Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- Der Pogrom
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 193 - 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583958-2588358--06998-2588430- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
193 Maria Konopnicka: Der Progrom. 194 gehörst hierher, bist ein hiesiger, hast ein Recht, diese Stadt zu lieben, so lange Du redlich bleibst. Du hast Dich dessen nicht zu schämen, dass Du Jude bist. Wenn Du Dich schämst, dass Du Jude bist, so hältst Du Dich selber für niedrig, nur weil Du Jude bist, nu, wie kannst Du dann für diese Stadt etwas Gutes tun, in der Du geboren bist? Wie kannst Du diese Stadt lieben? Nu? . . ." Er verschluckte sich und blieb wieder vor dem Knaben stehen. Jetzt aber schaute er auf sein erschrockenes Gesichtchen mit einer gewissen Rührung. Er legte die Hand auf sein Haupt und rief mit Nachdruck: „Ein redlicher Jude bleiben, das ist eine schöne Sache! Merk' Dir das! Und jetzt gehe lernen, damit Du aufhörst, dumm zu sein; und eine Mütze werde ich Dir schon kaufen, Du brauchst deshalb nicht zu weinen, das ist eine Dummheit." Der Kleine küsste dem Grossvater die Hand und ging an die Arbeit. Den Alten aber hatte die Sache doch mehr aufgeregt, als er vor dem Kleinen entdecken wollte. Denn er ging im Zimmer auf und ab, ohne die angefangene dringende Arbeit zu vollenden, spuckte jedesmal in den Winkeln aus, als hätte er etwas Bitteres verschluckt. Er hatte auch über Nacht diese Bitternis noch nicht verdaut, denn am Morgen erhob er sich noch gebückter und mehr gealtert, als sonst. Als der Kleine sich die Riemen seines Tornisters befestigte und zur Schule ging, stand er lange noch am Fenster und sah ihm unruhig nach. Diese Unruhe verliess ihn auch während der Arbeit nicht. Oefter als gewöhnlich, offenbar im Zustande einer Gereiztheit, stopfte er das kurze Pfeifchen und blickte argwöhnisch in diese Gasse, die er so lange nnd so gründlich kannte. Und vielleicht war eben diese seine Gereiztheit schuld, das ihm ihre Bewegung und das rege Treiben anders als gewöhnlich vorkamen. Aber als der Kleine aus der Schule fröhlich heimkam, weil er eine gute Zensur bekommen, und belustigt über die neue Mütze, die ihm über die Stirn fiel, vergass der Alte ganz alle seine Phantasiegebilde und, sei es für sich selber, oder um dem Kleinen eine Freude zu machen, begann er bei der Arbeit zu pfeifen, wie in den Zeiten der Jugend. Nach dem Mittagessen kam der ewig nach Bisam riechende Dependent hereingestürzt, um sich seine zusammengenähten Akten zu holen. In der Stube war es schon dunkel, als durch die niedrige Tür der dicke Uhrmacher im aschgrauen Havelock sich hineindrängte, den er immer um diese Stunde trug. „Haben Sie Neues gehört?" frug er, indem er sich auf den Rand des Tisches setzte, an dem der Knabe studirte. „Nu," versetzte Mendel, „was gehen mich Neuigkeiten an? Ist es eine gute Neuigkeit, wird sie gut bleiben, auch wenn sie nicht mehr eine Neuigkeit ist; ist sie böse, was nützt es mir zu wissen!" „Es heisst, dass man die Juden schlagen soll," rief der beleibte Uhrmacher, indem er den Fuss mit dem ausgeschnittenen Schuh und der Stahlspange hin und her wiegte. Der alte Mendel zwinkerte einige Male nervös mit den Augen, ein plötzliches Beben zuckte um seinen Mund. Bald aber hatte er sich wieder in seiner Gewalt und im Tone jovialer Gutmütigkeit sprach er: „Juden? Welche Juden? Was für Juden will man schlagen? Die Diebe, oder solche, die den Leuten Böses tun, unterwegs die Reisenden berauben, die den Armen die Haut herabziehen, warum nicht? Ich selber werde hingehen und sie schlagen 1" „Aber nein!" lachte der Uhrmacher. „Alle Juden! ..." In den grauen Augensternen Mendel's flammte ein plötzlicher Glanz auf. Er dämpfte ihn durch die halb gesenkten Wimpern und mit gekünstelter Gleichgültigkeit sprach er: „Nu, warum sollen alle Juden geschlagen werden?" „Wieso, warum?" erwiderte der Uhrmacher freimüthig. „Darum, weil sie Juden sind!" „So?" sagte Mendel, indem er halb seine grauen Augen schloss: „Warum gehen die Leute nicht in den Wald, um die Birken und die Tannen zu schlagen, weil sie Birken und Tannen sind? ..." „Ha, ha!" lachte der Uhrmacher. „Jeder Jude hat seine Ausflüchte. Aber, lieber Freund, diese Birken und diese Tannen sind ja unser, in unserem Walde, auf unserem Grund und Boden aufgewachsen.'4 In Mendel brauste es auf, dass er sich verschluckte. Er beugte sich leicht zu seinem Gegner hinüber und blickte ihm tief in die Augen. „Nun, und ich, wo bin ich aufgewachsen? Aus welchem Boden heraus bin ich aufgesprosst? Wie lange kennen Sie mich schon? Siebenundzwanzig Jahre kennen Sie mich! Bin ich ich etwa hierher gekommen, wie man in ein Wirtshaus kommt. Wie Einer, der isst, zecht und nicht bezahlt? Nein, ich bin nicht wie in ein Wirtshaus hier eingekehrt. Ich bin in dieser Stadt aufgewachsen wie die Birke im Walde. Habe hier mein Brod gegessen, das ist wahr. Hab7 auch Wasser getrunken, auch wahr. Aber für mein Brod und Wasser habe ich bezahlt! Womit habe ich bezahlt? Wollen Sie wissen, womit ich bezahlt habe?" Er streckte seine beiden abgearbeiteten, trockenen und nervigen Hände vor sieh aus. „Nu," sagte er mit einer plötzlichen Wallung, „mit diesen fünf Fingern habe ich bezahlt! Sehen Sie diese Hände?" Wieder beugte er sich herab und fuchtelte mit seinen mageren Händen vor dem Gesichte des Uhrmachers. „Diese Hände haben das Brod und das Wasser nicht unverdient zu den Lippen geführt. Diese Hände sind krumm geworden vom Messer, von den Zangen, der Schraube und dem Hammer. Ich habe mit diesen Händen für jeden Bissen Brod und für jeden Schluck Wasser bezahlt, die ich verzehrt. Ich habe auch noch diese Augen hinzugelegt, die nicht mehr gut sehen wollen, und diesen Rücken, der sich nicht mehr gerade strecken will, und die Füsse, die mich nicht mehr tragen wollen!" Der Uhrmacher hörte teilnahmslos zu, während er mit seiner Uhrkette spielte. Der Jude erhitzte sich vom Reden noch mehr.