Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- Prinzessin Goldhaar
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 171 - 172 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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171 Prinzessin Goldhaar. 172 dritten Tage zum König und sprachen: „Da lebt ein weiser Mann in Deinem Königreich: Jochanan heisst er. Er kennt alle Sprachen der Welt und er ist der einzige, der vollbringen kann, was Du verlangst.41 Und da schickte der König nach ihm. Inzwischen geschah es, dass über Jochaiians Haus der Gelehrsamkeit ein Vogel flog und schrie: „Möge Dich, Jochanan, Gott befreien von den Leiden, die über Dich kommen werden." Als Jochanan das hörte, erschrak er sehr; denn mit den gleichen Worten hatte ihn ja der Skorpion gesegnet. Und die Diener des Königs kamen zu Jochanan und sprachen: „Auf, komm zum König! Er hat nach Dir geschickt.'1 Jochanan zitterte gar sehr. Er stand auf, ging zum König und warf sich vor ihm nieder. Und der König sprach zu ihm: „Ich weiss, dass Du sehr klug uud weise bist und alle Sprachen der Weit verstehst. Nun wünsche ich eine Frau zu nehmen, weil das Gesetz des Landes es dem König verbietet, ohne Frau und ohne Kinder zu bleiben. Darum ziehe aus und bringe mir die Frau, der dieses Haar gehört. Ein Rabe hat es mir gebracht. Ich weiss, dass es einer Frau gehört, und diese Frau begehre ich." Und Jochanan antwortete: „Niemals hat ein König, ein Prinz, ein Fürst oder ein Herscher einen solchen Wunsch ausgesprochen, wie Du es tust; eine Frau zu suchen, der ein Haar in Deiner Hand gehört." Da sprach der König „Willst Du sie mir nicht bringen, so werde ich Dir und Deinem ganzen Volke die Köpfe abschlagen lassen." Und Jochanan sagte: „Nun so gib mir drei Jahre Zeit, sie zu suchen und Dir zuzuführen." Die Frist wurde ihm gewährt. Und er eilte sofort nach Hause, rief seine Frau und seine Familie herbei und erzählte ihnen, was sich zugetragen. Und sie weinten alle miteinander über sein Leid. Er aber ging, begleitet von den Segenswünschen seiner Frau und seiner Kinder, in der Richtung nach dem Walde Hai; denn er sagte sich: „Vielleicht treffe ich doch zufällig den Skorpion, den ich grossgezogen habe." Mit sich nahm er drei Laib Brot und zehn Goldstücke. Er drang in die Tiefe des Waldes ein und traf einen riesengrossen Hund, desgleichen er noch nie gesehen. Die Tiere dieses Waldes waren nicht wie andere Tiere und von ungeheurer Grösse. Der Hund schrie und heulte: »,Gott hat mich so riesig gross und so verschieden von allen anderen Tieren geschaffen, damit ich nicht genug Nahrung rinden kann für mein Bedürfnis; denn ..eine Handvoll wird den Löwen nicht sättigen". Wenn ich so klein wäre wie andere Hunde, könnte ich mich mit wenigem begnügen und gut für mich sorgen. Hast Du mich geschaffen, auf das ich Hungers sterbe?" Und Jochanan sprach: „Gott hat Dich nicht geschaffen, um Hungers zu sterben; denn seine Gnade waltet über allen seinen Geschöpfen. Nimm einen dieser Laibe und iss!" Das tat der Hund und dann sprach er: „Möge Gott Dich befreien von aller Art Leiden, die über Dich kommen werden, und möge er mir gnädig sein, dass ich Dir vergelten kann die Speise, die Du mir gereicht und die Güte, die Du mir erwiesen." Jochanan zog weiter und traf auf seinem Wege einen ungeheuren Raben, desgleichen er noch nie gesehen hatte. Auch er schrie und jammerte wie der Hund. Und Jochanan gab ihm den zweiten Brotlaib. Der Rabe aber segnete ihn mit denselben Worten, mit denen ihn der Hund gesegnet hatte. Jochanan zog weiter, und als er am Rande des Waldes ankam, sah er einen Fluss vor sich. Er ging auf ihn zu, Hess sich an seinem Ufer nieder, ass von dem dritten Brote, das ihm noch geblieben war, und trank etwas Wasser dazu. Ihm gegenüber sass ein Fischer. Der sprach zu ihm: „Möchtest Du den Fisch leaufen. den ich gefangen habe?" Er antwortete: „Ja." „Willst Du mir dafür die zehn Goldstücke geben, die Du in Deinem Beutel hast?" — „Wer sagte Dir, dass ich zehn Goldstücke in meinem Beutel habe?" — ^Kein anderer als Gott selbst," erwiederte der Fischer. Und Jochanan gab ihm die zehn Goldstücke. Als der Fischer aber das Netz öffnete, fand er darin einen sehr schönen, grossen Fisch, der hundert Goldstücke wert war. Und er ärgerte sich fürchterlich über den Handel, den Jochanan gemacht hatte, und warf ihm den Fisch vor die Füsse. Der Fisch aber streckte sich vor Jochanan aus und sprach zu ihm: „Du weisst, mein Herr, dass ich zu gross bin, als dass Du mich tragen könntest,und selbst wenn Du mich essen wolltest, hättest Du an einem kleinen Stück von mir reichlich genug. Tu daher, was gerecht und gut ist, und wirf mich wieder in den Fluss, aus dem ich gekommen bin, und mit Gottes Hilfe werde ich Dir das Geld zurückgeben, das Du für mich gezahlt hast. Möge Gott mit Dir sein und Dich befreien von allen Leiden, die über Dich kommen werden, und möge er mir gnädig sein, auf dass ich Dir die Güte vergelten kann, die Du mir erwiesen hast." Bei diesen Worten warf Jochanan den Fisch wieder ins Wasser zurück. Als der Fischer das sah, ärgerte er sich und sprach: „Warum wirfst Du den Fisch in den Fluss zurück? Du hast töricht gehandelt; denn er war hundert Goldstücke wert." Jochanan antwortete: „Ich tat es, weil es in der heiligen Schrift heisst: „Und seine Gnade waltet über allen seinen Geschöpfen"." Er stand auf und ging am Ufer des Flusses entlang. Da sali er am andern Ufer eine schöne Stadt liegen. Vor den Toren der Stadt standen zwei Frauen. Eine davon war die Königin der Stadt, die schönste Frau im ganzen Lande. Die andere war ihre Kammerfrau. Zu ihr sprach die Königin: „Sieh jenen armen Mann am andern Ufer des Flusses. Er kommt zu mir und will mich mit sich nehmen, damit ich. einen König heirate, dessen Bosheit ohne gleichen ist. Er hat mich nie gesehen, noch je etwas von mir gehört; aber ein Rabe nahm ein Haar von meinem Haupte und brachte es ihm. Und da schickte er diesen braven Mann zu mir. Ich werde mit ihm gehen müssen, wenn er mir drei Wünsche erfüllen kann, die ich ihm nennen werde. Geh zu dem Bootsmann und sag ihm, dass er den Mann herüberhole." Und so brachte ihn der Bootsmann vor die Königin. Jochanan trat vor sie hin und verneigte sich vor ihr. Sie erwiederte seinen Gruss und sprach zu ihm: „Sei mir willkommen! Woher kommst Du und wohin gehst Du?" Da antwortete er: „Ich komme ans fernen Landen, und ich suche eine Frau, deren Haar dem Haar gleicht, das ich bei mir trage." „Bleib einen Monat bei uns," sagte sie, „und wir werden Dir geben, was Du suchst." Und er blieb bei ihr. Als der Monat um war, kam Jochanan zur Königin und sprach: „Sag mir, ob ich in Deinem Lande finden kann, was ich suche." „Ja," sagte sie, „ich, die ich hier vor Dir stehe, bin die Frau, die Du suchst. Siehe: mein Haar ist das gleiche wie das, was Du bei Dir trägst. Wisse nun, dass ich mit Dir gehen will. Zuvor aber musst Du mir drei Wünsche erfüllen." Und Jochanan sprach: „Lege mir keine Hindernisse in den Weg. Wisse, wenn ich Dich nicht in vier Monaten zum König bringe, so müssen alle sterben, die von meinem Volke noch geblieben sind." Sie aber sprach: „Ich habe zwei Eimer; und ich wünsche, dass Du mir einen mit dem Wasser der Hölle, den andern mit Wasser aus dem Garten Eden füllen sollst." Da weinte Jochanan und sprach; „Wer könnte das wohl tun?" Und sie antwortete: „Wenn Du es nicht kannst, so will ich nicht mit Dir gehen." „Nun, dann bringe mir die beiden Eimer und ich werde tun, wras ich kann." Man brachte