Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Die Israeliten Rumäniens
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 275 - 276 (sequence 2)
- Language
- German
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275 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten Rumäniens. 276 Massnahme ergreift; aber es ist sicher, dass die jüdischen Pächter indirekt getroffen würden durch die strenge Anwendung des Gesetzes über die Landpolizei, das den „Fremden" den Aufenthalt auf dem Lande verbietet. In der Tat hat nach Beginn der parlamentarischen Herbstsession anlässlich der Debatte über die königliche Botschaft der Senator Condrescu die Kegierung wegen der schwächlichen Haltung der Minister gegenüber den „Fremden" in den ländlichen Gemeinden interpelliert. Hier ist der Bericht über die Debatte nach dem „Moniteur Officiel": „Senator Condrescu: M. H., das Gesetz sagt deutlich, dass die Fremden in den Landgemeinden sich nur auf Grund einer Ermächtiguog des Gememderats niederlassen dürfen. Trotz der Befehle der Regierung ist dieses Gesetz nicht beachtet worden, sind zum Unglück für unsere Landbevölkerung unsere Dörfer von Juden überschwemmt. Denn wenn der Jude ein Gut gepachtet hat, bringt er ganze Familien seiner Glaubensgenossen mit sich. Senator Stefanescu: Der Fehler liegt hei den Eigentümern. Senator Condrescu: Sie haben Recht. Ich sage es mit Schmerz: wir Rumänen überlassen unsere Güter in die Hände der Juden. Was in den Landgemeinden vorgeht, ist ein wahres Unglück. Hier ein Beispiel: Zum Bahnhof Todircui, in dessen Nahe ich wohne, sind Juden gekommen und haben 92 Waggons mit Feldfrüchten beladen, während d»e rumänischen Pächter und Besitzer nicht einen einzigen Sack hatten . . . Ich wende mich an Sie, Herr Premierminister, der Sie der reichste Grundbesitzer Rumäniens sind, der Sie wissen, was wohlerworbener Reichtum bedeutet: Die rumänischen Pächter und Eigentümer besitzen im Durchschnitt 200 — 300 falci,*) während jeder Jude über 20 000 falci verfügt. Wo ist da das Verhältnis? . . . Die Juden ziehen Tag und Nacht durch die Dörfer und bemächtigen sich des Besitztums der anderen, oder beschäftigen sich mit Gewerben, die allein die „Jidden" verstehen. Ich sage nicht mehr. Ich beschränke mich, Ihnen eine Andeutung zu geben, Herr Premierminister, und bitte Sie, dringliche Massregeln zu ergreifen und die Präfekten zur Vertreibung der Fremden aus den Landgemeinden aufzufordern. Ministerpräsident Cantacuzenu: Der Herr Senator Condrescu darf überzeugt sein, dass die Regierung von den gleichen Gefühlen beseelt ist, wie er. Die Anführungen des Herrn Senators sind leider wahr, und die Regierung wird alle Massregeln zur Bekämpfung des Hebels treffen. (Beifall.)" Iii Gemässheit dieser Erklärung hat Herr Cantacuzenu, der auch Minister des Innern ist, an die Präfekten ein Rundschreiben gerichtet, worin es heisst, dass „alle Fremden" unter Beachtung der in dem Gesetz vorgesehenen Bedingungen die Niederlassungsgenehmigung bei den Kommunalräten, bei der Präfektur und hei dem Ministerium nachsuchen müssen. Wer diese Vorschriften nicht erfüllt, wird ausgewiesen und in die Städte zurückgeschickt. In seiner Dezeinbernummer schreibt der „Agrarul", das Organ der Grossgrundbesitzer: *) 1 falee 14;32 Quadratmeter. „Wir sind glücklich, das man endlich etwas tut. Wir freuen uns zu sehen, dass der Chef der Regierung Kenntnis hat von der Art, in der das delikateste aller Gesetze angewendet worden ist. Wir hoffen, dass die Massnahmen, die er ergreifen wird, seiner Erwartung und der unseren entsprechen werden." Am 15./28. Dezember schneidet Herr Condrescu die Frage vor dem Senat wieder an und behauptet, dass die ministeriellen Weisungen nicht genau befolgt worden sind. Er verliest einen Brief, in dem ein Priester ihm eine Landgemeinde des Bukarester Bezirks bezeichnet, wo sich eben „Fremde" mit Zustimmung der Ortsverwaltung niedergelassen hätten. Herr Condrescu schliesst daraus, dass die Unterbeamten sich von dem Gold der auf dem Lande ansässigen Juden bestechen lassen, und fordert die Regierung auf, strenge Massregeln zu ergreifen „gegen die fremden Pächter, die die Staatsgüter und die der Privaten zum Schaden der ländlichen Bevölkerung monopolisiert und eine wachsende Verarmung der einheimischen Bevölkerung herbeigeführt haben." In der nämlichen Sitzung dankt der Unterrichtsminister Dissescu im Namen der Regierung Herrn Condrescu für die Angabe dieses bestimmten Falles und verspricht äusserste Strenge gegen die schuldigen Beamten. Er fügt hinzu: „Was die Frage der Güterverpachtung angeht, so ist es unsere Pflicht, die Güter nicht mehr den Fremden zu geben. Die Regierung wird Anordnungen in diesem Sinne erlassen." Schliesslich erklärt Herr Condrescu, dass er nach den Feiertagen einen Gesetzentwurf über die Pachtfrage einbringen wird. Ausweisungen. Mittlerweile werden die Ausweisungen, namentlich in dem Bezirk von Botosany, immer zahlreicher. Niemand findet in den Augen des Präfekten Vasescu Gnade. Ein typischer Fall sei angeführt: Calinesti ist ein Weiler, der früher von dem Dorf Bucecea losgelöst war und jüngst ihm wieder angegliedert worden ist. Moscu Abramowici aus Bucecea hatte sich in Calinesti zu einer Zeit niedergelassen, in der der Weiler nicht zu dem Dorf gehörte. Er hatte im Jahr 1901 die behördliche Genehmigung erhalten. Kürzlich schrieb ihm Herr Vasescu vor, die gesetzlichen Schritte zur Erneuerung seiner Aufenthaltserlaubnis zu tun. Abramowici tat das Erforderliche, an dem Erfolg seiner Bemühungen nicht zweifelnd. War doch sein Vater Awram einer der Gründer von Bucecea, hatte er doch selbst in dem vierten Jägeibataillon gedient! Abramowici erhielt auch von der Gemeinde ein gutes Führungszeugnis und eine zweite Bescheinigung, in der ihm bestätigt wurde, dass er persönliches Vermögen besitze. Ein drittes Zeugnis sagte, dass er niemals bestraft worden sei. Der Kommunalrat genehmigte die Erneuerung der Niederlassungserlaubnis, aber der Präfekt annullierte diese Entscheidung. Abramowici wendet sich dem Gesetze gemäss an den Minister des Innern und erstreitet einen günstigen Bescheid. Doch man machte ihm neue Schwierigkeiten. Calinesti ist jetzt wieder zu dem Dorf Bucecea gehörig, und deshalb muss Abramowici abermals um eine Ge-