Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Jung-hebräische Lyrik
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 227 - 228 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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227 Samuel Meiseis, Charlottenburg: Junghebräische Lyrik, 228 Reimschmiedekunst als Nebenbeschäftigung. Es ist charakteristisch, dass damals fast kein einziges Buch in hebräischer Sprache — mochte es ein Buch über hebräische Synonymik oder eine Konkordanz, ein Lehrbuch der Geographie oder ein Leitfaden der Geschichte sein — ohne einleitendes Gedicht in die Welt gesetzt wurde. Dieser Brauch hat sich dermassen eingebürgert, dass eine gereimte Einleitung unerlässlich notwendig wurde zu jedem Buch. War das Werk ein Original oder eine Uebersetzung — das Gedicht als Geleitwort durfte unter keinen Umständen fehlen ... In den meisten Fällen war dieses Gedicht ein Hymnus auf die hebräische Sprache, in der „Adam und Eva, lustwandelnd im Garten Eden, sich verständigten, in der Gott vom Sinai zu seinem Volke sprach, in der die gotterfüllten Propheten Strafreden hielten und in der der Sänger auf dem Throne seine herrlichen Psalmen saug". Oder es war eine Elegie auf den Niedergang der hebräischen Sprache, die wie „eine Witwe dasitzt, von ihren Kindern verlassen" ... Freilich hat die jüdische Literatur dieser Epoche einige Dichter zu verzeichnen, in deren Dichtungen der Puls einer warmen Empfindung zu vernehmen ist. Sie meisterten die hebräische Sprache mit einer Virtuosität, die jedem Kenner Bewunderung abringt. Mit grosser Kunstfertigkeit wendeten sie in ihren Gedichten das Bibelwort an, in dieser Weise, dass es in seiner alten Form einen neuen Gedanken erhielt Sie waren Meister des Wortes; sie schufen keine neuen Worte für die neuen Begriffe, sondern sie besassen ein feinentwickeltes Sprachgefühl, das sie befähigte, den vorhandenen hebräischen Wortschatz auszubeuten und dem Bibelwort, je nach seiner Stellung im Satzgefüge, einen neuen Sinn zu geben. Dass dieses strikte Festhalten am Stil der Bibel zuweilen den dichterischen Schwung hemmte und in ein leeres Wortgeklimper ausartete, ist erklärlich. Aber auch Dichter sind Kinder ihrer Zeit. Wie das Judentum, namentlich im Osten, zu jener Zeit nur nach dem Buchstaben lebte, so dichteten seine Poeten nach dem, was geschrieben stand — nämlich: frei nach der Bibel. Sie schöpften den Stoff zu ihren Dichtungen nicht aus ihrer Brust, aus dem vollen Menschenleben, aus der grossen weiten freien Natur, sondern — aus der BibeL Den Zauber des Frühlings, das Malerische einer herrlichen Landschaft, das Bauschen der Flüsse, das Säuseln der Winde, das Jubilieren der Nachtigallen — all dies sahen sie nicht und hörten sie nicht, sondern lasen es aus der Bibel heraus. Das Ergebnis: alle ihre Frühlingslieder waren in Beime gebrachte Bruchstücke aus den Psalmen und dem Hohenliede; alle ihre Landschaftsbilder hatten ein palästinensisches Aussehen; alle ihre Metaphern waren biblisch. Bei jedem Sonnenaufgang ging die Sonne heraus „wie ein Bräutigam aus seiner Kammer, frohlockend wie ein Held, die Bahn zu durchlaufen"; im eisigen Norden sass der Bauer „friedlich unter dem Schatten seines Feigenbaumes"; und wo die Rebe nie geglüht, kelterten die Winzer Weintrauben in den Keltern und sangen ein Heidodlied. Bezeichnend waren auch ihre Liebeslieder. Da hiess jede Geliebte Sulamith und eine glich der andern wie ein Tropfen Wasser dem zweiten: die Augen waren wie die Teiche zu Hebron am Tor Bethrabbim, das Haar wie eine Herde Ziegen, gelagert am Berge Gilead, die Zähne, wie eine Herde Schafe, die aus der Schwemme kommen die Brüste wie zwei junge Rehzwillinge, die unter Rosen weiden, der Hals wie ein elfenbeinerner Turm, das Haupt wie der Karmel — also alles genau nach Muster der Sulamith im Hohenliede Salomos. In vielen Fällen brachte die Schlussstrophe des Liebesliedes eine Enttäuschung, denn es stellte sich heraus, dass die vom Dichter angeschwärmte Dame gar kein Wesen von Fleisch und Blut war, auch keine schaumgeborene Meeresgöttin, sondern die lichtgeborene „Haskala" (Aufklärung), die Tochter des Himmels, die die Finsternis bekämpft und den Menschengeist erleuchtet . . . Erst mit dem Dichter-Trifolium Adam Lebensohn, seinem leider früh verstorbenen Sohn Micha Josef Lebensohn und Juda Leib Gordon beginnt eine neue Epoche in der hebräischen Poesie im besonderen und in der jüdischen Poesie überhaupt. Sie bilden die Vorläufer der modernen hebräischen Lyrik, obwohl die moderne Dichterschule an diese Meister sehr wenig anlehnt. Die hebräische Lyrik berührt jetzt ganz andere Saiten und entlockt diesen ganz andere Töne, als man früher zu hören gewohnt war. Etwas Melodisches und Weichklingendes tönt aus ihren Gedichten heraus. Jedes Gedicht ist aus der Zeit heraus gedichtet, aus dem Born des frisch sprudelnden Lebens geschöpft. * * * Die führende Rolle unter den junghebräischen Lyrikern hat Chaim Nachman Bialik, ein starkes Talent von grosser dichterischer Kraft und von unerschöpflicher Sprachgewalt. Bialik steht am Scheidewege, zwischen zwei Epochen, wo er sich mit den jüngsten alten und den ältesten jungen hebräischen Lyrikern berührt. Er beginnt als Epigone Juda Leib Gordons und wächst sich allmählich zum Vorläufer vieler jüngern Talente aus. Also halb Jünger, halb Meister; kein ganz moderner hebräischer Dichter, aber einer, der sich modernisierte, um schliesslich seinen Nachfolgern den Weg zur Moderne zu zeigen. Bialik hat eine gradlinige spontane natürliche Entwicklung durchgemacht; er hat viele Hemmnisse überwunden, sich durch manche Hindernisse durchgerungen, aber ohne Schwingübungen und Kunstsprünge. Diese Tatsache verdient um so eher der Erwähnung, als Bialik vom Beth-ha-midrasch den Schritt zum Parnas unternahm. Viele vor ihm sind gleichfalls aus dem Beth-ha-midrasch zu des Dichters Bergeshöhen gestiegen. Aber Bialik ist den Weg gegangen, jene sind gesprungen. Jeder Beth-hamidrasch-Jünger ist in der Regel zu seinem eigenen Schaden ein Voltigeur. Bialik war es nicht. Schon dieser natürliche Entwicklungsgang zeigt ihn als Modernen.