Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Judenporzellan
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 253 - 254 (sequence 4)
- Language
- German
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253 Thekla Skorra: Judenporzellan. 254 ich noch, was für ein goldner Herbst. Als wir haben gesessen Laubhütten draussen, haben noch geblüht Rosen. Alle haben geschaut auf Samuel, der ist gegangen einher, als ob er nicht mehr passt in seine Kleider, aufrecht wie keiner im Ort. Hanna hat geseli'n mit glückseligeren Augen noch auf ihn, als je zuvor, und ihr Lachen ist im Haus herum gesprungen wie ein Glöckchen von Silber. Auch er ist gewesen noch lieber mit ihr und inniger. Nur manchmal hat er sie angeschaut wie bange von der Seite, als möcht1 er sie wohl etwas fragen wollen und finde doch kein Herz. Am Jomkippur dann, als sie haben gesungen das uralte, herzerschütternde „kolnidrei", ist Samuel plötzlich gelaufen aus der Betschul, gleich als ob ihm war nicht gut. Nur ich kleines Mädchen damals, was hat noch nicht dürfen mit hinein, hab' gesehn, wie er sich hat draussen gelehnt in eine Ecke, den weissen Gebetmantel über's Gesicht gezogen, und der starke Mann hat geschluchzt wie ein Kind. Am andern Tag schon ist er fort. Seine Geschäfte wären dringlich. Wie er schon als Knabe' hat nie gemacht viel Worte, hat er auch jetzt auf alle Fragen nur gesagt, es gehe ihm nicht übel, er verdiene, was er brauche. Um jene Zeit wars, als ein neuer König ins Land kam. Und der Jammer um ihrer jüngeren Kinder zerstörtes Leben hat nicht lassen ruhn all die Yäter und Mütter, bis sie haben erwirkt von ihm, auch das zweite Kind verheiraten zu dürfen. Mit vielen, vielen Opfern, — solln haben bezahlt die Gemeinden an die 70000 Taler, — und mit neuer Schmach und Knechtung. Nur eine davon ist wieder gewesen die Porzellanabnahme. Diesmal um 500 Taler. 500 Taler — eine grosse, grosse Summe damals. Vieler ganzes Vermögen und schier unerschwinglich den Armen. Und doch haben sie alle aufgejauchzt: ihre Arbeit, ihr letzter Sclrweiss, aber ein Lichtstrahl doch in ihrer Kinder Leben. So hat auch der Vater an jenem Tage, da das neue Recht verkündet wurde, dankbar erhoben die Augen zum Himmel. Die Mutler hat Hannah zu sich gerufen und ihr gelegt segnend die Hände auf den lichten Scheitel: ISAAK LEWITHAN. DORF. ,. Hannah, nun ganz mein Kind, nun doppelt mein Kind." Nun ging's an ein Zusammenraffen und Sparen. Es langte nicht, noch nicht zum Dritteii langte es. Entbehrungen, Sorgen, wie leicht getragen für die, die einem sind die liebsten Menschen auf der Welt. Und alle, die ganze Gemeinde half. Jeder lieh mit Freuden sein Teil. Sind doch zu jener Zeit gewesen die Juden in Solidarverhaftung dem Staate. Wo ist gewesen irgend ein Böser unter ihnen, was hat betrogen einen Christen oder benachteiligt: immer hat getroffen die Strafe die ganze Gemeinde. Warum sollten sie nicht da auch in Freuden einstehn, alle für einen. Und für ihren Dajon noch dazu, für ihren selbstgewählten Richter. Als wieder der Herbst kam und zum dritten Mal der Tag sich jähren sollte, an dem zuvor Samuel heimgekommen: da hatte die Mutter alles beisammen, endlich. Der Vater ging umher mit Lächeln und einer stillen Feierlichkeit. Für meine Kinderneugier war's eine schöne Zeit, da tätlich von weit her Fuhrleute kamen, die grosse Kisten ablieferten und öffneten. Ich durfte der Mutter auspacken helfen. Der Vater schalt zwar ein wenig, wozu, es müsste ja doch alles weitergeschickt werden in ferne Länder.