Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Die Israeliten Rumäniens
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 273 - 274 (sequence 1)
- Language
- German
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273 274 MITTEILUNGEN AUS DEM DEUTSCHEN BUREAU ZZ1 DER ALLIANCE ISRAELITE UNIVERSELLE. EZ I (Berlin N.24, Oranienburgerstr. 42/431). i DIE ISRAELITEN RUMAENIENS. Ein Korrespondent der „Alliance Israelite Universelle" richtet an das Central-Comite nachstehenden interessanten Bericht über die Lage der Israeliten in Rumänien: Das Jahr 1906 hat gleich dem vorangegangenen glücklicherweise kein neues Gesetz erstehen sehen, das die Lage der Israeliten in Rumänien weiter erschwert hätte. Es hat immer mehr den Anschein, als oh die Gewalthaber in Rumänien die Entwicklung der Ereignisse in Russland abwarteten. Gleichwohl glauben unterrichtete Männer, dass die scheinbare Ruhe nur ein Vorläufer abermaliger Ausnahmebestimmungen i^t, die im Schatten der ministeriellen Kanzleien vorbereitet werden. Die Stimmung hinter den parlamentarischen Kulissen ist nichts weniger als ermutigend. Der Eifer, der dort herrscht, ist kein günstiges Vorzeichen, und wir fragen uns nicht ohne Besorgnis, ob nicht Senatoren und Deputierte nicht noch drakonischere judenfeindliche Massregeln planen, als die bereits in Kraft gesetzt worden sind. Denn der Hass gegen alles, was Jude heisst, hat noch nichts von seiner Nachhaltigkeit verloren. Die Kluft, die Rumänen und Israeliten scheidet, scheint sich in demselben Mass zu erweitern, in dem die materielle Lage des Landes sich verbessert. Das Gegenteil wäre verständlicher und logischer gewesen. Haben denn die Israeliten durch ihre kommerziellen und industriellen Fähigkeiten nicht zur Festigung des rumänischen Kredits und zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage des Landes beigetragen? Der Landwirtschaftstrust. Das ist die auf der Tagesordnung stehende Frage, die allerlei Ueberraschungen für die Zukunft birgt. Den Juden Rumäniens ist, wie man weiss, der Erwerb von Landbesitz verboten. Die freien Berufe sind ihnen verschlossen. Zum Rechtsanwaltsstand werden sie nicht zugelassen. Im Heer endet ihre Laufbahn beim Unteroffizier. Zu den Handelskammern haben sie keinen Zutritt. Von den technischen Verbänden werden sie zurückgewiesen. Sie dürfen keine Apotheken aufmachen, an öffentlichen Aussehreibungen dürfen sie sich nicht beteiligen. Jede amtliche Verwaltung lehnt sie ab. Von den Fabriken werden sie ferngehalten. Der Handel im Umherziehen und der Branntweinverkauf sind ihnen untersagt. — Durften die Israeliten unter solchen Umständen in untätiger Resignation verharren? Schon macht man ihnen die mangelnde Eignung für den Landbau zum Vorwurf. Sei es aus angeborenem Betätigungsdrang, sei es zur Bekämpfung des Vorurteils, das sie als untüchtig zur Feldarbeit bezeichnet, haben zahlreiche moldauische Israeliten Land gepachtet und dadurch eine beträchtliche Steigerung der Paehtraten bewirkt. Man sollte meinen, die Bojaren, die Grundbesitzer müssten von den grossen Gewinnen, die sie dadurch erzielten, befriedigt sein. Dem ist nicht so. Man lese, was die „Rivista idealista" vom Oktober schreibt: „Wer zwingt unsere Grundbesitzer ihre Ländereien an Fischer*) und Genossen zu verpachten? Erzwingen denn diese die Pachtung mit bewaffneter Hand? Gewiss nicht. "Warum nehmen die Besitzer sie als Pächter? Weil jene habgierig sind und weil diese die verlockendsten Preise bieten. Darum vergessen unsere Bojaren die öffentlichen Erörterungen der Presse über die Gefahren des sogenannten Landwirtschafts-Trusts und überantworten ihre Güter den Fischer und Genossen. Das tun die Konservativen, das tun die Liberalen, das tun die Junimisten. Von dem Augenblick an, da wir mit Eifer, Freude und Begeisterung ihre erhöhten und übertriebenen Preise annehmen, steht es uns nicht mehr an, gegen die Fischer und Genossen zu schreien. Wir werden das Recht hierzu erst haben, wenn wir jede Verhandlung mit ihneu ablehnen. So lange wir ihr Geld nehmen, ziemt es uns besser, zu schweigen und. unser Gewissen befragend, zu gestehen, dass wir Elende sind. Das Wort ist hart, aber gerecht.'4 Der „Prozentul" vom 28, Oktober schreibt: $ „Wir begreifen nicht, warum der Feldzug seit einiger Zeit ausschliesslich gegen den Trust der Landwirte gerichtet ist, warum man diesen Trust als die alleinige Ursache der Uebel hinstellen will, unter denen die Landbevölkerung leidet. Die Verwirrung, die man jüngst in dieser Beziehung angerichtet hat, ist wahrhaft beunruhigend. Heute sind die Dinge soweit gediehen, dass, wenn man von einer Verbesserung der Lage der Bauern spricht, man die wrahren Ursachen ihres Elends aus den Augen verliert. Man setzt alles auf Rechnung des Landwirtetrusts, als ob alles rumänische Land von den Trusts beschlagnahmt wäre! . . . Wir wiederholen die Frage: war die Lage der bäuerlichen Bevölkerung vor den Trusts, die etwa ein Dutzend Jahre alt sind, besser? und glaubt irgend wer, dass diese Lage sich bessern würde, wenn die Trusts verschwinden? Wir sind sicher, dass niemand die Frage bejahen wird." Trotz dieser Vorstellungen sind es die Grossgrundbesitzer, die in allen Tonarten in ihren Pressorganen verlangen, dass ein Gesetz den „Fremden" die Pachtung von Land verbiete. Das würde den Ruin mancher jüdischer Besitzer herbeiführen, die sich auf derartige Unternehmungen eingelassen haben. Es ist zweifelhaft, ob die gegenwärtige Regierung selbst die Initiative zu einer derartigen *) Fischer heissen die reichsten jüdischen Pächter in Rumänien.