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Ost und West · 1907-04-01 · Heft 4 (April 1907) · p. Seite 225 - 226

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 4 (April 1907)
Article
Jung-hebräische Lyrik
Date
1907-04-01
Page
Seite 225 - 226 (sequence 1)
Language
German
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225 226 JUNG-HEBRAEISCHE LYRIK. Von Samuel Meiseis (Charlottenburg). Nachdruck verboten. Den grossen Zeitraum von dem glänzenden Dreigestirn, den Dichterfürsten Jehuda Halevy, Ibn Esra und Ben Gabirol bis in die Aera Mendelssohns und noch weit darüber hinaus kann man mit Recht als die dichterlose Zeit im Judentume bezeichnen. Die Quellen der jüdischen Lyrik waren versiegt. Die Zionsharfen schienen zerschlagen, ihre Saiten geborsten. Kein Laut war hörbar, selbst die alten Klaeetöne verhallten, ohne das leiseste Echo zu wecken. Es war eine Zeit der unumschränkten Herrschaft des Geistes, der jedes Gefühl verstummen macht. Stellten sich manchmal innere Gefühlsregungen ein, lohten manchmal im Herzen die Flammen der Begeisterung auf, so suchte man sie weniger durch eigene lyrischen Ergüsse als durch, bereits vorhandene ältere zum Ausdruck zu bringen. Man kümmerte sich wenig darum, ob diese alten Klänge zu den neuen Zeitstimmungen passten. Und schliesslich muss man nicht immer in Schmerzen und Leiden poetische Tränen vergiessen. Es lässt sich auch in schlichter Prosa weinen und wehklagen . . . Erst in den Zeiten der Emanzipationsbestrebungen der Juden, besonders aber in der darauffolgenden Aufklärungsperiode erstand dem Judentum eine Anzahl von hebräischen Dichtern, die im bekannten Musivstil oder in der Form der sogenannten „Pijutim" ihre Lieder und Hymnen sangen. Allein diese Dichter waren keine Lyriker im eigentlichen Sinne; ihre Dichtungen boten ein Gemisch von philosophischen Betrachtungen und moralischen Sentenzen, sprühendem Wort witz und trockenem Humor, schwulstigen Phrasen und gereimter Prosa. Reine Gefühlsergüsse waren ihnen fremd. Jedes Ding: lief bei ihnen auf die Moral hinaus, die ihnen der Inbegriff alles Schönen war. Da sie eine grosse Vorliebe fürs Lehrhafte besassen, bevorzugten sie das didaktische Gedicht. Diese Bevorzugung derLehrgedichtspattung hat sich bei den hebräischen Dichtern bis Ende der achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts erhalten. Aus diesem Grunde haben sie LESSER URY auch aus allen Literaturen nur das herübergenommen, was lehrhaft, moralisch, tendenziös war. Sie liebten das Schwerfällige und Gedankenreiche. Für die Reize einer leichtbeschwingten Muse ging ihnen das Verständnis ab. Die tiefgründigen, mit metaphysischen Gedanken durchwebten Gedichte Schillers sagten ihnen mehr zu als die sanft dahinfliessenden Klänge der Goetheschen Poesie oder die tänzelnde Lyrik Heinrich Heines. Schiller war auch der erste deutsche Dichter, von dem eine grössere Auswahl von Gedichten in hebräischer Uebersetzung erschienen ist. Dazumal wurde in der jüdischen Poetenschule mit der poetischen Lizenz insofern Missbrauch getrieben, als jeder, der hebräisch schreiben und reimen konnte, für sich die Lizenz beanspruchte, zu dichten. Da gab es neben einigen wirklichen Poeten viele Reimschmiede in Israel. Jeder Stubengelehrte, der Studien oblag, die von der Dichtkunst weltenweit entfernt sind, betrieb das Handwerk der Die Sintflut. BERLIN.

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