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Ost und West · 1907-04-01 · Heft 4 (April 1907) · p. Seite 265 - 266

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 4 (April 1907)
Article
Der Pogrom
Date
1907-04-01
Page
Seite 265 - 266 (sequence 2)
Language
German
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265 Maria Konopnicka: Der Progrom. 266 lachte er ein leises, glückliches Lachen, zog aus der Pfeife eine grosse Rauchwolke, bückte sich und blies sie dem Knaben unter die Nase. Der Kleine hustete, raffte sich auf, öffnete weit seine Goldaugen und begann sie mit den beiden mageren Fäustchen zu reiben. Er hatte es jetzt sehr eilig und war ausser PVsung. Eine der Aufgaben war unbeendet geblieben, Bücher und Hefre lagen ungeordnet auf dem Tische herum. Er vermochte nicht den Kaffee zu Ende zu trinken, noch das belegte Blödehen für die Pause mit sich zu nehmen, sondern griff nach dem Tornister, ungewiss, ob er sich nicht verspäten würde. Als er aber, mit der Bluse auf dem Arm, der Tür zuschritt, wurde diese hastig aufgerissen, und der magere Student vom Dachstübchen stiess den Kleinen zumck in's Zimmer. „Flieh', man schlägt die Juden!" Er war offenbar sehr aufgeregt. Sein blatternarbiges, langes Gesicht schien sich noch zu verlängern und war förmlich wüst. Er bebte vor Wut am ganzen Körper und seine grauen Augen sprühten Zornesfunken. Der erschrockene Knabe prallte bis zum Tisch zurück und Hess Bluse und Tornister fallen. ffi Der Alte war starr. Doch bald gewann er die Fassung wieder, sein Gesicht war feuerrot. Mit einem Satz stand er beim Studenten. „Was heisst das, fliehen? . . . Wohin soll er fliehen? . . . Warum hat er zu fliehen? Hat er, Gott behüte, etwas gestohlen, dass er fliehen soll? . . . Oder wohnt er nicht in seinem eigenen Zimmer? . . . Ist er etwa bei fremden Leuten? ... Er ist da in seinem Hause! In seiner Wohnung! ... Er hat, Goitlob, bei Niemandem gestohlen ... Er geht zur Schule, er braucht nicht zu flirhen!" Er sprang auf den bei der Tür stehenden Studenten zu, gebückt, zusammengekauert, zischend und fauchend, während sein weisser Bart zitterte. ,,Ganz, wie Sie wollen!" versetzte der Student. ,,I<:h habe gewarnt . . ." Und er wollte sich zurückziehen, aber der alte Buchbinder hielt ihn am Rockschosse fest. ,,Wie ich will? Was ist das für eine Rede? Wie ich will? Ich will meine Ruhe haben. Ich will in Ruhe mein Stückchen Brod verzehren, für das ich aibeitel Ich will diese Waise erziehen, diesen Knaben, damit er ein Mensch sei und Niemand auf ihn spucke, da er nichts verschuldet hat. Ich will, dass weder mir noch einem Anderen Unrecht geschehe, sondern dass Gerechtigkeit sei, damit die Menschen Gott fürchten . . . Das will ich. Und fliehen will ich nicht. Ich bin in dieser Stadt geboren, habe in diesem Hause Kinder gehabt und Niemandem was zu Leide getan. Ich besitze hier meine Werkstätte . . ." Er war noch nicht zu Ende, als von der Biegung der Strasse ein dumpfes Getümmel vernehmbar wurde, wie von einem aus der Ferne vorbeiziehenden Sturm. Ein plötzlicher Krampf lief über das Gesicht des Studenten, ein halblauter Fluch kam von seinen zusammengedrückten Zähnen. Der alte Buchbinder schwieg, richtete sich gerade empor, streckte seinen dü ren Hals vor und horchte eine Weile. Der Tumult näherte sich rasch. Man konnte jetzt ein langgezogenes Pfeifen vernehmen. Lachen, Rufe, Ausbrüche von Geschrei, Weinen und Jammern. In der kleinen Gasse kochte es förmlich. Man versperrte die Hau^tore, verrammelte die Gewölbe, die Einen liefen direkt in den Tumult hinein, die Anderen liefen vor ihm davon. Plötzlich begann der kleine Knabe laut zu srhluchzen. Der Student warf die Türe ins Schloss und verschwand im öden Hof räum. Der alte Jude lachte; er schien weder das Schluchzen des erschrockenen Knaben, noch die Entfernung des Studenten zu bemerken. Sein Blick war gleichsam nach Innen gekehrt, die Unterlippe gesenkt. Trotz der Lederschürze konnte man das Zittern seiner Brust wahrnehmen, das Gesicht wurde abwechselnd rot, braun und gelb, dann wieder bleich wie Kreide. Er sah aus, wie von einem Pfeil getroffen. Nur noch eine Weile und dieser morsche, müde Leib würde zusammenbrechen. Immer deutlicher, immer näher kam der Lärm heran und ergoss sich endlich in die öde Gasse mit wildem Schreien, Heulen, Pfeifen, Lachen, Fluchen und Toben. Heisere, trunkene Stimmen verschwammen in eins mit dem höllischen Quieken halberwachsener Burschen. Die Luft schien taumelig von diesem Tosen des Pöbels. Eine tierische Zügellosigkeit umfasste die Strasse, raste, tummelte sich, wälzte sich von der einen Ecke zur anderen, wild, betäubend. Das Knacken zerbrochener Fensterläden, das Krachen gewälzter Fässer, das Klirren eingeworfener Scheiben, das Rasseln geschleuderter Steine, das Knirschen von Eisenstangen schienen Anteil zu nehmen an diesen scheuslichen Scenen. Wie Flo< ken dicht fallenden Schnees wirbelten in der Luft die Federn umher, die aus den zerrissenen Kissen und Betten kamen. Nur noch einige aimselige Kramläden trennten Mendel's Stube von der einer Lawine gleich sich heranwälzenden Menge. Der Knabe hörte auf zu schluchzen, und zitternd wie im Fieber, schmiegte er sich an den Alten. Seine grossen dunklen Augen wurden noch dunkler und erglänzten düster in dem bleichen Gesichtchen. Es war seltsam. Dieses Anschmiegen des Kindes und die nahe Gefahr ermunterten den Alten und rüttelten ihn auf. Er legte die Hand auf den Kopf des Enkels, holte tief Atem, und obgleich sein Gesicht bleich war, wie eine Oblate, kehrte doch in seine Augen Feuer und Leben wieder ein. In den Hausflur stürzten einige Frauen herein. Die Frau des Seildrehers mit dem Kind auf dem Arm, die Portiersfrau, die Höckerin. „Fort von hier, Mendel!" schrie die Portiersfrau schon von der Schwelle. „Gehen Sie ihnen aus den Augen. Ich werde hier sogleich ein Heiligenbild oder ein Kreuz ans Fenster stellen. In anderen Stuben ist das schon geschehen. — Dorthin gehen sie auch nicht!" „Sie fasste den Knaben bei der Hand:" „Fort Jakob, verstecke dich im Alkoven!"

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