Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Jung-hebräische Lyrik
- Date
- 1907-05-01
- Page
- Seite 309 - 310 (sequence 2)
- Language
- German
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309 Samuel Meiseis: Junghebräische Lyrik. 310 weil er Hoffnungen wie Eosen im Winter welken sieht, da flüchtet er in die Arme seiner Lehrmeisterin, da sucht er jenen Ort auf, Wo wildbrausende Wellen an mächtge Felsen schlagen Und er ruft selbstbewusst aus: Ich muss mich schämen, Seh ich wie die Fe]sen der Wellen spotten Und stolz die Häupter tragen. Tschernichowski liebt das Goldland der Jugend, das Lachen des Frühlings mehr als die glühenden Augen seiner Geliebten, die zuweilen seine Seele versengen, mehr als das Läcüeln rosenroter Lippen, die mitunter süsses Gift verabreichen, und wie ein Gebet klingen seine „Sehnsüchte." Gebt mir meine Jugend wieder Und des Goldlands Festgelage Und die Zeit der frohen Lieder Und des Kindes Unschuldtage! 0 entfacht die glühnden Funken, Die die Phantasie belebet, Dass sie wieder, farbentrunken, Zauberträume um mich, webet. Gebt die Zeit mir ohne Sorge, Wo ich Wundermärchen kannte, Wo mich noch kein glühend Auge — Sondern Frühlings sonn e brannte. Seine Liebeslieder sind leidenschaftlich gemessen — man möchte fast sagen, von einer keuschen Ausgelassenheit. In der ersten Zeit des jugendlichen Liebesrausches überwuchert seine Phantasie. Da malt er das Bild seiner Geliebten nach allzubekanntem Muster. Das Allerbeste und Allerschönste, das er in der grossen Schöpfung vorfindet, muss ihr als Schmuck dienen: ein Bündel Mondscheinstrahlen, eine Dosis weisses Nordlieht, ein Quantum Rosenduft durchrührt mit Morgenröte, ein Gemengsei von pechrabenschwarzer Nacht und hellichtem Tag — all das in die richtige Grenzen verteilt, ergibt, wie zu erwarten war, ein überirdisches Wesen. Und wie ein himmlisch Wesen, das Erdenkinder dauern, Wie eine Edensblume in farbenreichster Blüte Erschienst du mir. — In Furcht und Wonneschauern Verhüllt' mein Antlitz ich und — kniete...... Zum Glück für den Dichter und die neuhebräische Lyrik ist diese Schwärmerei rasch verschwunden. Tschernichowski hat sich zum Meister des Minnegesanges emporgeschwungen. Die Liebeslieder „Deinen Namen trage ich auf Flügeln des Gesanges4', „Von allen Blumen im Garten", ,.Liebesboten", „An Mirjam" üben durch ihre Einfachheit und Innigkeit einen unwiderstehlichen Zauber aus. Ein Gedicht, das die Eingenart Tschernichowskis am besten kennzeichnet, möge hier in deutscher Uebertragung Platz finden: „Und du . . .b< Unendliche Wölbung in schimmernder Pracht Das mächtige Weltall umzäunet, umdacht; Unendlich das Luftmeer, blaufarben und klar, Drin segelt der Vögel frohsingende Schar. Und Himmelbläue Spiegelt der Bach — Und du bist so traurig, mein Täubchen! L LEVY-DHURMER PARIS. Die Mutter. Sieh, Berge und Täler der Morgen erhellt, In Blüten gebettet ist ringsum das Feld. Die Weizensaat dehnt sich — ein träumendes Meer, Das Zweikorn das reckt sich so stolz und so hehr. Und Winde, gelinde, Bewegen es leis Und du bist so mutlos, mein Täubchen! Tm fruchtreichen Garten, im ewigen Wald Der Lebensruf mächtig und freudig erschallt, Der Lebensquell rauschet durch Felder und Au. Die Blümelein schlürfen erquickenden Tau. Und sonnetrunken Die Knospe erblüht — Und du bist ohne Liebe, mein Täubchen! Auf dem Gebiete der Ballade ist Tschernowski in der junghebräischen Literatur geradezu bahnbrechend. Er weiss den richtigen Ton zu treffen und behandelt jüdische wie nichtjüdische Stoffe mit gleicher Virtuosität. Seine Balladen zeichnen sich durch eine prägnante Ausdrucksweise, einen feingegliederten Strophenbau und im allgemeinen durch eine mehr deutsche als hebräische Formgebung aus. ■— Tschernichowski ist auch ein ausgezeichneter Uebersetzer aus fremden Sprachen. Er hat Gedichte von Anakreon, Longfellow, Robert Burns, Shelley, Alfred de Musset, Richard Dehmel u. a. ins Hebräische übertragen. Meisterhaft ist seine Uebersetzung des bekannten Goetheseben Liedes „Ueber allen Gipfeln". Dieses Lied ist