Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- Der Pogrom
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 195 - 196 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 Maria Konopnicka: Der Progrom. 196 „Nu, wo ist meine Bezahlung? Sie ist in der Schule bei den Kindern, bei den jungen Herren und Fräuleins, die in den Büchern studieren und in den Heften schreiben, die ich mit meinen Händen da gebunden habe. In der Kirche ist sie, wenn die Leute mit meinen Büchern dorthin gehen, Nu, meine Bezahlung ist in der Hand des gnädigen Herrn Pfarrers, dem ich auch seine Blicher einbinde, leben und gesund sein soll er!" Hier lüftete er das Käppchen, dann fügte er hinzu: „Meine Bezahlung ist in guten Händen!" „Dass sind blosse Redensarten," erwiderte der Uhrmacher diplomatisch, „aber Jude bleibt immer Jude". Neue Funken erglühten in den Augen des alten Buchbinders. „Nu, was denn soll er sein? Ein Deutscher soll er sein, ein Franzose soll er sein? Vielleicht soll er gar ein Pferd sein? Zum Hund nämlich hat man ihn längst schon gemacht! Verstehen Sie das?" „Nicht um das handelt es sich," rief der Uhrmacher pathetisch, „es handelt sich darum, dass der Jude kein Fremder sein soll". „So, darum handelt es sich," versetzte der Jude, indem er sich zurückneigte und die Ellenbogen an sich zog. „Nu, so hätten Sie doch gleich sprechen sollen. Das ist einmal ein gescheidtes Wort. Wissen Sie, ich höre sehr gern ein gescheidtes Wort. Ein gescheidtes Wort ist dem Menschen wie Vater und Mutter. Um ein gescheidtes Wort zu hören, möchte ich eine Meile weit gehen. Das nährt mich, wie das liebe Brod. Wenn ich ein reicher Mann wäre, ein Banquier z. B., so möchte ich für jedes gescheidte einen Dukaten geben. Sie sagen, der Jude soll nicht fremd sein? Nu, das sage ich ja auch. Er soll nicht ein Fremder sein. Warum soll er fremd sein, er gehört ja hierher. Glauben Sie, dass, wenn der Regen fällt, er den Juden nicht durchnässt, weil er fremd ist? Oder glauben Sie, dass, wenn hier der Wind weht, er dem Juden keinen Sand in die Augen streut, weil er hier fremd ist. Oder glauben Sie, dass, wenn hier der Ziegel vom Dache täilt, der Jude verschont bleibt, weil er fremd ist? Nu, da muss ich Ihnen aber sagen, dass er ihn nicht verschont, und auch der Wind nicht, und auch der Regen nicht. Sehen Sie mein Haar und meinen Bart? Sie sind grau! Was bedeutet das? Das bedeutet, dass sie vielerlei Dinge gesehen und bewahrt haben. Sie haben grosse Feuer, grosse Brände und scharfe Blitze gesehen, die auf diese Stadt niederzuckten, aber das, dass die Juden verschont geblieben wären, das haben sie nicht gesehen. Nu, und wenn die Nacht über diese Stadt kommt, so scheint auch lür die Juden keine Sonne." Er holte tief und schwer Atem. Er streichelte wiederholt seinen weissen Bart, dachte ein wenig nach, dann hub er an: „Entschuldigen Sie, Herr Nachbar, wer hat es gesagt, das man die Juden schlagen soll? Ich wollte, bevor Sie das Kind wegschickten, nicht fragen, um es, Gott behüte, nicht zu erschrecken, denn das ist ein sehr zartes Kind, aber jetzt frage ich Sie darüber." Er lächelte einschmeichelnd, herzgewinnend, und seine grossen Augen blickten mit ängstlicher Neugierde drein. Der Uhrmacher, den die früheren Ausführungen des Juden etwas aus der Fassung gebracht hatten, fühlte sofort seine Ueberlegenheit. „Man sagt . . .," brummte er nachlässig, indem er die Lippen blähte. „Nu, wer sagt?" fragte der Jude und seine Augen gewannen einen scharfen, stechenden Ausdruck. „Menschen sagen ..." brummte der Gefragte in demselben Tone. Der alte Jude sprang plötzlich zwei Schritte zurück mit einer Geschicklichkeit, die niemand bei ihm vermutet hätte. Sein Blick brannte, die Lippen bebten, der Kopf hob und senkte sich. „Menschen? . . . Menschen sagen das? ..." fragte er mit zischender Stimme, immer höhere Töne greifend. „Menschen?" Bei jedem Worte bückte er sich mehr und mehr, so dass er fast zu sitzen kam. Der Uhrmacher blickte fragend drein, spielte mit seiner Uhrkette und schaukelte den elegant beschuhten Fuss hin und her. Er bedachte jedoch, dass diese Haltung des Juden ihm gegenübar unpassend und lächerlich war. „Was wundert Sie das so?" fragte er kühl. Aber der alte Buchbinder hatte sich schon beruhigt. Er blickte um sich, stemmte die Arme in die Hüften, hob das Kinn empor und schloss die Augen. „Sie irren sich!" rief er. „Menschen sagen das nicht. Das sagt der Schnaps, das sagt die Schänke, das sagt die Bosheit und die Dummheit, das sagt der böse Wind, der weht!" Er erhob die Hand und machte eine verachtungsvolle Bewegung. „Sie können ruhig schlafen. Ich werde auch ruhig schlafen und mein Kind auch. Unsere Stadt hat schon viel Trauriges erlebt, viel Dunkelheit und viel Unglück ist über sie gekommen, aber das war noch in unserer Stadt nicht, dass die Menschen sich in ihr beissen sollten, wie die Hunde. Was das anbetrifft, so können Sie ruhig sein/' Er biss die Lippen zusammen und griff nach dem schweren Zinnleuchter, als wollte er dem Gast hinausleuchten. Dieser glitt vom Tisch herunter, wickelte sich in seinen Havelock, schob sich den Hut zurecht, der ihm auf den Nacken heruntergerutscht war, sagte kurz: „Guten Abend!" und entfernte sich. Der Jude trat von der Tür zurück, stellte den Leuchter auf den Tisch, dann schritt er auf den Zehen zum Alkoven, schob den Vorhang beiseite und horchte. (Schluss folgt.)