Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Judenporzellan
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 249 - 250 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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249 Thekla Skorra: Judenporzellan. 250 flochten; sorgfältig* auf Goldpapier unter ein Glas geklebt. Fragend sah ich zur Ahne hinüber. Beim Zurückstellen fesselte mich doch wieder das J.P. der Tasse. „Judenporzellan? Da müssen unter den Juden doch schon recht geschickte Leute gewesen sein damals, dass sie so schöne Sachen machen konnten?" Da flog ein bitteres Lächeln über das verwitterte Gesicht. „Machen? Ach nein, machen durften die Juden kein Porzellan; auch anderes nicht, keinerlei Handwerk oder Fabrikation. Das hatten sie sich schöo ausgedacht, die Andern. Wer etwas schaffen kann, etwas anfertigen, und wärens auch nur gemeine Tische und Stühleaus grobem Holz, der fühlt ja Macht in sich wachsen, Menschenmacht. Der kann ja weiter gehn um die Erde und sich frei machen, er wird überall sein willkommen. Und der Jud, der musste dableiben. Eingepfercht in Sehmutz und Schlamm,' aber im Lande bleiben. Von wem hätte man sonst nehmen sollen all das viele Geld, zu machen froh die Andern? Und darum musste der Jude handeln, immer nur handeln — Schacherjuden haben sie uns dann geheissen. Judenporzellan — Komm, mein Mädele, setz dich nieder zum Babele, dass sie dir kann erzählen alles, was sich hat zugetragen mit der Tasse, als dein Babele selber noch ist gewesen ein kleines, dummes Mädchen Sieh, damals hat regiert hier ein König, den sie haben geheissen den grossen Friedrich. Du wirst wissen besser als ich, wie sein Ruhm hat geleuchtet über alle Länder, und er hat viel gesprochen das Wort „humanite", was heisst: Menschlichkeit, aber die Juden muss wohl auch er nicht haben gerechnet zu den Menschen. Sind wir doch selbst unter seinem gestrengen Vater nicht gewesen so geknechtet und getreten wie unter ihm. Er hat geführt viele Kriege. Du hast gelernt in der Schule, mein Kind, wie er hat gesiegt und gesiegt und gemacht Preussen gross und mächtig. Aber sie haben dir nicht gesagt, dass er dazu hat ausgepresst den Schweiss von deinem unglücklichen Volk bis auf den letzten Tropfen. Aber Geld ist nur Geld. Was ist gewesen das schlimmste, dass wir nicht haben gekonnt stolz sein und siegesfroh mit den andern, weil Preussens Ehre ist worden erkauft mit unserer Schmach und unserer Demütigung/' Grossmutter sah in meine heissen Augen und bebenden Lippen und hielt plötzlich ein: „Gelt, dein Babele ist worden geschwätzig; was vergiftet sie dein junges Herz mit lang vermodertem Hassen! Nur eins, weil du so oft hast gefragt — wo ein jüdisch Kind hat wollen heiraten, jeder jüdische Hausvater, ob arm, ob reich, hat müssen kaufen vom Staat für 300 Taler Porzellan, zu führen fort ins Ausland. Man hat natürlich gegeben alles, was ist gewesen fehlerhaft und keiner hat wollen brauchen.