Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Neues von den Falaschas
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 237 - 238 (sequence 4)
- Language
- German
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237 A. Tobias: Neues von den Falaschas. 238 # - - H ISAAK LEWITHAN. kubinat wird geduldet. Die Frauen sind den Männern völlig gleichgestellt, werden weder im Hause eingeschlossen, noch gehen sie verschleiert aus. Sie nehmen teil an den Versammlungen der Männer, diskutieren mit ihnen über alle öffentlichen Fragen und arbeiten mit ihnen zusammen. Am Pesach nähren sich die Falaschas von ungesäuertem Brot und vermeiden alle gegohrenen Getränke. Beim Schlachten der Tiere beobachten sie ein anderes Ritual, als das unserige, aber sie entfernen ebenso strenge das Blut aus dem Fleisch, auch essen sie es nicht roh, was sie vor der Taenia behütet, an der die meisten anderen Abessinier leiden. Vor und nach dem Essen waschen sie sich die Hände und sprechen ein Gebet. In der Kleidung unterscheiden sie sich nicht von der übrigen Bevölkerung. Sie sind stets barhaupt, sogar in der Synagoge, nur der Kahen trägt einen weissen Turban. Sie achten sehr auf die Reinlichkeit der Kleider, sogar bei der Arbeit. An Sabbaten und Festtagen ziehen sie ihre besten Kleider an, die Frauen legen Schmuck an. Die Falaschas liefern ihrem Lande fast sämtliche Handwerker. Sie sind Bauern, Schmiede, Maurer, Baumeister, Ebenholzschnitzer, Weber, Töpfer u. s. w. Ehemals war der Ackerbau ihre Hauptbeschäftigung, aber etwa vor einem halben Jahrhundert wurden ihnen ihre Ländereien genommen und sie zu Farmern herabgedrückt, die für andere arbeiten. Ihre Beschäftigungen bringen sie in fortwährende Berührung mit der christlichen Bevölkerung, die an sich von jedem Religionshass fern ist. Nur die fremden Missionare und der heimische unwissende Klerus setzen ihnen zu. Hierbei werden die Unterdrücker von den Behörden wacker unterstützt, die die Falaschas ausbeuten und misshandeln und, um der christlichen Bauernschaft zu schmeicheln, sie zwingen, Kirchen zu bauen, am Sabbat zu arbeiten und sogar verbotene Speisen zu gemessen. Dennoch, versichert Faitlovitch, habe er sich selber überzeugt, dass unzählige längst getaufte Falaschas sich danach sehnen, zu ihrer Mutterreligion zurückzukehren, sich mit der eingeborenen Bevölkerung nicht vermischen wollen, und die Hoffnung nicht aufgeben, dass eine bessere Zukunft für sie anbrechen werde. HEUSCHOBER. Doch nicht allein diese staunenswerte Widerstandsfähigkeit zeichnet sie aus. Sie überragen ihre Umgebung durch Intelligenz, Tatkraft und Bildungsfähigkeit, was alle Forschungsreisende, und sogar die Missionare anerkennen. EYitlovitch rühmt besonders ihren grossen Wissensdrang und den Eifer, mit dem sie bemüht sind, sich zu regenieren, aus dem Sumpf afrikanischer Barbarei und Unwissenheit sich zu erheben, in den eine tausendjährige Abgeschlossenheit sie versenkt hat. Sie unterscheiden sich dadurch vorteilhaft von den eingeborenen Äbessiniern, die sich jeglichem Bildungsbestreben widersetzen und in ihrer naiven Unwissenheit auf die europäische Zivilisation herabschauen, über der sie sich unendlich erhaben dünken. Von den zahlreichen mitgebrachten Manuskripten veröffentlicht Faitlovitch eine Legende über den Tod Mosis, eine interessante Variante der auch bei uns in vielen Fassungen bekannten Sage*) über das Hinscheiden unseres Religionsstifters. Zum Schlüsse gibt der Verfasser der Hoffnung Ausdruck, dass die europäischen Juden sich ihrer vergessenen afrikanischen Brüder energisch annehmen werden, die berufen sind, im schwarzen Erdteil die Pioniere europäischer Kultur zu werden. *) Mota Muse (La Mort de Moise). Texte Ethiopien traduit en hebreu et en fran^ais annote et accompagn«'- d'extraits arabes, par Jaques Faitlovitch. Paris. Paul Geunther.