Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Der Pogrom
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 267 - 268 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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267 Maria Konopnicka: Der Progrom. 268 Sie umringten die Beiden, als wollten sie sie mit ihren Leibern schützen, drängten sie zum roten Vorhang hin. Sie kannten diesen Juden solange schon, er war ein gefälliger, guter Mensch. Nach den Frauen kamen andere Einwohner des kleinen Hauses, die Stube füllte sich mit Menschen. Der alte Mendel stütze die eine Hand schwer auf den Arm des Kindes und mit der anderen wehrte er die Frauen ab. Dieser eine Augenblick hatte ihm die volle Geistesgegenwart wiedergegeben. „Lasst ab, liebe Frauen!" sagte er mit seiner harten, wie Glockenton klingenden Stimme. „Lasst ab! Ich danke Euch, dass Ihr mir Euer Heiligtum geben wolltet, um mich zu retten. Aber ich will kein kein Kreuz in mein Fenster stellen. Ich will mich nicht schämen, dass ich Jude bin. Ich will mich nicht fürchten. Wenn sie keine Barmherzigkeit in sich haben, wenn sie Anderen Unrecht zufügen wollen, dann sind sie keine Christen, und so werden sie sich auch um kein Kreuz kümmern, um kein Heiligenbild. Das sind keine Menschen mehr, sondern wilde Bestien. Wenn sie aber noch Menschen sind, wenn sie noch etwas Christentum im Herzen haben, so wird das graue Haupt eines alten Mannes und das unschuldige Kind ihnen auch heilig sein." „Komm, Jakob!" Und er zog den Kleinen nach sich, trotz der heftigen Proteste der Anwesenden, trat an das Fenster, riss seine beiden Flügel auf und stand da mit geöffnetem Kaftan, in der Lederschürze, mit dem zitternden weissen Bart, das Haupt hoch erhoben, während der kleine Gymnasiast sich an ihn schmiegte, dessen grosse Augen sich immer weiter öffneten und auf die heulende Menge gerichtet waren. Der Anblick war so ergreifend, dass die Frauen zu schluchzen begannen. Der Pöbel auf der Strasse bemerkte sofort den am Fenster stehenden Juden, Hess die paar Kramladen unberührt und wälzte sich auf ihn zu. Dieser heroische Mut des Greises, dieser stumme Appell an die Gefühle der Menschlichkeit wurde von der Masse für Hohn und herausfordernde Beleidigung gehalten. Hier suchte man nicht mehr, ob es ein Fass Essig oder Spiritus zum Hinauswälzen gab, einen Pack Waren zum Vernichten, ein Federbett zum Zerreissen, oder ein Korb Eier zum Zerstampfen; die wilde Begierde zum Wehetun, der blinde Instinkt der Grausamkeit erwachte, der im einzelnen Individuum schlummert. Sie waren noch nicht beim Fenster, als ein aus der Mitte der Menge geworfener Stein den Knaben am Kopfe traf. Der Kleine schrie auf, die Frauen umringten ihn. Der Alte liess seinen Arm los, blickte sich nicht einmal um, sondern erhob beide Hände über die Köpfe der heulenden Menge, sein Blick ward starr und mit bleichen Lippen flüsterte er: „Adonai, Adonai 1" — — und grosse Tränen liefen über sein gefurchtes Gesicht. In diesem Augenblicke war er ein wahrer „Gaon", dass heisst hoch, erhaben. Als die ersten Reihen das Fenster erreicht hatten, fanden sie ein unerwartetes Hindernis in der Person des langen Studenten aus dem Dachstübchen. Mit wirrem Haar, mit aufgeknöpfter Uniform stand er hinter dem Fenster, die Arme ausgebreitet, die Fäuste geballt, die Beine wie ein geöffneter Zirkel auseinandergespreizt. Er war so hoch, dass er beinahe die Hälfte des Fensters mit seinem Körper deckte. Zorn, Scham, Verachtung, Mitleid machte seine entblösste Brust stürmisch; Wogen zuckten wie Flammen über sein schwarzes, blatternarbiges Gesicht. . . . „Fort von da!" knurrten grimmig die ersten an, die heranliefen. „Zuerst müsst Ihr an mich herankommen, einer und der andere, Ihr Lumpengesindel, Strolche, Gassenbuben!" Er zitterte am ganzen Leibe und konnte nicht einmal die volle Stimme aus der Brust herausbringen, so würgte ihm der Zorn. Seine kleinen, grauen Augen schössen Funken. In diesem Augenblick war er schön wie Apollo . . . Einige der Nüchternen aus der Bande begannen sich zurückzuziehen. Die Gestalt des Jünglings und seine Worte hatten sie mit ihrer Gewalt getroffen. Der Student benutzte den Augenblick, sprang in das Innere, stiess Mendel von dannen und pflanzte sich seiner ganzen Länge nach am Fenster auf. Die Menge zog an diesem Fenster mit dumpfen Murren vorüber: Hohnrufe, Bedrohungen, Lärm und Flüche folgten diesem Zug; dann entfernte sich das Getümmel, wurde immer stiller, bis es zu einem undeutlichen, in der Ferne verstummenden Brausen herabsank. An jenem Abend lernte Niemand beim Tisch und Niemand arbeitete in der Werkstätte. Hinter dem Vorhang drang aus dem Alkoven von Zeit zu Zeit das stille Stöhnen des Kindes, sonst herrschte hier vollständige Ruhe. Wäre nicht die eingeschlagene Scheibe am Fenster, man hätte den Sturm nicht ahnen können, der da am Morgen vorübergerast war. Im Alkoven, hinter dem roten Vorhang lag der Knabe mit verbundenem Kopfe. Eine grüne Lampe brannte neben ihm, der Student sass am Bettrand und hielt die Hand des Kleinen. Der Student hatte jetzt sein gewöhnliches, blatternarbiges Gesicht; nur in seinen Augen glomm das nicht ganz erloschene Feuer, das aus der Tiefe der Seele kam. Es sass schweigend, mit gefurchter Siirn, zornig, und warf von Zeit zu Zeit unruhige Blicke nach dem dunklen Winkel des Alkoven. In diesem Winkel sass Mendel Gdanski regungslos, ohne einen Ton vernehmen zu lassen. Zusammengekauert, die Arme auf die Knie gestemmt, das Gesicht in die Hände verborgen, sass er hier so seit Mittag, von dem Moment ab, da er sich überzeugte, dass dem Kinde keine ernstliche Gefahr drohte. Die Regungslosigkeit und das Schweigen des alten Buchbinders machten den Studenten ungeduldig. „Lieber Herr Mendel!" brummte er schliesslich, „kriechen Sie doch endlich aus ihrem Winkel hervor. Halten Sie Trauer nach einem Toten, oder was, zum