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Ost und West · 1907-03-01 · Heft 3 (März 1907) · p. Seite 207 - 208

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 3 (März 1907)
Article
Die Israeliten in Tripolis
Date
1907-03-01
Page
Seite 207 - 208 (sequence 2)
Language
German
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207 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Tripolis. 208 und fauleii arabischen Nachbarn ersparen dieser fleissigen, arbeitsamen Bevölkerung auch sonst nicht Schädigungen aller Art. Die Synagoge, ein altes nnd verehrtes Heiligtum, wäre beinahe unter dem Vorwand zerstört worden, dass sie einer Moschee zu nahe stehe. Erst der urkundliche Nachweis, dass die Synagoge 500 Jahre vor der Moschee gebaut worden, gab dem türkischen Verwaltungschef die Möglichkeit, die Synagoge zu erhalten. Den grössten Kummer bereiteten die Araber dadurch, dass sie den Friedhof beackerten, auf dem die irdischen Reste einer langen Ahnenreihe der Israeliten ruhen. Drei und eine halbe Stunde von Beni Abbas liegt malerisch das Dorf Tigrena, das in etwa 20 Höhlen 650 jüdische Einwohner hat. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind hier wie dort die nämlichen, aber die Beziehungen zu den Eingeborenen scheinen mir in Tigrena erträglicher. Das Dorf hat zwei Synagogen, deren eine unter der Erde, und eine Talmud-Tora-Schule, in der die Kinder fast nichts lernen. Der einzige des Hebräischen kundige Mann hier ist der Chacham Baschi der troglodytischen Judenschaft, Rabbi Kalifa HadschaL Gleich den Eabbinern des Mittelalters und einer Reihe von Vorfahren übt der Chacham die ärztliche Kunst aus. Kalifa ist ein schöner Mann, der ausgezeichnet hebräisch spricht. Er gab mir eine handschriftliche Sammlung von „Phitim", von denen er einen Teil selbst verfasst hat. Er ist der wahrhafte Spross des jüdisch -arabischen Mittelalters. Die wirtschaftliche Lage der Juden im Troglodytengebiet ist überaus unsicher. Die ganze Existenz der Juden hängt von dem guten Willen der arabischen Kundschaft ab. Die Bezahlung der Schmiede und anderen Handwerker besteht in dem geldarmen Lande fast ausschliesslich in Naturalien: so und so viel Mass Gerste, Feigen oder Oliven, nach dem Ausfall der Ernte. Selbst Ackerbauer, sieht der Jude, ohne Einspruch zu wagen, wie die arabischen Nachbarn sich der Erstlinge seiner Olivenbäume, des Ertrages seiner Äcker bemächtigen, die in der weiten Ausdehnung der muselmanischen Eelder sich verlieren. Ein unternehmender Hausierer, der bis nach Fezzan vordringt, ist er allen Nachstellungen und Demütigungen ausgesetzt, die die Phantasie des muselmanischen Mittelalters hat ersinnen können. Als türkischer Untertan hat er die Wehrsteuer selbst da zu entrichten, wo die Muselmanen Militärdienste nicht zu leisten brauchen, und von den Vorteilen der ottomanischen Justiz "iind der ottomanischen Gesetze hat er keine Nutzniessung. Eine freundschaftliche Intervention bei den aufgeklärten Behörden von Tripolis, um den Juden eine gerechtere Verteilung der Steuern und des Landbesitzes zu sichern, der im Innern niedrigen Preis hat, würde die wirtschaftliche Lage dieser arbeitsamen Bevölkerung wesentlich bessern, die abermals beweist, bis zu welchem Grade unsere Easse sich jeder Umgebung und jeder sozialen Lage anzupassen vermag. Was die moralische Lage betrifft, so würde genügen, einen guten Hebräiseh-Lehrer zu schicken, der hinreichend zivilisiert ist, um sich mit den Behörden ins Vernehmen setzen zu können. Schon dadurch würde die gesellschaftliche Stellung der Juden im Troglodytenlande sehr gehoben werden. Eine Tagesreise trennt Djebel Gharian von Djebel Iffron. Dieses zählt noch drei israelitische Dörfer: El Ksir, El Meanien und Dissir mit einer Gesamtbevölkerung von etwa 2000 Seelen. Wenn die Juden der erstgenannten Provinz Höhlen bewohnen, so suchen die der anderen Provinz auf Bergabhängen Schutz, wo ihre Wohnungen an die versteckten und schwer zugänglichen Dörfer der Berber erinnern. Diese interessante jüdische Bevölkerung hat ihre Sitten und Ueberlieferungen und sogar eine seltsame Art hebräischen Dialekts bewahrt. Die letzten Ueberlebenden einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung, deren zahllosen Spuren man durch das ganze weite Gebiet des Djebel Nefussi begegnet, stellen die Juden von Iffren einen der schönsten, stattlichsten Menschentypen dar, die zu sehen mir je vergönnt gewesen. Die Frauen besonders, in eine Art gefälteten bunten Tuchs gekleidet, fallen durch die Weisse der Haut, die Schlankheit des Wuchses, die Regelmässigkeit der Züge auf. Ihre soziale Lage gleicht fast der der Männer. Wenn die Frau, gleich der Tochter des alten Juda, Leinen und Gürtel webt, Korn mahlt^ so hat sie dafür auch das Recht, an der Seite des Mannes zu speisen und sich in die Gesellschaft der Männer zu mischen. Die Ehen werden in der Nähe der Brunnen geschlossen, dort wo die jungen Mädchen Wasser schöpfen. Ich habe manche anmutige Rebekka von Djebel gesehen, dicht am Brunnen, von den jungen Burschen des Dorfes umgeben. Die Gewerbe unserer Glaubensgenossen hier sind ungefähr die nämlichen, wie bei den Juden von Gharian, Nach Ansicht der türkischen Behörden sind in dieser Gegend, die durch die ausnehmende Faulheit ihrer Bewohner ruiniert worden, die Juden das einzige arbeitsame, schaffende Ele-

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