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Ost und West · 1907-04-01 · Heft 4 (April 1907) · p. Seite 269 - 270

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 4 (April 1907)
Article
Der Pogrom
Date
1907-04-01
Page
Seite 269 - 270 (sequence 4)
Language
German
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269 Maria Konopnicka: Der Progrom. 270 Teufel? Etwas Hitze, sonst nichts. Der Kleine kann nach einer Woche zur Schule gehen, wenn nur die Haut wieder etwas zusammenwächst. Sie haben sich so in den Winkel gesetzt, als wäre Ihnen jemand gestorben." Der alte Jude schwieg. Erst nach einer Weile erhob er den Kopf und rief mit vor Leidenschaft bebender Stimme: „Sie fragen, ob ich Totentrauer halte? Nu, ja, das tue ich. Ich trauere in Sack und Asche, denn ich habe einen grossen Schmerz und eine grosse Bitternis in der Seele ..." Er schwieg und verbarg wieder das Gesicht in die Hände. Die kleine, grüne Lampe beleuchtete sein Antlitz eigenartig, fast gespensterhaft. Der kranke Knabe stöhnte einmal über das andere, und wieder herrschte Schweigen. Mendel Gdanski erhob nochmals das Haupt und rief durch die tiefe Stille: ,,Sie sagten, niemand sei mir gestorben? Nu, mir ist das abgestorben, womit ich geboren ward, womit ich siebenundsechzig Jahre gelebt habe, womit ich zu sterben hoffte . . . In mir ist das Herz für diese Stadt gestorben . . ." DIE ZWEITE DUMA. (Brief aus Petersburg/> Die zweite Duma ist versammelt. Alle Hoffnungen Rußlands sind jetzt auf das Schicksal der russischen Duma konzentriert. Die Optimisten hoffen, die weitere Umgestaltung Rußlands auf parlamentarischem Wege herbeiführen zu können, ohne jene schrecklichen Zusammenstöße, durch die das ganze Land im Laufe von zwei Jahren von Blut überströmt worden war; die Pessimisten erwarten keinen friedlichen Ausgang und glauben, daß die Bureaukratie auch weiter hartnäckig bleiben und den Untergang des Landes und des Monarchen riskieren wird, um nur ihre Selbstherrschaft behalten zu können. Es ist schwer vorauszusagen, was uns die nächste Zukunft bringen wird, weil vieles von Hofintriguen und persönlichen Einflüssen abhängig ist. Die jüdische Bevölkerung ist mehr am friedlichen Gange des parlamentarischen Lebens interessiert, als alle anderen Bürger, da jede revolutionäre Bewegung sich als ein viel schwereres Verhängnis für das Schicksal der Juden erweist. Im Jahre 1905 wurde der Höhepunkt der Revolution durch eine ganze Reihe der blutigsten Pogrom« bezeichnet, die alle Schreckenstaten des Mittelalters übersteigen. Leider verspricht die Zusammensetzung der zweiten Duma ihr wenig Hoffnung auf dauernde Existenz. Die Repressivakte der Regierung haben zweifelsohne eine stärkere Erbitterung im Volke hervorgerufen, das als Ausdruck seines Protestes viele Radikale in die Duma geschickt hat: Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre. Die Partei der Kadetten (die konstitutionell-demokratische), die eine gemäßigte Opposition darstellt, hatte diesmal keinen so starken Erfolg; statt 185 Stimmen, die sie in der ersten Duma besaß, verfügt sie jetzt über etwa 100 Stimmen. Bedeutend verstärkt haben sich die rechten Parteien. Außer den Oktobristen (Freikonservativ) sind noch in der Duma etwa 70 Reaktionäre, Anhänger des absoluten Regimes. Diese Gruppe ist noch besonders charakterisert durch ihren Antisemitismus. Der Hauptvertreter der reaktionären Partei ist der bekannte Paneolaky Kruschewan, der Organisator des Kischinewer Pogroms. Da die oppositiodellen Elemente in der Duma über mehr als zwei Drittel aller Abgeordneten verfügen, so haben die Reaktionäre von vornherein die Absicht, auf obstruktivem Wege oder durch Skandale die Duma arbeitsunfähig zu machen, um ihre baldige Auflösung zu erzwingen. Dagegen beginnen jetzt die Radikalen, die noch im vorigen Jahre die Duma boykottiert haben, oder sich bemühten, sie zu sprengen, deren Existenz zu schätzen, und sie werden sich voraussichtlich einer äußerst vorsichtigen und loyalen Taktik befleißigen. Die Zahl der jüdischen Deputierten ist äußerst unbedeutend — im ganzen drei Personen: Jakob Schapiro, ein Kaufmann mit höherer Bildung aus Kurland, der Advokat Abramsohn aus Koneno, und der Bergingenieur Lasar Rabinowitsch aus dem Gouvernement Ekaterinoslaw. Diese drei Personen gehören der gemäßigten Opposition an als Mitglieder der Kadettenpartei. Im politischen, gesellschaftlichen, wie auch im jüdischen Leben waren sie bis jetzt ^wenig bekannt. Über die geringe Zahl der jüdischen Deputierten war die jüdische Bevölkerung sehr betrübt, obwohl die Juden auch in der vorigen Duma statt der ihnen im Verhältnis zur Zahl der Bevölkerung (4,16 pCt.) zukommenden 24 Abgeordneten deren nur 12 besaßen. Unter diesen waren wenigstens einige Persönlichkeiten, deren hervorragende Betätigung dem jüdischen Publikum bekannt war; andererseits war die Zahl der Antisemiten, die in der Duma die Juden provozieren konnten, weit geringer. Alle Bemühungen der jüdischen Deputierten waren auf die baldige Durchführung des Gesetzes der Gleichberechtigung aller Bürger gerichtet. In diesem Jahre wird die jüdische Frage, wahrscheinlich gleich zu Anfang, erörtert werden, aber nicht von den Juden, sondern von den Antisemiten ä la Kruschewan und Purischkewitsch, etwa im Genre der Ahlwardt und Pückler. Wer wird Antwort geben auf alle Verleumdungen und Lügen, die von der Dumatribüne auf die Köpfe der Juden fallen werden? Diese Frage ist es, die jetzt die russischen Juden am meisten beunruhigt. In allen Schichten der jüdischen Gesellschaft und in der Presse wird als Hauptthema die Frage nach den Ursachen des Rückganges der Juden bei den letzten Wahlen erörtert. Die letzten Wahlen enttäuschten viele Illusionen,

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