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Ost und West · 1907-05-01 · Heft 5 (Mai 1907) · p. Seite 311 - 312

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 5 (Mai 1907)
Article
Jung-hebräische Lyrik
Date
1907-05-01
Page
Seite 311 - 312 (sequence 3)
Language
German
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311 Samuel Meiseis: Junghebräische Lyrik 312 bereits mehrfach 4ns Hebräisclie übertragen worden, aber die Ueberset^lifig Tscherniehowskis kommt dem Original am nächsten. * * * Liebe sei vor allen Dingen Unser Thema, wenn wir singen. Dieses Wort Goethes hat bis vor kurzem in in der neuhebräisehen Literatur wenig Anklang gefunden. Was ist Liebe? Tändelei. Ein ernster Mann ist nur ein Philosoph, ein Weisheitsliebender. Und als die allerjüngste Generation, an Goethe und Heine gestärkt, Liebesweisen zu dichten anfing, entstand — eine Pressfelide. Zuerst wurde die Frage aufgeworfen, ob man Dichter sein könne ohne Liebe? Die einen bejahten, die andern verneinten, und stürzten sich beide ins Unrecht. Ein angesehener hebräischer Schriftsteller wollte die Liebe aus der modernen Poesie ausgeschaltet wissen, weil dieses Gefühl, so mächtig es auch im Menschen ist, sich für die Poesie Uberlebt, ja weil -die Liebe seit dem Hohenliede bis auf Heine bereits die ganze Skala der Gefühlstöne erschöpft hätte; es sei jetzt nicht mehr gut möglich, nach dieser Richtung irgend etwas neues hinzuzudichten . . . Diese Pressfehde ist charakteristisch. Das ist noch ein Ueberbleibsel der alten Beth-ha-midrasch- Methode, selbst reine Gefiihlsmomente und Fragen der Aesthetik mit einer strengen Logik begründen zu wollen. Die eigentlichen Liebessänger in der neuhebräisehen Literatur sind 1. L. Perez und A. Liboschitzki. Perez ist ein stimmungsreicher Poet, der die Gabe besitzt, für die geheimsten Seelenvorgänge die richtigen Klang werte zu finden. Der Grundzug seiner Poesie ist geheime Wehmut, die wie stille Andacht ihre Seufzer in die Luft haucht. Auch ein Hauch von Mystik durchweht sie. Mit seiner kleinen Gedichtsammlung „Der Liebespsalter" tritt er als der Schöpfer des hebräischen Liedes auf, indem er zeigt, wie man seiner dichterischen Empfindung den entsprechenden musikalisch-rythmischen Wortklang verleiht. Aus diesem Büchlein hat vor einigen Jahren Herr Moritz ZobeL den Lieder* zyklus Die Palme ins Deutsche Ubersetzt. Ich zitiere daraus die folgenden drei Lieder: Schone mein, Palme, Mütterlich milde, Armseliger Flüchtling bin ich. Tags zehrte die Sonne an mir. Abends nunmehr erschöpft, Such' ich die Rast deines Schattens. Und wenn Du wundersam rauschest, Versteh' ich das Wispergeheimnis Deiner Facherzweige. Dein Schatten, Palme, birgt Zauber! An Deinem saftgrünen 6tamm Feh windet mein Ungemach hin. Mein Herz hegt friedvolle Klarheit, Alle Wunden verharrsehen. Und traumschöne Jugendhoffnung Erwacht, schwingt sieh empor — Sag' mir. o Palme: Wer ist der Lichtstrahl. Der Wolkenfiöre durchriss Und eindrang in deine Zweige? Ist wirklich der Morgen schon da Oder hat dich der Mond bloss begriisst Oder ist's gar der Jünglingstraum Der an die Herzkammer pocht? — Matt ist meine Seele, matt — — Und Dir zu Füssen Leg1 ich mein glühend Haupt. L. LEVY-D HU R.VIER Der Denker. PARIS.

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