Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- Die Israeliten in Tripolis
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 205 - 206 (sequence 1)
- Language
- German
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205 206 DIE ISRAELITEN IN TRIPOLIS. ve^te, Spezialbericht an die Alliance lsraelite Universelle von N. Slousch, Lehrer an der Sorbonne. Am 16. August 1906 unternahm ich einen dreiwöchigen Ausflug in das tripolitanische Djebel. Diese Reise, die durch Sandwüste führt, ist im Sommer besonders gefährlich; doch konnte ich die einzige Gelegenheit nicht entschlüpfen lassen, die sich mir zum Besuch der Gebiete des alten Libyen bot, die reich sind an jüdischen Erinnerungen und wo sieh mehrere jüdische Niederlassungen, noch von keines europäischen Glaubensgenossen Auge geschaut, in unverändertem vorgeschichtlichen Zustand befinden. Nach zweitägigem Kamelritt gelangte ich in das gebirgige Gebiet der Höhlenbewohner von Gharian. Ein seltsamer Anblick, diese fruchtbaren Hügel und Täler, in denen, abgesehen von einigen Ruinen und Moscheen, sich keine Spur menschlicher Wohnungen über den Erdboden erhebt, wo die Toten über der Erde liegen, die Lebenden in Höhlen sich aufhalten, die das Auge kaum zu entdecken vermag! Gharian, von Troglodyten bewohnt, hat eine grosse Zahl muselmanischer Dörfer, wenn man diesen Namen den nackten Anhöhungen von roter Erde geben kann, bei denen nichts auf die Anwesenheit menschlicher Wesen deutet. Von Zeit zu Zeit entdeckt das geübte Auge zwischen Oliven- und Feigenbäumen, zur Seite einer Moschee oder neben Ruinen am Abhang eines Hügels Löcher, die durch ihre Gestalt meist an Kellertüren erinnern. Eine kleine hölzerne Pforte öffnet sich vor dem Reisenden, und er ist in einer Art dunkler Galerie, die abwärts führt und die man erst durch Gewöhnung ungefährdet durchschreiten lernt. In einem Abstand von etwa 15 bis 20 Meter stösst man auf einen Hof, der durch von oben einfallende Lichtstrahlen schwach erhellt ist. Dieser Raum geht dem Centraihof vorauf und dient zuweilen den israelitischen Schmieden als Werkstatt. Man steigt immer weiter hinab und gelangt auf einen viereckigen unterirdischen Hof, der vergleichsweise hell ist, weil durch ein Stück Himmel, das man durch einen Ausschnitt von 10 bis 12 Meter Durchmesser sehen kann. Dieser Hof, ein förmlicher Abgrund, ist der Zentralsitz, zugleich Küche und Fabrik. Die einzelnen Gemächer sind in Umfassungsmauern gegrabene Aushöblungen, die ihr Licht vom Hof aus erhalten. Man erstickt dort gerade nicht, aber der Reisende fühlt sich unbehaglich, während die Eingeborenen der Meinung sind, dass das unterirdische Leben naturgemäss und sogar bequem sei. Die Synagoge des Dorfes Beni-Abbas ist gleichfalls unterirdisch angelegt, doch ist der Zugang offen und leicht, das Dach überragt sogar um etwas den Erdboden. In Tigrena hat man eben einen Synagogenbau beendet, der sich ganz über die Erde erhebt. So habe ich zwei vollständig jüdische Dörfer und zwei unterirdische Niederlassungsgruppen unserer Glaubensgenossen gefunden. Das eine Dorf, unter dem Namen Yehud-Abbas bekannt, liegt der Wüste, die nach Tripolis führt, am nächsten. Das Dorf zählt in sechs unterirdischen Höfen 240 Einwohner und hat eine Synagoge, deren Dach kaum über den Erdboden ragt. Die Bewohner sind die letzten Überlebenden einer vormals zahlreichen, durch Pest aufgeriebenen Bevölkerung. Männer und Frauen stellen einen schönen Typ dar, den die Höblenluft nicht verderbt hat. In den Höhlen arbeiten alle Juden. In der Jahreszeit, die der Feldarbeit vorausgeht, sind sie Schmiede, dann sind sie Feldarbeiter und während der Brachzeit wandernde Kaufleute, die das ganze Land durchziehen. Viele von ihnen fabrizieren einen Dattelschnaps, die Frauen weben für die Eingeborenen, arbeiten in den Feldern und an den Fruchtbäumen. Manche Juden von Gharian beschäftigen sich überdies mit der Fabrikation von Holzschuhen. Bei der allgemeinen Unwissenheit hat man nur wenige örtliche Überlieferungen bewahrt. Die Schochtim und die Talmud-Tora-Lehrer sind von tiefer Unbildung. In der Talmud-Tora von Beni-Abbas sind 16 Schüler, in der von Tigrena 40. Bemerkenswert ist, dass man in der Synagoge „Piutim" singt, die anderwärts unbekannt sind und deren Verfasser aus dem Troglodytenlande stammen. Als Nahrung dient den Höhlenbewohnern Gerstenbrod, Feigen und Datteln. Aus diesen bereiten sie einen Schnaps, dem sie auch selbst nur allzusehr zusprechen. Ihre Lieblingsspeise ist ein aus Gerste und Öl hergestelltes Gemisch, das sie mit den Fingern, ohne Gabel oder Löffel, zum Munde führen. Fast jeder Jude hat einen Esel, den am Sabbat die Araber ohne weiteres in Anspruch nehmen, indem sie sagen: „wenn der Jude seinen Tag verliert, so ist das kein Grund, dass das Vieh dasselbe tut." Solche Ungeniertheit findet man nicht blos bei den Troglodyten. Die überaus fanatischen