Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Jung-hebräische Lyrik
- Date
- 1907-05-01
- Page
- Seite 307 - 308 (sequence 1)
- Language
- German
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307 30S JUNO-HEBRAEISCHE LYRIK. Von Samuel Meiseis. (Schluss.) Nachdruck verboten. Eine ganz neue Note brachte in die neuhebräisehe Literatur Saul Tschernichowski. Ein Schönheitsanbeter. Ein Jude-Hellene. Der erste hebräische Lyriker, der mit Bacchus herumtollt, mit Aphrodite liebäugelt und Apollo seine Huldigungen darbringt. Aber beileibe kein Jude-Grieche, ähnlich den Juden- Griechen zu Zeiten der Hasmonäer. Jene hellenisierten das Judentum, er judaisiert das Hellenentum. — Kurz, ein durch das Judentum wohltuend gedämpfter Hellenismus; ein Schönheitskult ohne überschüssige Ausgelassenheit und zur Entartung führende Ausschweifung. ... So gibt sich uns Tschernichowski. In einem reizenden Gedicht „Vor einer Apollo-Statue" finden wir eine Art von Glaubensbekenntnis des Dichters. „Ich kam zu dir, du in Vergessenheit geratener Gott, du Gott der Vorzeit, der die stürmischen Leidenschaften jugendfrischer Menschenkinder beherrscht. Ich kam zu dir, ich der Jude, der einen ewigen Kampf mit dir geführt. Vor deiner Statue, dem Symbol des Lebenslichtes, sinke ich hin; ich knie vor dem Leben, der Kraft, der Schönheit, vor allen Herrlichkeiten der Natur! . . . Leben, Kraft und Schönheit, das sind die Götter Tschernichowskis. Er vergöttert die Natur und verherrlicht das Leben. Statt des Gottes der Geister betet er an den Gott des Herzens. Fragt ihr mich nach meinem Gott--- Er ist hier auf Erden........... Und dieser Naturanbeter geniesst die Schönheiten der Natur und besingt sie. Der Sang ist ihm gegeben. Er singt „wie der Vogel singt." Er sucht keine Mysterien in der Natur; er ist kein Sterndeuter; er belauscht nicht die Geheimnisse, die die Winde einander zuraunen, er hört nicht die Märchen, die die Wellen einander erzählen. Die L. LEVY-DHURMER Georges Rodenbach, (Alusee du Luxembourg.) Natur, wie er sie sieht und wo er sie sieht, sei es in den malerischen Gegenden der Krim, sei es in der herrlichen Umgebung am Neckarflusse, das ist sein Stoff. Er malt die Natur in abgetönten Farben und besingt sie in schmelzendem Kythmus und klangvollem Keim. Als Beispiel möchte ich hier sein stimmungsvolles Gedicht „Der Abend" anführen: Von des Berges Kücken Dunkle Schatten nicken, Wälzen Dämmerstreifen in die Silberfluten, Und die Hügel träumen, Mondesstrahlen säumen Ihre Gipfel mit schimmernd weissen Gluten. Sterne um die Hügel — Zephirs sanfte Flügel Hört man, rauschend durch des Baches Felsenritzen, Leis am Schilf erklingen ... Sieh — mit mächtgen schwingen Fliegt der Adler aufwärts zu -den Wolkensitzen. Freilich, dieses Gedicht erinnert an Matthissons Abendlandschaft Goldner Schein Deckt den Hain usw. In der modernen deutschen Lyrik ist die Matthissonsche „Naturempfindelei" ein — wie der allgemeine Ausdruck lautet — überwundener Standpunkt. In der junghebräischen Lyrik fängt sie erst an, und Tchernichowski ist der erste, der dieser Empfindungsart in einer „glücklichen Wahl harmonierender Bilder" Ausdruck leiht. Tschernichowski braucht sich dessen nicht zu schämen. Kein Geringerer als Schiller hat das Naturempfinden Matthissons und seine Naturgemälde gepriesen. Tschernichowskis Lehrmeisterin ist die Natur. Er verschmäht es, sich nach dem traditionellen Brauch seiner Stammesgenossen aus den weissschwarzen Weisheitsquellen die Lehren fürs Leben zu schöpfen* Man lernt das Leben, indem man es lebt, aber nicht, indem man es studiert. Ein mehr vernünftiger als poetischer Standpunkt. Aber er lässt sich in Poesie umsetzen. Tschnichowskis Lebensbejahung entquillt einem starken Willen zum Leben, einem angeborenen Bedürfnis nach Schönheit und Kraft. Es ist eine Lust zu sehen, wie dieser jüdische Apollo- Verehrer sich frei und beweglich herumtummelt auf Flur und Feld, Berg und Höh, überall lebengeniessend. Er lässt nicht die Kümmernisse des Alltags die reinen Quellen seiner Heiterkeit trüben. Der Schmerz beugt ihn ebensowenig wie ihn der Lebensgenuss verweichlicht. Immer aufrecht, immer elastisch. Und wenn Augenblicke kommen, wo auch seine Seele trauert und auch in seiner Brust Wunden brennen, PARIS.