Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- Der Pogrom
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 191 - 192 (sequence 1)
- Language
- German
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191 192 DER I Von Maria Konopni Nach dem Mittagessen macht sich der Kleine an die Arbeit, indem er aus dem Tornister seine Bücher und Hefte hervorholt, während der Alte an seinen Arbeitstisch geht. Obgleich das Kind sich still verhält und nur mit halblautem Flüstern seine Lektionen wiederholt, scheint dem alten Buchbinder doch etwas bei der Arbeit hinderlich zu sein. Jedesmal wendet er den Kopf, um den Knaben anzusehen, und obgleich er nur die Hand auszustrecken braucht, um Kleister zu haben, macht er doch absichtlich einen Umweg um die ganze Länge der Stube, um unterwegs den Enkel in die bleichen Wangen zu kneifen, oder ihm das kurzgeschorene, weiche und dichte Haar zu streicheln. Der Knabe ist offenbar an diese Liebkosungen gewöhnt, denn er unterbricht weder sein eifriges Murmeln, noch die wiegenden Bewegungen. Und der Grossvater ist damit sehr zufrieden; leise auftretend kehrt er auf seinen Platz beim Arbeitstisch zurück. Am Freitag vor Abend ändert sich die Szene; der Kleine lernt beim Fenster, indem er sich mühselig auf seinem Sessel hin- und herwiegt, auf dem Tischchen liegt ein weisses Tischtuch, und die Nachbarin bringt Fische, Nudeln mit Brühe und eine fette, eben vom Bäcker abgeholte, hübsch gebräunte Ente, Ein Zinnleuchter von seltsamer Form erhellt die Stube und verleiht ihr ein feierliches, testliches Aussehen. Der alte Mendel hat einen etwas abgetragenen, aber noch immer schönen schwarzen Kaftan an, mit breitem Gürtel darüber, in den er mit einem wonnigen Gefühl seine abgearbeiteten Hände steckt. Ein Käppchen bedeckt sein graues Haar, und das Knistern der neuen Stiefel mit Schäften erfüllt den Raum mit einem gewissen heiteren Geräusch. Sobald der Tisch angerichtet ist, wäscht sich der Knabe, kämmt sein Haar, das wie ein Maulwurfsvliess aussehende Haar auf dem kleinen, länglichen Köpfchen, knöpft sich einen frischen Kragen und frische Manschetten an, und die Hände auf dem Rücken gekreuzt steht er da, ernst und gerade aufgerichtet, während der Grossvater nach dem Tales (Gebetmantel) und Gebetbuch langt. Eine Weile später erklingen die Töne eines heilen Singsangs. Der alte Jude betet. Seine Stimme durchläuft alle Tonfälle, von den tiefsten Lagen bis zu den höchsten, die sich zu einem Stöhnen und inbrünstigen Klagen erheben, voll leidenschaftlicher, flehender schluchzender Akzente. Unter dem Eindruck dieses Gesanges empfindet der kleine Gymnasiast einen nervösen Schauer, sein bleiches Gesichtchen wird noch bleicher, seine grossen Augen werden übermässig weit, bald schliessen sie sich und füllen sich mit Tränen; er blickt auf den Grossvater wie gebannt, und ein spasmatisches Gähnen öffnet sein Mund. Zum Glück schlägt der Alte das grosse Gebetbuch zu und beginnt mit einem Segensspruch das Sabbatmahl. ca. — Aus dem Polnischen. Nachdruck verboten. II. Im Sommer kam es einmal vor, dass die Burschen vom benachbarten Schlosser und Schuster sich vor dem geöffneten Fenster des alten Buchbinders versammelten, in die von dem Samstagslicht erhellte Stube guckten und über das Gebet des Juden höhnten und schlechte Scherze trieben. In diesem Augenblick ging der alte Pfarrer vorbei, er blickte flüchtig ins Fenster, und als er den betenden Juden sah, der so wehmütig zu seinem Gott rief, lüftete er ehrfürchtig den Hut. Die Burschen liefen davon, wie vom Winde auseinandergejagt, und seither war kein Fall mehr vorgekommen, wo der Friede der armen Behausung gestört worden wäre. Erst vorgestern . . . Eigentlich war auch vorgestern nichts vorgekommen. Nur der Kleine kam aus der Schule ohne Mütze, keuchend, wie ein gehetzter Hase. Anfangs wollte er nichts sagen. Erst nach langer Inquirirung kam es heraus, dass ihn ein zerlumpter Gassenbube unterwegs „Judl . . . Jud!" angebrüllt hatte; daher sei er davongelaufen, habe die Mütze verloren und nicht gewagt zurückzukehren, um sie zu suchen. Eine Zorneswelle stieg in das Gesicht Mendel7s. Er richtete sich empor, als sei er plötzlich gewachsen, spuckte aus, dann fasste er den Knaben hart bei der Schulter, schob ihn zum Tisch und verzehrte schweigend das Mahl. Nach dem Mittagessen kehrte der Alte nicht zu seinem Arbeitstisch zurück, stopte keine Pfeife, sondern ging im Zimmer auf und nieder. Auch der Kleine machte sich nicht ans Lernen, sondern betrachtete den Grossvater mit erschrockenen Augen. Noch nie hatte er ihn so zornig gesehen. „Höre, Du!" brachte endlich Mendel hervor, indem er vor seinen Enkel sich aufpflanzte. „Als ich Dich, eine kleine Waise, zu mir nahm, und Dich erzog und hegte und pflegte, und Dir Mutter und Wärterin vertrat, so habe ich das nicht deswegen getan, damit Du ein Dummkopf würdest. Und als ich Dich lernen Hess, und Dir Bücher kaufte, so habe ich das auch nicht dazu getan, damit Du dumm bleibst. Und Du wächst ganz dumm heran, und hast kein Fünkchen Klugheit in Dir. Wenn Du ein Fünckchen Klugheit in Dir hättest, würdest Du Dich nicht schämen, nicht weinen und nicht davonlaufen, wenn man Dir auf der Strasse „Jud'l" zuruft. Und wenn Du darüber weinst, davonläufst und mir noch dazu eine so schöne Mütze verlierst, die fünf polnische Gulden weniger sechs Groschen in baarem Gelde kostet, na, so bist Du mir ganz dumm, und die Schulen, die Bücher, das Lernen, Alles nützt zu nichts". Er holte Athem und hub dann wieder zu sprechen an. „Nun, was ist das: Jud'? Nu! was heisst: Jud'r" sagte er schon mit etwas sanfterer Stimme. „Du bist in dieser Stadt geboren, bist also kein Fremder,