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Ost und West · 1907-04-01 · Heft 4 (April 1907) · p. Seite 229 - 230

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 4 (April 1907)
Article
Jung-hebräische Lyrik
Date
1907-04-01
Page
Seite 229 - 230 (sequence 3)
Language
German
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229 Samuel Meiseis, Charlottenburg: Junghebräische Lyrik. 230 Zwei Epochen lassen sich schon jetzt in Bialiks dichterischem Schaffen unterscheiden. Die eine bedeutet den Abschied vom Beth-ha-midrasch, die andere den Eintritt ins Leben. Dieser Uebergang vollzieht sich ohne Katastrophe und hinterlässt keinen Zwiespalt in der Natur des Dichters. Seine Brust wird dadurch nicht zum Wohnsitz der männiglich bekannten „zwei Seelen". Es ist eine grosse Dichterseele, von Natur aus mit einer reichen Entwicklungsmöglichkeit ausgestattet, sodass man bereits am Ausgangspunkt das ferne Endziel sehen konnte. Ein stetes Vorwärtsgehen, ein immerwährendes Aufwärtssteigen .... Wollte ich die bis jetzt in vier Bänden vorliegenden lyrischen Gesänge Bialiks mit einem Schlagworte kennzeichnen, ich würde sie „Der Gang zum Licht" nennen. Sein erstes Gedicht schildert einen melancholisch düstern Herbsttag, wo alles in Nebelschleier gehüllt ist und ewige Finsternis den Himmel umlagert; in seinen letzten gedruckten Gedichten badet er in Sonnenstrahlen und kann sich nicht satt baden und ruft aus: „Mehr Licht, o Gott-rdes Lichts, gib Licht!" Der Abschied vom Beth-ha-midrasch fiel dem Dichter schwer. Es war ein Abschied unter Tränen, ein Abschied voller Bührseeligkeit von dei Stätte, wo er seine Jugend zwischen kahlen Wäuden und dickleibigen vergilbten Folianten hinwelken sah. Immer wieder wirft der Dichter einen Blick nach dem Beth-ha-midrasch, dem Grabe seiner Jugend. Er sehnt sich manchmal zurück nach dem alten melancholischen Lehrhaus, nach dem alten weltfremden Talmudstudium mit seiner Kasuistik und nach dem monotonen Singsang. Er entdeckt nachträglich Lichtspuren in dieser fahlen Düsterkeit, Poesie in dem prosaischen Talmudstudium. Gleichzeitig überkommt ihn ein glühender Zorn ob dem Dahinschwinden der Jugendjahre ohne Schönheit, ohne Frühlingsluft und Sonnenschein* Aus dieser Doppelstimmung heraus sind die formvollendeten Gedichte „Der Fleissige", „An der Schwelle des Lehrhauses" entstanden. Namentlich jenes ist ein Gedicht von kulturhistorischem Wert, eine Apotheose auf den Talmudjünger und seinen Heroismus, zugleich eine Anklage gegen die Verknöcheruug im Buchstabenkult. Der Dichter schildert den ganzen Lebensjammer des Bachurs, der in den Tiefen des Talmud seine Jugend ertränkt, der das Wort der jüdischen Schriftgelehrten: „Brot und Salz und Brunnenwasser und hartes Lager und — Thorastudium" zur Wahrheit macht. Oft denkt der Dichter zurück an seine Kampfgenossen, die mit der Waffe des dialektisch scharf zugespitzten Worts kämpften, deren ganzes Jugendleben ein Wortgefecht war; oft wähnt er ihre schmelzend traurigen Stimmen zu vernehmen, und seiner tiefempfindenden Brust entringt sich der Seufzer: Und denk ich an ihre Stimme, die stöhnte Wie Ächzen Erschlagner in Mitternachtsstunde, Dann schreit es in mir: 0 Gott, du Gerechter, Weshalb gehn denn all. diese Kräfte zugrunde? Nur ein Bachur, der dasdüstereBeth-ha-midrasch- Leben mitgemacht hatte wie Bialik, konnte das Bachurimwesen so ergreifend und so plastisch malen. Voraussichtlich ist Bialik der letzte Dichter, den das Beth-ha-midrasch der neuhebräischen Literatur geschenkt hat. Denn die Goluthspezies der Bachurim ist im Aussterben. Die Nachfolger Bialiks kommen aus ganz anderen Kreisen als dem Beth-ha-midrasch. Und dieser letzte Bachur-Dichter hat das alljüdische Lehrhaus und den Bachur in herrlichen Liedern verewigt Im „Fleissigen" lebt, wie ein hebräischer Kritiker treffend bemerkt, der Bachur unsterblich im Gesänge, noch bevor er im Leben untergegangen ist. Der Eintritt ins Leben, das erste Atmen in der freien Natur, das erste Sichsättigen mit Schönheit und Blumenduft — geschieht vom Dichter mit einer gewissen „talmudischen" Weibe, ja mit einer gewissen Traurigkeit. Tiefe Schwermut atmen die ersten Gedichte von Bialiks zweiter, reiferen Periode. Der Dichter hat zwar das alte Lehrhaus verlassen, aber er scheint einige vergilbte Schriften als Talismane mit sich zu führen. Er kann noch nicht die „Flügel des Gesanges" ganz frei bewegen, denn sie sind noch immer von Talmudfolianten belastet. Bialik tritt in die schöne freie Natur, und Buchstaben schwirren vor seinen Augen . . . Das Ährenfeld, die Wölkchen am Himmel, die Tannen im Walde — sie sind Buchstaben einer himmlischen Schrift, die er liest und mit Kommentaren versieht. Die ganze Natur wird ihm zum Talmudfolianten oder zu einem mystischen Werke der Kabbala. . . Er lässt die Schönheit der Natur nicht unmittelbar auf sich einwirken, er trägt vielmehr seine innere Stimmung auf sie über. Er denkt mehr in sie hinein als er aus ihr herausfühlt. . . Der Dichter fühlt sich mitunter fremd mitten in der Natur, wie wenn er nicht so recht hingehörte. Ist er nicht seit Jahrhunderten durch die Grausamkeit der Menschen der Natur entfremdet worden? Ist Mutter Erde auch seine Mutter? Darf er den Duft der Blumen atmen, die er nicht gepflanzt? sein Auge am herrlichen Anblick des mattgoldnen Aehrenfeldes weiden, das er nicht bebaut? Solche Gedanken überkommen ihn „Im Felde". Hin aufs Feld! Dort stehen Hütten in des Friedens ewger Weihe, In den Hütten leben Menschen, gottgeliebte, sorgenfreie. Sehen ihrer Arbeit Segen, wie er wächst von Tag zu Tage — Ach, und dort klagt meine Sehnsucht manche wilde Sehnsuchtsklage. Hin aufs Feld! die heiigen Stimmen im Getreide will ich hören, Und den Wind, wenn er vorüberhuscht, das hohe Rohr zu stören, Und im Feld das leise Brodeln und im Berg das tiefe Gähreii, Und warum die Köpfchen rühren, volle, flaumige, die Ähren. Ins Getreide will ich schleichen, niederkauern, mich verstecken, In die gelbe Flut mich tauchen, dass mich ihre Wellen decken.

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