Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1907-04-01 · Heft 4 (April 1907) · p. Seite 233 - 234

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 4 (April 1907)
Article
Neues von den Falaschas
Date
1907-04-01
Page
Seite 233 - 234 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583954-2583959-2588480--07053-2588561
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

233 A. Tobias: Neues von den Falaschas. 234 Verkehr zu treten. Die Mittel zu einer so kostspieligen und beschwerlichen Reise hatte er natürlich nicht. Aber der französische Reisende Antoine d1 Abbadie, der eine Forschungsreise nach Abessinien antrat, nahm einen Brief an die Falaschas von dem genannten jungen Gelehrten mit und brachte in der Tat eine Antwort von ihrem religiösen Oberhaupt Abba Isaak nach Europa, die im Jahre 1851 in vielen jüdischen Zeitungen veröffentlicht wurde. Das erregte zugleich die Aufmerksamkeit der protestantischen Missionare, und da diese bereits früher im Lande tätig waren, so erwirkten sie beim Negus die Erlaubnis, die Falaschas zu bekehren. Sie stiessen auf grossen Widerstand, aber ein merkwürdiges Zusammentreffen kam ihnen zu Hilfe. Die Falaschas hatten gehört, dass in Jerusalem Juden existierten, andererseits erzählten ihnen die Missionare von der Ankunft des Messias. All das versetzte sie in helle Begeisterung, und dem Trieb eines naiven Glaubens folgend, verliessen sie in grossen Massen ihr Heimatland und machten sich auf gen Norden bis Tigre, von wo aus sie nach Palästina zu gelangen hofften. Natürlich landen sie, anstatt des Weges nach Jerusalem, nur Not und Elend. Von Krankheiten und Hunger dezimiert, verzichteten sie endlich auf das Unternehmen, Tausende von ihnen gingen zugrunde, der Rest trat den Heimweg an. Diese Notlage machten sich die Missionare zunutze, und mit Hilfe der Behörden, die auf die Unglücklichen eine Pression ausübten, machten sie eine grosse Anzahl Falaschas ihrem väterlichen Glauben abtrünnig. Schon glaubte die Mission, wenigstens im Herzen von Afrika über das Judentum zu triumphieren, als die Alliance lsraelite Universelle auf Betreiben des genialen Pariser Orientalisten Joseph Halevy sich ins Mittel legte. Dieser wurde nämlich von der Alliance beauftragt, die Falaschas aufzusuchen, einen Kontakt zwischen der europäischen Judenheit und ihnen herzustellen und ihre religiösen, moralischen und sozialen Zustände zu erforschen. Die im Jahre 1868 in Abessinien ausgebroehenen inneren Wirren und Bürgerkriege machten es Halevy unmöglich, seinen Plan in vollem Masse auszuführen, aber die Ergebnisse seiner Bemühungen waren wenigstens in rein wissenschaftlicher Hinsicht sehr erfreulich. Wir verdanken ihm zwei wichtige Schriften über die Falaschas „Prieres des Falachas" (1877) und „Commandements du Sabbath" (1902). Alles was bisher über die Sitten, Bräuche und Satzungen der abessinischen Juden bekannt geworden, versuchte der rühmlich bekannte Forscher Abraham Epstein in seiner scharfsinnigen und eindringenden Weise für die Geschichte der Halacha zu verwerten. Mittlerweile war über die Falaschas unsägliche Not gekommen, infolge der obengenannten Wirren waren Hunger und Pest ausgebrochen und hatten Tausende von ihnen hingerafft. Die Derwische hatten viele von ihnen in Gefangenschaft geführt und zu Sklaven gemacht. Dabei hatten die Missionare sich wieder an sie herangemacht. In den leitenden Kreisen der Alliance glaubte man, es wäre schon zu spät, um ihnen irgendwie zu Hilfe zu kommen. Nur der greise Joseph Halevy verzweifelte nicht und war sogar bereit, eine zweite Reise nach Abessinien anzutreten. Doch sein hohes Alter hinderte ihn daran. Er bemühte sich aber, einige seiner Schüler mit den nötigen Kenntnissen auszurüsten und für eine solche Forschungsreise vorzubereiten. Auch der Chacham der Karaiten von Kairo, Herr Schabti Eliah Mangubi, versuchte, sich mit den Falaschas in Verbindung zu setzen, indem er durch Vermittelung koptischer Priester den abessinischen Geistlichen Briefe für die Falaschas zukommen lassen wollte. Allein die abessinischen Priester unterschlugen die Briefe. Erst als jüdische Offiziere der italienischen Armee, die Erythräa besetzte, nach Europa die Kunde dringen Hessen, dass noch sehr zahlreiche Falaschas dem jüdischen Glauben treu geblieben sind, entschloss sich die Alliance zu einer erneuten Aktion. Da hatte ein gewisser Herr Rappoport, der eine Lustreise nach Aegypten als eine hochwichtige wissenschaftliche Mission ausgeben wollte, in allen jüdischen Zeitungen ausposaunen lassen, die Alliance habe ihn mit der Aufgabe betraut, die Falaschas zu erforschen. Der genannte Herr, dem alle Qualitäten für ein solches Unternehmen fehlten, blieb denn auch in Kairo stecken und machte keinen Schritt weiter. Nun rüstete Baron Edmund von Rothschild einen jungen Orientalisten, Herrn Jaques Fa'itlovitch, einen Schüler Joseph Halevys, zu einer Reise nach Abessinien aus, und der vorläufige Bericht über die Ergebnisse dieser Forschungsreise liegt uns vor.*) Herr Jaques Fa'itlovitch hat im Jahre 1904 das Reich des Negus nach allen Richtungen durchstreift, ist mit sehr zahlreichen Falaschas in Berührung gekommeu, hat viele ihrer Gemeinden besucht, linguistische, ethnographische und historische Studien gemacht und viele Manuskripte liturgischen, folkloristischen und historischen Inhaltes mitgebracht. Auf Grund seiner Studien und Sammlungen gedenkt er ein umfangreiches Werk über die Falaschas zu veröffentlichen, auf das man wohl sehr gespannt sein darf. In dem vorliegenden Bericht bietet er eine Schilderung seiner Reise und entwirft in grossen Umrissen ein Bild von dem Leben und dem Treiben dieses so wenig bekannten Zweiges der israelitischen Volksfamilie. Die ersten Falaschas traf er in Axum. Sie wollten ihm anfangs nicht glauben, dass er Jude sei. Alle Europäer, welche zu uns kommen, sagten sie, nennen sich Juden, aber alle predigen am Ende das Christentum. Im übrigen, lugten sie hinzu, dürfte es wohl in der Welt überhaupt keine Juden mehr geben. Vor etwa 40 Jahren sei ein Weisser zu ihnen gekommen, der sich Josief nannte (gemeint ist Joseph Halevy), der habe ihnen von den Juden in Europa erzählt und ihnen versprochen, sich für sie bei ihren Brüdern zu verwenden, die eine grosse Gesellschaft zur Förderung des Unterrichts gegründet hätten, auf dass man ihnen Lehrer sende, *) Notes d'un voyage chez les Falachas. Rapport presente a M. le Baron Edmond de Rothschild par Jaques FaYtlovitch. Paris. Ernest Leroux, editeur.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.