Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- Prinzessin Goldhaar
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 173 - 174 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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173 Prinzessin Goldhaar. 174 sie ihm und er ging sogleich über den Fluss und wanderte fort, bis er zum Walde Hai kam. Dort setzte er sich nieder, weinte bitterlich und betete aus der Tiefe seiner Seele: „Möge es Dir, o Gott, gefallen, mir den Raben zu senden, dem ich mein Brot gab und der mir versprach, mir meine Güte zu vergelten!" Der Rabe kam, liess sich neben ihm nieder und sprach: „Hier bin ich, um zu tun nach Deinem Geheiss." Da nahm Jochanan die Eimer, hing sie dem Rahen um den Hals und sagte: „Bring mir einen von diesen Eimern gefüllt mit Wasser aus dem Garten Eden und den andern mit dem Wasser der Hölle.'4 „Ich will tun, was Du verlangst," sprach der Rabe und flog davon. Er kam nach der Hölle ünd tauchte einen Eimer in den Fluss und füllte ihn mit dem Wasser der Hölle. Aber das Wasser war kochend heiss, und man konnte den Finger nicht hineinstecken, ohne ihn zu verhrühen, und wäre Gottes Gnade nicht mit dem Raben gewesen, so wäre er ganz verbrannt. Von da flog er zu; dem Flusse, der mitten durch den Garten Eden fliesst, und füllte mit seinem Wasser den anderen Eimer. Dann tauchte der Rabe selbst sich in das Wasser und wusch seinen Körper und er ward geheilt von den Brandwunden, die er durch das Wasser der Hölle bekommen hatte. Nun nahm er die Eimer auf, flog zu Jochanan und sprach zu ihm: „Siehe, mein Herr, ich habe getan, wie Du es mir geheissen." Und Jochanan nahm die Eimer und brachte sie der Königin: Er sprach: „Sieh, o Königin, die Eimer, gefüllt mit dem Wasser des Gartens Eden und dem Wasser der Hölle, wie Du es gewünscht." Als die Königin ihm die Eimer abnahm, sah sie das Wasser an und erkannte, dass das Wasser der Hölle sehr heiss und übelriechend war, während das Wasser aus dem Garten Eden sehr kühl war und nach köstlichen Spezereien duftete. Da war die Königin sehr froh darüber und sprach: „Nun musst Du mir noch einen Wunsch erfüllen. Yor fünfundzwanzig Jahren starb mein Vater und gab mir den Ring von seinem Finger* Darin war ein so kostbarer Edelstein, wie es in der ganzen Welt nicht seinesgleichen gibt. Eines Tages ging ich nun am Flusse spazieren und da fiel mir der Ring vom Finger in den Fluss hinein. Meine Diener suchten ihn, leiteten das Wasser des Flusses ab und konnten ihn doch nicht rinden. Wenn Du ihn mir bringen kannst, so werde ich mit Dir gehen." Aber Jochanan sprach: „Wie ist es möglich, jetzt etwas wiederzufinden, was vor fünfundzwanzig Jahren verloren gegangen ist?" Die Königin antwortete; „Kannst Du ihn mir nicht bringen, so werde ich nicht mit Dir gehen." Nun ging Jochanan am Flussufer entlang, bis er zu der Stelle kam, an der er einst den Fisch hineingeworfen, den er dem Fischer abgekauft hatte. Dort setzte er sich nieder und weinte und betete. Während er noch betete, kam der Fisch herbei und sprach: „0, mein Herr! Ich bin bereit Deinen Wunsch zu erfüllen. Ich Aveiss, was Da suchst und Gott weiss, dass das, was Du suchst, nicht in meinem Besitz ist; aber ich kenne den Fisch, der ihn nahm und noch besitzt und ich will ihn vor Leviathan anklagen, dem ich die Geschichte erzählen muss." Nun ging der Fisch zu Leviathan und sprach: „Am Flussufer sitzt ein guter Mann .. ." und ^erzählte ihm alles, was er wusste. Da sprach Leviathan: „Geh hin zu jenem Fisch und frage ihn, ob er Weiss, wo der Ring ist, und um deinetwillen werde ich $&f\xr sorgen, dass er ihn dem Eigentümer zurückgibt.^ So ging er nun zu dem Fisch und führte ihn vor Leviathan, der also zu ihm sprach: „Du hast einen Ring, den Du zu der und der Zeit gefunden und aufgenommen hast. Gib ihn diesem Fisch, damit er ihn dem frommen Mann bringe, der am Flussufer steht. Sein ganzes Yolk ist vom Kummer gebeugt wegen dieses Ringes." Der Fisch gab nun dem andern Fisch den Ring und dieser brachte ihn Jochanan. Aber als der Fisch ibn aus seinem Munde auf den Boden spie, schnappte ein riesiges Schwein danach, verschlang ihn und verschwand. Und Jochanan weinte und klagte in der Betrübnis seines Herzens, „Wehe, wehe mir!u schrie er laut. Auch der Fisch war sehr betrübt und sprach: „Ich habe nicht mehr die Macht, Dir jetzt noch den Ring wiederzubringen. Aber möge Gott Dein Gebet erhören und Dich aus der Not zur Freiheit führen." Damit verschwand der Fisch. Und Jochanan sprach: „O Herr, möge es Dir gefallen, mir den Hund zuzuschicken, damit ich mit ihm ausziehe, d^s Schwein zu suchen und, wenn es möglich ist, auch zu finden." Wahrend er noch so sprach, kam derselbe.Hund.au und sagte: „Teurer, ich habe Deinen Wunsch und Dein Gebet schon erfüllt; denn ich traf das Schwein, das Dir den Ring wegnahm. Ich riss es in Stücke und nahm ihm die Eingeweide heraus. Da liegen sie auf der Erde. Komm, ich will Dich zu dem Ort führen, damit Du die Eingeweide öffnest und den Ring darin findest." Jochanan ging mit ihm und sie kamen zu dem toten Schwein. Er öffnete die Eingeweide und fand den Ring darin. Nun nahm er ihn an sich und ging frohen Herzens seines Weges. Der Hund verschwand. Und Jochanan kam zur Königin und brachte ihr den Ring. Als sie ihn sah, freute sie sich gar sehr und küsste ihn. Und Jochanan sprach: „Da Gott den Weg gesegnet hat, den er mich geschickt, so lass uns jetzt zusammen hingehen nach meinem Lande, nach meiner Stadt. Ich habe vollbracht, was Du verlangst; tue nun auch Du, was Du versprochen und lass uns nicht zögern.11 Und sie antwortete: „Da Gott es so gefügt hat, kann ich nicht anders und muss mit Dir gehen, wohin Du mich bringen willst." Sie brachen nun auf und kamen wieder in das Land des Königs, der ihn ausgesandt hatte. Als der König von ihrer Ankunft hörte, zog er ihnen mit seinem ganzen Gefolge entgegen und geleitete sie zu seinem Palaste. Als sie dort ankamen, erfuhr Jochanan, dass seine Frau gestorben, seine Söhne gefangen genommen und alles dessen beraubt worden waren, was sie besessen hatten; denn die Ratgeber des Königs, die ihn beneideten, hatten sein ganzes Besitztum geplündert und seine Söhne in die Gefangenschaft geführt. Als Jochanan das hörte, ward er sehr traurig und weinte und wehklagte um seine Frau und seine Söhne. Die Söhne aber waren sehr froh, als sie hörten, dass ihr Vater zurückgekehrt war. Sie kamen zu ihm und erzählten ihm von allem Ungemach, das sie betroffen hatte. Er befreite sie nun, und sie blieben bei ihm. Er wurde vom Könige geliebt und geehrt, weil er ihm eine sehr schöne Frau gebracht hatte, wie ihresgleichen im ganzen Königreich nicht zu rinden war. Nun wollte der König sie auch gleich heiraten und sie zum Traualtar führen. Sie aber sprach: „In meinem Lande ist es nicht Sitte, jemand gleich zu heiraten,, der eben zum ersten Mal zu uns spricht. Gib mir zwölf Monat Zeit." Der König fügte sich ihrem Wunsche und versprach, alles zu tun, was sie verlangte. Und Jochanan ward sehr geliebt von dem König und der Königin, so dass der König den Ring von seinem Finger nahm, ihn ihm darreichte und ihn zum obersten Beamten in seinem Palaste, zum Verwalter seines ganzen Gutes ernannte. Deswegen wurden die Katgeber des Königs wieder neidisch und sprachen zu einander: „Wenn wir nicht beschliessen, diesen Mann zu erschlagen, wird er an uns Rache nehmen lür alles