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Ost und West · 1907-04-01 · Heft 4 (April 1907) · p. Seite 231 - 232

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 4 (April 1907)
Article
Jung-hebräische Lyrik
Date
1907-04-01
Page
Seite 231 - 232 (sequence 4)
Language
German
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231 Samuel Meiseis, Charlottenburg: Junghebräische Lyrik. 232 Drüben schweigt der Wald; mich schauerts, Waldesschweigen zu belauschen Und die Bäume, wie sie Träume tiefgeheimer Nächte tauschen. Hin zur Erde will ich fallen, mein Gesicht darin verschmiegen Und mit einer bittern Frage weinend ihr im Schosse liegen. „Sag mir, liebe Mutter Erde, warum tränkt nicht voller Gnaden Deine Brust auch meine arme Seele, krank und mühbeladen?Ci Keine Antwort — zu des Berges Saum ist Sonnenblut ergossen. Ich von Wand und Wand der hohen Ähren wonnevoll umschlossen, Ganz umwallt, umballt von Schatten, die auf mich herniedersinken, Schreit ich, Himmel mir zu Häupten, Korn zur Rechten, Korn zur Linken. Vor des Feldes lichter, froher Majestät, ein Bettler steh ich, Und wie nackt ich bin und elend, erst zu dieser Stunde seh ich. Meine Hände nicht, ihr Aehren, schufen euch in Müh und Walten, Meine Kraft hat nicht gesät liier, ich nicht werde Ernte halten. War es Schweiss von meiner Arbeit, der den schwarzen Boden tränkte? Mein Gebet, dem sich der Himmel gnädig wies und Regen schenkte? Ihr gedieht, doch nicht um mein Herz, meine Augen nicht zu rühren — Ach, so wird nicht meiner Lieder Jubel euch zur Scheune führen. (Uebersetzt von Bernhard Fuchs.) In diesem Gedichte zeigt sich Bialiks Meisterschaft in der Naturmalerei Zum wahren Künstler entfaltet er sich in seinen spätem Gedichten „Frühlingswehen", „Mysterien der Nacht", „Morgengeister", „Sommerlieder". Sein stimmungsreiches Gedicht „Licht" dürfte in der neuhebräischen Literatur den Eang einnehmen, den Schillers Spaziergang in der deutschen Literatur einnimmt. Auch eine Reihe von sinnigen Balladen hat Bialik gedichtet, darunter die „Zwerge der Nacht*, eine Wichtelmännchengeschichte, die sich anmutig liest wie Goethes „Hochzeitslied". Nur in seinen Liebesgedichten, von denen bisher im ganzen sieben erschienen sind, kommt er über die Weit unten im subtropischen Afrika, im alten Aethiopien, dem heutigen Abessinien, lebt uns seit unvordenklichen Zeiten ein Bruderstamm, von dem wir bis gegen das Ende des 18. Jahrhunderts gar nichts gewusst hatten: die Palaschas oder die schwarzen Juden. Erst um jene Zeit brachten europäische Reisende, die bis nach Abessinien vordrangen, die Kunde von der Existenz jüdischer Gemeinden in diesem Lande, doch waren ihre Nachrichten derart von Wahrheit und Dichtung gemischt, dass man sich kein klares Bild von dem Mittelmässigkeit nicht hinaus. Allerdings fanden auch diese Gedichte in den hebräisch lesenden Kreisen viel Anerkennung, und ein bedeutender hebräischer Kritiker scheute sich nicht, zu erklären, dass Bialiks Liebeslied „Ein Brief lein schrieb sie mir" nicht seinesgleichen in der ganzen Weltliteratur fände. — Was Wunder? Waren doch die echten gefühlvollen Liebeslieder bis jetzt so rar in der neuhebräischen Literatur! Und alles Neue liebt man zu überschätzen. Im deutschen Dichterwald, wo die Nachtigallen Goethe und Heine ihre Liebeslieder sangen, würde man Bialiks Liebeslieder doch etwas niedriger bewerten. Soll ich noch vom Dichter-Propheten Bialik sprechen? — Nach den Judenmetzeleien in Kischinew hat Bialik drei Gedichte, richtiger prophetische Strafreden unter dem Gesamttitel „Von den Gedichten des Zorns" veröffentlicht. Das sind Lieder des grossen Zorns, wie sie keine zweite Literatur aufzuweisen hat, aufweisen kann. Diese Lieder hat die Volksseele gedichtet, die seit Jahrtausenden gemarterte, in Blut getränkte jüdische Volksseele. . . Keines Malers Pinsel hätte die schrecklichen Szenen des Judenmassakers in Kischinew so plastisch darzustellen vermocht, wie Bialik sie in diesen Gedichten schildert. Und doch ist er hier weder Künstler, noch Maler noch Dichter, sondern Prophet. Der Prophet, dessen Stimme wie ein Donner dahinrollt, weit hinter die Berge, und alles, was lebt und nicht lebt, mitreisst, aufrüttelt, aufpeitscht, dass es jammert und wehklagt ob der Schmach unserer Zeit. Ein moderner Prophet, der nicht, von dem göttlichen Strahl geblendet, zu Boden fällt und sein Gesicht verbirgt, der vielmehr eine erschütternde Klage hinausschleudert darüber, dass Gott sein Volk verlassen, gegen das Volk, das die Makkabäer hatte und sich wie das Vieh abschlachten lässt, gegen die menschliche Gesellschaft, gegen die Gerechtigkeit selbst. Gerechtigkeit, bist du kein Schein — so lass dich sehn! Wird aber erst, nachdem ich spurlos bin vernichtet, Dein Thron hienieden wieder aufgerichtet, So soll dein Thron verflucht in Trümmer gehn! Der Himmel soll im Frevelfrass verschwinden! Und ihr, Barbaren, lebt in euern Sünden, Und wascht in unserm Blut sie rein!--- (Sclüuss folgt.) Nachdruck verboten. Gegenstand machen konnte. Aber das Interesse der europäischen Judenheit war geweckt, und diese hat seither mehreremale versucht, sich mit den Juden im Eeiche des Negus in Verbindung zu setzen. Im Jahre 1829 hat Louis Marcus im Journal Asiatique alle bis dahin bekannt gewordenen Nachrichten über die Palaschas gesammelt und auf Grund derselben ihre Geschichte zu konstruieren unternommen. Später bemühte sich S. D. Luzattos leider allzufrüh verstorbener Sohn Ohev-Ger (Philoxene), mit den abessinischen Juden in direkten NEUES VON DEN FALASCHAS. Von A. Tobias.

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