Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Die Israeliten Rumäniens
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 277 - 278 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583959-2588500--07111-2588583- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
277 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten Rumäniens. 278 uehmigung einkömmen. Diesmal verweigert auf Befehl des Präfekten der Kommunalrat die Genehmigung. Zum zweiten Mal wird der Minister angerufen, dessen Entscheidung sich verzögert. Mittlerweile wird Abramowici aufgefordert, den Ort zu verlassen. Er geht nach Bukarest, um die ministerielle Entscheidung zu beschleunigen. Während seiner Abwesenheit erbricht die Ortsbehörde auf Befehl des Präfekten die Schlösser der Abramowicischen Wohnung, wirft das Hausgerät auf die Strasse, schafft es auf Wagen und schickt es nach Bucecea. Derartige kleine Polizeiakte werden von dem zornmütigen Präfekten von Botosany täglich angeordnet. Welche Ueberraschungen uns das beginnende Jahr bringen kann, wird man aus nachstehender Aeusserung der „Sentinela" vom 3. Dezember entnehmen: „Um der verfluchten jüdischen Lepra zu entgehen, die sich wie eine Sündflut von Heuschrecken auf unserer Väter Erbe niedergelassen hat, haben wir uns zur Anwendungalier gesetzlich erlaubten und nicht erlaubten Mittel entschlossen . . . Um unsere Länder zu befreien, unser verletztes Recht wiederzugewinnen, uns von der verfluchten Sklaverei der Juden zu erlösen, werden wir nicht Kugeln noch Tod, nicht unsere Regierung noch irgend eine Macht der Erde fürchten. Das soll man wissen!" Hier noch einige Zeilen, die der frühere liberale Unterrichts minister Haret als Antwort auf einen Vorschlag des gegenwärtigen Finanzministers Take Jonescu zu Gunsten einer mit Unterstützung fremder Kapitalien gegründeten Landbank niedergeschrieben hat: „Herr Jonescu überantwortet den Bauer auf G nade und Ungnade den fremden Bankiers, die einzig auf Gewinn von Dividenden bedacht sein werden. Die Aktien der Bank des Herrn Jonescu werden in den Händen dies früheren Maire von London (Sir Marcus Samuel) sein, der mit der gewohnten Frechheit seiner Rasse in den Augenblicken der Sicherheit vor Gefahren unser Land insultiert hat. Aktionäre werden sein Moschi Fischer und Genossen, die sich unserer Landgüter bemächtigt haben. Diese Aktionäre werden von rechtswegen die Herren des Landes sein, wie sie es bereits tatsächlich sind. Das ist das Mittel, das Herr Take Jonescu ersonnen hat, um den Artikel 7 zu entkräften." Wenn die führenden Klassen der Bevölkerung solche Gefühle gegenüber den Juden hegen, kann man sich dann verwundern, dass das Volk selbst sich unseren Glaubensgenossen gegenüber zuweilen feindlich zeigt? Im Verlauf des Jahres hat man sehen können, wie die Professoren Cuza, Jorda und andere mehr, Kundreisen im Lande veranstalteten, um vom Katheder herab in ihren Vorträgen zum Judenhass anzustacheln. Natürlich durchtränken sich die Studierenden mit den Hassgefühlen ihrer Lehrer und setzen die ihnen eingeimpften Theorien in die Praxis um. Auf diese Weise hat die studierende Jugend von Bukarest eine Gesellschaft jüdischer Damen, die den Saal des Athenäums gemietet und . die Schauspieler des Nationaltheaters engagiert hatte, gezwungen, eine Wohltätigkeitsvorstellung abzusagen. Es verdient dabei bemerkt zu werden, dass das Athenäum auf Grund einer öffentlichen Sammlung entstanden ist, an der die Juden sich in hervorragendem Masse beteiligt haben, wie sie auch jetzt wieder sehr beträchtlich zu einem Kapital zuschiessen, das zur Errichtung eines Blindeninstituts bestimmt ist, obwohl es kaum einem Zweifel unterliegt., dass Blinde jüdischen Glaubens zu diesem Etablissement ebensowenig Zutritt haben werden, wie zu den meisten Krankenhäusern. Es scheint übrigens, als ob selbst das Leben der Juden in den Augen der Landesjustiz keinen Wert hätte, und als ob die Geschworenengerichte den Grandsatz aufstellen wollten, dass jedem an einem Juden begangenen Mord die Freisprechung des Mörders folgen müsse. Im Verlauf des Jahres 1906 haben vier derartige Verdikte sogar die Rumänen selbst in Staunen versetzt. In Podul- Turcului wurde eine jüdische Familie ermordet; alle Angeklagten wurden freigesprochen. In Burdnjeni fällt eine andere Familie unter dem Messer der Mörder, die man entdeckt. Die Geschworenen sprechen die Mörder frei. In Braila wird Mendel, Schwieg ersohn des grossen Exporteurs Halfon, von einem seiner Arbeiter ermordet, der für einen Unfall eine Entschädigung von 100000 Frs. verlangt hatte. Mendel ist Jude. Der Mörder wird freigesprochen. In Galatz prozessiert der Pächter Leibowici wegen der Pacht. Ehe noch die Gerichte gesprochen haben, verpachtet der Besitzer sein Gut an den Rumänen Winkler. Dieser will auf der Stelle die Pacht antreten. Leibowici macht seinen Kontrakt geltend. Wincler schiesst den jüdischen Pächter mit dem Eevolver nieder. Die Jury spricht ihn frei. Wenige Tage später gibt die Zivilkammer in dem Prozess Leibowicis gegen den Besitzer ihr Urteil dahin ab, dass der Besitzer rechtswidrig sein Gut an Wincler verpachtet habe, und dass der mit Leibowici abgeschlossene Pachtvertrag bis 1916 Geltung habe! Jubiläum s - Ausstellung. Die Israeliten des ganzen Landes haben Wert darauf gelegt, an den Festen und öffentlichen Kundgebungen anlässlich der vierzigjährigen Regierungsfeier des Königs teilzunehmen. Eine jüdische Abordnung stellte sich am 12. Mai im Palais ein und überreichte dem König eine Adresse, die folgenden Satz enthielt: „Die Grösse dieses Landes, dessen Bürger wir unter Euerer Majestät Eegierung mit Stolz sind, ist auch unsere Grösse. Das Glück, das die glänzende und ruhmreiche Herrschaft unseres ersten Königs verbreitet hat, hat sich gleichmässig und in Fülle auf alle Kinder Eumäniens und auf uns ergossen." Bei dieser Gelegenheit erkannte der König huldvoll an, dass „die Naturalisationen schwer zu erreichen wären." Das war alles. Und doch hätte der König sich leicht überzeugen können, dass das Gedeihen Eumäniens und die erzielten Fortschritte zum guten Teil der Intelligenz und der Arbeit seiner jüdischen Untertanen zu danken