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Ost und West · 1907-05-01 · Heft 5 (Mai 1907) · p. Seite 313 - 314

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 5 (Mai 1907)
Article
Jung-hebräische Lyrik
Date
1907-05-01
Page
Seite 313 - 314 (sequence 4)
Language
German
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313 Samuel Meiseis: Junghebräische Lyrik. 314 Liboschitzki ahmt mit nicht geringem Geschick Heinrich Heine nach und verpflanzt somit den graziösen Stil, den einfachen Strophenbau und den melodischen Keim in die neuhebräisehe Lyrik. Hierin liegt Liboschitzkis Stärke. Er ist entschieden ein schätzenswertes Talent, für die neuhebräische Literatur doppelt wert, und man tut ihm Unrecht, wenn man ihn zu verkleinern sucht. Es hat sich in letzter Zeit in der hebräischen Literatur eine kleine Partei gebildet, die jede Nachahmung verpönt. Das bekundet wenig Verständnis für die- Entwicklung einer Literatur. Die Nachahmung ist für eine Literatur, die sich im Anfangsstadium ihrer Entwicklung befindet, eine Notwendigkeit. In der deutschen Literatur ist der Kampf gegen die Nachahmung erst mit Lessing aufgenommen worden. Die junghebräische Literatur ist noch nicht so weit, sie hat noch keinen Lessing hervorgebracht Und im Grunde genommen ist die höchstentwickelte Literatur nicht frei von Nachahmungen. Wie Handelsbeziehungen gibts auch ("ieistesbeziehungen zwischen den Völkern. Auch geistige Werte, die ich in meiner Heimat nicht linde, müssen von draussen importiert werden. Abgrenzung ist kulturhemmend auf jedem Gebiet. * * * Von andern altern und jüngern neuhebräischen Lyrikern wären zu erwähnen: David Frischmann, ein Einsamer, der nur mit „dem Gott in seinem Herzen" durch die Welt wandert. — S. L. Gordon, ein Verskünstler, der Kraftausdrücke liebt und harte Reime bevorzugt. Einer aus der alten Schule, der sich mit jedem Tage verjüngt. Jakob Kohen und J L. Boruchovitz, Jünger Bialiks, die ihrem Meister Ehre machen. — S. Schneeur, ein nicht ungewöhnliches Talent, dessen Gedichte sich durch Einfachheit und Anmut auszeichnen. — Ausser diesen ist, noch eine Reihe von junghebräischen Lyrikern vorhanden, die teils einige Striche über, teils aber auch unter der Mittelmässigkeit stehen. BEIM DOKTOR. Nachdruck verboten. Monolog von Scholem Alechem. — Dem Jüdisch-Deutschen nachgebildet von Samuel Meiseis. Hören Sie mir nur zu, Herr Doktor, ich bitte Sie darum. Meine zerrüttete Gesundheit spricht aus mir. .Iber davon später. Meine zerrüttete Gesundheit ist eben eine ganz besondere Sache, und ich werde Sie aufklären, wie sie gekommen ist, wie sie entstanden ist, und worin sie besteht. Aber das ist nicht der Zweck meines Redens; der Zweck meines Redens ist, daß Sie mir zuhören. — Nicht jeder Doktor will dem Kranken zuhören, nicht jeder läßt zu sich reden. Vorhanden Doktoren, große Doktoren — ein reines Unglück! — die lassen gar nicht zu sich reden. Die verstehen nur den Puls zu fühlen, auf die Uhr zu sehen, ein Rezept zu verschreiben, und sich für die Visite bezahlen zu lassen. Nu, bezahlen, — meinetwegen, es verlangt doch keiner umsonst — aber nicht zu sich reden lassen, das ist schrecklich.....Von Ihnen, Herr Doktor, hörte ich sagen, Sie sind noch ein junger Doktor, und nicht wie die anderen Doktoren .... Auf einen Rubel mehr oder weniger, sagt man, kommts Ihnen nicht an, wie den anderen Doktoren. Deswegen, sag ich, bin ich auch zu Ihnen gekommen, um mich mit Ihnen zu beraten wegen meines Magens. Ich bin, wie Sie mich sehen, ein Mensch mit einem Magen. An sich ist das noch nicht sonderbares. Nach der Weisheit der „Doktorei" hat ja jeder Mensch einen Magen. Nur ist es eine ganz andere Sache, wenn der Magen wirklich ein Magen ist; wenn aber der Magen gar kein Magen ist, wozu nützt das Leben?--- Werden Sie wahrscheinlich antworten mit dem bekannten Spruch unserer talmudischen Weisen: „Du bist gezwungen, zu leben." Nu, diesen Spruch kenne ich auch ohne Sie, das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Was ich weiß, weiß ich eben .... Ich rede nur von dem, daß der Mensch, solange er lebt, nicht sterben will. Die Wahrheit gesprochen: ich selbst fürchte mich nicht im-geringsten vor dem Tod, denn erstens habe ich bereits die sechzig überschritten, und zweitens bin ich von Natur aus so ein Mensch, dem leben und sterben derselbe Jontew*) ist, das heißt, leben ist selbstverständlich gescheiter als sterben..... Welcher Mensch will denn sterben? Überhaupt ein Jüd? Überhaupt ein Vater von elf Kindern, sollen gesund sein, und einer Frau dazu! Zwar die dritte Frau, aber doch eine Frau . . . Kurz, ich will Sie nicht lange aufhalten. Ich bin ein Kamenetzer, das heißt, ich stamme nicht aus Kamenetz selbst, aber aus einem Städtchen unweit Kamenetz. Bin ich ein Kamenetzer, soweit wäre die Sache noch kein großes Unglück, bin ich aber noch dazu ein Jüd, ein Mühlenbesitzer . . . Ich halte eine Mühle, das heißt, die Mühle hält mich. Denn, wie heisst es: ist man mal hineingekrochen, so muß man darin liegen bleiben. Es hilft nichts. Es ist — verstehen Sie mich — ein Rad, und das Rad dreht sich. Bedenken Sie selbst: für den Weizen muß man zahlen, und das Mehl muß man auf Kredit liefern! Aber, wie gesagt, das geniert mich weniger. Hat man noch dazu mit ungeschlachten Menschen zu tun, mit Frauenzimmern .... Lieben Sie etwa die Frauenzimmer? Na, ich danke, versuchen Sie es nur, mit ihnen einmal abzurechnen, da werden Sie was schönes zu hören kriegen: Was heißt? Wofür dies? Wofür jenes? Bald ist das Mehl schwarz, bald war das Weißbrot nicht schmackhaft genug .... Versuchen Sie es mal, sich zu verteidigen : Trage ich die Schuld? Wahrscheinlich war der Ofen schlecht geheizt, wahrscheinlich habt Ihr schlechte Hefe hineingegeben, wahrscheinlich habt Ihr nasses Holz in den Ofen gesteckt — da überfallen sie einen wie die Räuber, schimpfen und fluchen und schwören, daß sie euch nächstes Mal das Brot an den *) Feiertag.

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