Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Neues von den Falaschas
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 235 - 236 (sequence 3)
- Language
- German
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235 A. Tobias: Neues von den Falaschas. 236 die sie in der Lehre Mosis unterrichten sollten. Nun hätte jener Josief seither nichts von sich hören lasseh. FaTtloviteh hatte Mühe, sie zu tiberzeugen, dass er Jude sei und als Abgesandter eben jener Gesellschaft zu ihnen komme. Schliesslich gewann er ihr Vertrauen in dem Masse, dass sie ihm zwei junge Stammesgenossen, Getie Jeremias und Taamrat Emmanuel, überantworteten, die er mit nach Paris nahm, wo sie als Lehrer ausgebildet werden sollen, um dann in ihrer Heimat zu wirken. Die Falaschas in Amhara sprechen das Amarina, in Tigre das Tigrina. Den Kuarena- Dialekt, welcher von Halevy und andern Forschern als ihre ursprüngliche Nationalsprache bezeichnet wird, sprechen ausserhalb der Provinz Kuara nur hier und da noch Greise und Gelehrte. Die hebräische Sprache ist ihnen gänzlich unbekannt und sie wissen nicht einmal, dass man sich ihrer noch irgendwo bedient. Sie behaupten, der jüdischen Rasse anzugehören und von Abraham, Isaak und Jakob abzustammen. Ihre afrikanische, mehr oder weniger schwarze Hautfarbe scheint dem zu wider- ISAAK LEWITtf AN. sprechen. Aber die Feinheit ihrer Züge, der intelligente Gesichtsausdruck und schliesslich der kräftige Widerstand, den sie der Aufsaugungskraft ihrer Umgebung seit Jahrtausenden entgegensetzten, scheinen jedoch ihre Ansprüche zu rechtfertigen. Den Adel ihrer Abkunft bezeugen übrigens auch ihre Nachbarn, Christen, Muhammedaner und Heiden, die ihnen deswegen einen grossen Respekt entgegenbringen. Ihre Religion ist ein modifizierter und entstellter Mosaismus. Obgleich ihnen die mündliche Lehre unbekannt ist, so beobachten sie doch einige rabbinische Vorschriften. In ihrer Mitte existieren weder religiöse, noch Klassenunterschiede. Der „Kahen" (Priester) und der „Debtera" (Lehrer) erwerben ihren Lebensunterhalt durch Arbeit, wie die anderen. Manchmal nur empfangen sie einen Lohn für den Unterricht, den sie der Jugend erteilen. Denn nichts liegt den Falaschas mehr am Herzen, als der Unterricht ihrer Kinder. Die Debteras versammeln bei sich die kleinen Kinder, denen sie Elementarunterricht erteilen und die Bibel in der Gheez-Sprache lehren, die sie in das lokale Idiom übersetzen. Der Kahen ergänzt diesen Unterricht durch das Lehren von Gebeten und religiösen Hymnen. Die Gebete sind erfüllt von einer tiefen Frömmigkeit und einem lebendigen Glauben an eine bessere Zukunft Israels und der ganzen Menschheit. Sie erhoffen die Rückkehr nach Jerusalem, die Wiederherstellung der jüdischen Nationalität im Zusammenhange mit dem Anbruch des ewigen Friedens. Zum Beten vereinigen sie sich in Synagogen oder in Privathäusern. Am Schabuothfest versammeln sie sich unter freiem Himmel auf einem Hügel zur Erinnerung an die Gesetzgebung am Sinai. Den Sabbat beobachten sie sehr strenge. Sie halten alle unsere religiösen Feste mit Ausnahme von Chanukka und Purim. Ihr Kalender weicht nur wenig von dem unserigen ab. Sie kennen auch die Fasttage zur Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems, aber sie fasten am 9- Thamus und am 17. Ab. Am Jörn Kippur fasten sogar Kinder von 8 Jahren. Die besonders Frommen fasten am Montag und Donnerstag jeder Woche. Von den Tieropfern, die sie ehemals praktizierten, hat sich bei ihnen nur der Brauch erhalten, am Passahabend ein Lamm zu schlachten. An verschiedenen Trauertagen schlachten sie ebenfalls ein Tier, was sie als Opfer betrachten. Die Reinigungsgesetze werden bei ihnen sehr rigoros beobachtet. Die Circumcision wird an beiden Geschlechtern vollführt (ein Brauch, der sich bekanntlich bei manchen afrikanischen Völkerschaften DER WALD, findet). Weder Polygamie noch Kon-