Treppen, die schwersten Lasten tragend, Reisende kommen fortwährend in großer Zahl an und verändern jedesmal das Gesamtbild. Unsere Führer fahren eiligst an Land, um unsere Landung zu regeln. Es vergeht fast eine Stunde, die Zeit der Weiterfahrt unseres Schiffes ist bald gekommen, und noch immer sind sie nicht zurück. Wir werden ängstlich, nehmen schon unser Gepäck und wollen eigenmächtig das Schiff verlassen, als das geübte Auge eines Matrosen den Kahn mit unseren Führern heranrudern sieht. Wir werden nun in größter Eile in unsere Boote gesetzt und in ruhiger Fahrt steuern wir dem Ufer zu.

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