Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Judenporzellan
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 255 - 256 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583959-2588490--07081-2588572- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
255 Thekla Skorra: Judenporzellan. 256 Die Mutter aber hatte eine kindische Freude an all dem bunten Zeug, das sie in einer entfernten Kammer alles gar zierlich aufbaute. Dorthin wollte sie Samuel mit seiner Hannah führen, dass der Ueberraschte könnt' übersehn mit einem Blick sein ganzes Glück, das die Eltern so treulich hatten ersor^t und erdarbt für ihre Kinder. Obenauf baute sie zwei köstliche bemalte Tassen. Die durften dableiben. Daraus sollte beim Hochzeitsschmaus das Brautpaar trinken. So war alles wohl vorbereitet und schon Wochen zuvor ein Brief an Samuel abgegangen, dass man ihn sicher erwarte. Da reiste eines Tags ein fremder Wanderrabbi durch's Städtchen. Immer sonst waren solche zuerst zum Vater ins Haus getreten. Der wartete heute ganz besonders, da jener sollte sein gekommen von Berlin und ihm wohl Kunde geben konnte von Samuel, der noch immer liess warten auf Antwort. Ungeduldig harrten wir alle des Gastes. Da liess jener, ein frommer und gelehrter Mann, aber von einem finsteren, eifervollen Geiste, dem Vater durch einen Gemeindeboten sagen, es täte ihm leid, aber er könne nie wieder das Haus eines solchen Mannes betreten. Der Vater fasste sich an die Stirn, an . die Ohren. Was? Was sollte das? Ihm? War jener krank im Verstände? Dann ist eingetreten der Älteste der Gemeinde zum Vater uud hat lang und schonend auf ihn eingeredet. Hat auch lassen rufen den ältesten Bruder, die Mutter und Hannah. Ich drückte mich allein draussen wie ein erschrockenes Hühnchen an die Tür. Da — auf einmal hörte icli drinnen Hannah einen Schrei ausstossen, so jammervoll, so hoffnungslos elend, dass der Ton davon mir ist nachgegangen mein ganzes Leben. Dann erhob sich ein Weinen und Wehklagen im ganzen Haus, wie um ein Gestorbenes. Man hing Tücher vor die Fenster, und in dem Stübchen, das einst Samuel hatte bewohnt, brannte 8 Tage lau^ die Sterbelampe. Dort sassen in trostlosem Schweigen alle auf niederen Holzschemeln. Danach, als der Vater */rad wieder ist im Haus herumgegangen, aber wie Einer, den man hat geschlagen mit der Axt vor den Kopf, und er kann sich noch nicht besinnen, ist gekommen ein dickes Schreiben. Der Vater hats gerad auf dem Hof dem Boten abgenommen. Wie er sieht drauf, 's ist Samuels Hand: ists auf einmal, als fängt alles um ihn an sich zu drehn. Der liebe Gott hat mich behütet, dass ich nie im Leben wieder hab gesehn einen Menschen so sich verändern. Dunkelrot schoss das Blut in sein Gesicht, sonst still und weiss vom fernen. Die Augen schienen zu quellen heraus. Der Brief ist geflogen auf den Hof. Die Hände, die sich haben gekrampft zur Faust, griffen den nächsten Feldstein von der Erde. Als ob er möcht sein rasend, schlug er damit herum in der Luft, gleich als wär da vor ihm Samuel, und er könnt ihn steinigen. Dann mit einem Ruck, als wär ihm gekommen ein Gedanke, reisst er auf die Tür jener Kammer, zuvor der Mutter geheiligte Freudenstelle, wo ist innen gestanden das Porzellan, da — einen Stein, noch einen, — fort bis alles in Scherben, in ISAAK LEWITHAN. STUDIE.