Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Judenporzellan
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 251 - 252 (sequence 3)
- Language
- German
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251 Thekla Skorra: Judenporzellan. 252 Das Schimpfliche dran aber — wie man stellt auf Fallen, dass die Batten und die Maus nicht sollen mehr werden; so hat von den Juden immer nur bekommen das älteste Kind das Recht, sich zu verheiraten und zu gründen eine Familie." „Aber, Grossmutter, die Andern? Und die Andern?" fragte ich ängstlich. Mir war auf einmal, als müsse ich hinaus auf die Strasse, um wieder frei atmen zu können. „Die haben eben gemusst verzichten auf alles Leben — oder wandern aus nach Amerika. Ja, ja, ihr seid schon aufgewachsen unter Gottes Sonne; und eure Väter haben weit aufgerissen die Fenster, dass ihr sollt nicht mehr spüren die Stickluft, worin unsere Jugend ist worden erwürgt. Kinder, — Kinder, die anderem Volk sind wie ein Segen, wir haben müssen ansehn mit trübem Blick schon bei der Geburt das zweite und dritte. So haben auch meine PJltern damals gedankt dem lieben Gott, dass er ihnen hat geschenkt nur zwei Söhne. Als Stütze für die Mutter haben sie zugenommen ein verwaistes Mädchen. War einer toten Muhme Kind, arm und verlassen; aber ein fröhliches, feines Geschöpf, und wie ein lichter Sonnenschein in unserm Hause. Alle haben sie lieb gehabt. Am meisten aber mein Bruder Samuel, der jüngere. Ich selbst bin erst fünfzehn Jahre nach ihm, als die Mutter schon ISAAK LEYVITHAN. wie unsere Stammmutter Sara, an keinen Kindersegen mehr glauben mochte, den Eltern ins Haus geflogen. Sie aber war Samuel eine Schwester, eine Gespielin; und bald sollte sie ihm mehr sein. Die Eltern sahn es und freuten sich — und bangten. Sie wussten ja, dass keine ihm eine reichere Mitgift zubringen konnte, als sie mit ihrem goldnen, treuen Herzen, mit ihren geschickten Händen, die der Mutter in dem kleinen Geschäft halfen und über alles im Hause hinglitten wie ein leiser, duftiger Segen. Wie eine fremde Blüte schien sie, lichter und zarter, als meist die Töchter unsres Volks. Aber Hannah hiess sie, und eine Channah, eine Gerechte, war sie. Wozu aber sollte alles frommen? War doch Samuel das zweite Kind. Der Aelteste hat bald gefreit. Gar ärmlich wars in meinem Vaterhaus. Der Vater ist nicht gewesen einer, der hat können handeln und prachern. Ein ernster, gelehrter Mann, der hat gesessen Tag und Nacht lernen über den frommen Büchern; dem der Glaube der Väter und ihre Lehre über alles ging. Wenig verstand er von der Welt draussen. So blieb sein Hab und Gut gar gering. Um so mehr aber wuchs das Ansehn, das er in der Gemeinde genoss. Entscheiden musste er in allen Streitsachen, und sein Ausspruch galt ihnen wie Gottes Wort. In Samuel war des Vaters Geist, nur dass er wilder war und lebendiger. So trieb's ihn bald fort aus der Enge, in die grosse Preussenstadt hin, nach Berlin. Am meisten um Hannahs willen. Er hat gespürt, dass er nicht mehr könnt1 leben als Bruder neben ihr, und hat doch als Zweitgeborner geseh'n keinen Weg, zu machen Hannah zu seinem Weibe. Hat auch gefunden gleich eine Anstellung bei einem generalprivilegierten Schutzjuden; so durfte er dort bleiben. Wenn anders, hätten sie ihn gejagt aus dem Tor. Lange haben dann die Eltern nichts gehört von ihm. Ist nicht gewesen mit dem schreiben wie heut7. Ein Brief hat gekostet an die zwei Tal er und hat gebraucht viele Wochen. Dann ist er noch einmal gekommen Zu den grossen TRUEBER TAG. Feiertagen. Wie heut denk