Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1907-03-01 · Heft 3 (März 1907) · p. Seite 151 - 152

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 3 (März 1907)
Article
Einiges über den geschichtlichen Begriff des Amhaarez
Date
1907-03-01
Page
Seite 151 - 152 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583954-2583958-2588337--06937-2588409
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

151 Dr. Max Steif: Einiges über den geschichtlichen Begriff des Amhaarez. 152 R. Jochanan b. Sakkai, zählten. Als dann in der Tat das Unvermeidliche eingetreten, das Heiligtum und Jerusalem eingeäschert worden, und man die Gesetzeslehrer ruhig, als ob sich nichts geändert hätte, im Lehrhaus zu Jabneh ihren Studien obliegen sah, da sammelte sich in den Patrioten, zu denen eben jene Landbevölkerung das grösste Kontingent stellte, ein versteckter Groll gegen die, die man jetzt nachträglich als feige Verräter ansehen musste, als Egoisten, die nur an sich selbst und nicht an das allgemeine Wohl gedacht. — Es war also ursprünglich mehr ein Hass aus politischer Gegensätzlichkeit, der noch nicht jede Hoffnung auf Wiedervergeltung aufgegeben, und, weil diese bei den führenden Geistern auf so wenig Teilnahme stiess, naturgemäss sich steigern musste, (Vgl. Rosenthal. Vier apokryphische Schriften. S. 25). Nur so lassen sich jene Stellen im Talmud verstehen, wo beispielsweise ein R. Akiba, ein Mann, durchglüht von nationaler Gesinnung, erklärte: als ich noch ein Amhaarez gewesen, da hasste ich die Gelehrten so sehr, dass ich sie hätte in Stücke reissen mögen. (Pess. 43b). Oder: wenn sie unser nicht bedürfen würden, würden sie (die Amhaarez) uns ohne weiteres ermorden. (Meg. 28 a). Später geriet die eigentliche Ursache nach und nach in Vergessenheit, während die feindselige Gesinnung selbst von Zeit zu Zeit immer wieder hervortrat. Da stellte man es dann als eine Schande hin, an Gastgelagen in Gesellschaft eines Amhaarez teilzunehmen (Berachoth 43 b), widerriet auf das energischste, seine Tochter einem Amhaarez zur Frau zu geben (Pess. 43 b), untersagte es, ihm Heilmittel zu verabfolgen (Sota 43 a), und ächtete ihn für die Gerichtsbarkeit der Synagoge wie des Lehrhauses. — Was aus allen diesen Fällen für uns hervorgeht, ist, dass, mag auch bei dem Amhaarez dieser Zeit keine hervorragende oder nur geringe Gesetzeskenntnis gefunden werden, er damals dennoch noch nicht als das Prototyp der Unwissenheit gegolten. Erst folgende, einer etwas späteren Zeit entstammende Anekdote liesse erkennen, dass unter dem Amhaarez auch der Unwissende und Ungebildete verstanden wurde. In Baba Bathra 8a wird uns von Rabbi, dem Redaktor der Mischnah, erzählt, er habe während einer Hungersnot seine eigenen Getreidekammern für den allgemeinen Bedarf geötfnet, jedoch mit dem Vorbehalt, dass nur der Zutritt haben sollte, der genügend Bescheid wisse, sei es in Bibel, Mischnah oder Agada; hingegen sollte ein Amhaarez unerbittlich zurückgewiesen werden. Man kennt es, wie dabei Rabbi •der Missgriff unterläuft, einen seiner besten Schüler, R. Jonathan Sohn Amraras, der es verschmäht, solchermassen Vorteil aus seinem Wissen zu ziehen, abzuweisen, und, später von seinem Sohn über den Irrtum aufgeklärt, seine harte Verfügung zurückgezogen. — Von dieser Zeit behält der Amhaarez diese seine geringschätzige Nebenbedeutung bei, in welchem Sinne wir ihm auch in den babylomischen Lehrhäusern begegnen. Merkwürdigerweise war auch dort in Babylonien, wenngleich aus anderer Ursache und bei weitem nicht so gehässiger Natur, das Verhältnis zwischen Amhaarez und Gelehrten ebenfalls zeitweilig gespannt. Weil nämlich diese hier eine Art Patrizierkaste bildeten, „die ihre eigenen Interessen gegenseitig schützten und wahrten", sich z. B. das Privilegium einräumten, ihre Produkte am Markte zuerst vor den Uebrigen verkaufen zu dürfen, um einen höheren Preis zu erzielen, erregten sie gelegentlichen Spott seitens des Amhaarez gegen sich, die zuweilen in wegwerfendem Tone „von diesen Gelehrten da" redeten. Man konnte Aeusserungen vernehmen wie: „was nützen uns diese Gelehrten, sie treiben die Gelehrsamkeit nur zu ihrem eigenen Vorteil". Oder: „Wozu brauchen wir diese Gelehrten, sie können uns weder Raben erlauben, noch Tauben verbieten.*4 (Synhedrin 90 b). Dr. Hamburger will hier die Spuren einer dem Karäertum vorausgegangenen Richtung erblicken; vgl. Winter und Wünsche II, S. 68). — Doch dauerte dieses unleidliche Verhältnis keineswegs lange. Der Adel der Gesinnung, die leuchtenden Charaktereigenschaften der meisten Gelehrten Hess bald alle ohne Unterschied mit vollster Ehrerbietung zu ihnen emporschauen. Und es darf mehr als eine blosse Redensart gelten, wenn es an einer Stelle im Talmud heisst: Der Gelehrte erscheint in den Augen des Amhaarez gleich einem goldenen Gefäss (Synh. 52 a). Freilich unterlässt die Stelle nicht, sofort hinzuzufügen: Wenn er sich allzuviel mit ihm abgibt, dann wird er gleich einem silbernen Gefäss angesehen, und zieht der Gelehrte gar irgend einen Vorteil von dem Amhaarez, dann sinkt er bei ihm zum irdenen Gefäss herab. Mit der Zeit wich hier wie dort die früher so feindselige Gesinnung zwischen beiden einer zusehends freundschaftlichen Annäherung, wovon neben anderen folgender Satz (Baba mezia 85 a) zeugen kann: Wer den Sohn eines Amhaarez Thora lehrt, dem zu Liebe hebt Gott selbst ein schweres Verhängnis auf. Ebenso verlangten es Männer wie z. B. R. Seira, dass man dem Amhaarez nur freundlich und wohlwollend entgegenkommen möge, denn dadurch erfahre die Lehre selbst eine Förderung, indem jene dann ihre Söhne zu Gelehrten erziehen. — Audi gewisse Vorrechte, früher nur den Gelehrten eingeräumt, wurden ihnen jetzt gleichfalls bereitwilligst zugestanden: bei Gericht wies man ihnen ebenso wie den Gelehrten einen Platz zum Sitzen an (Schebuoth 30 b), und bei voreilig geleisteten Gelübden wurden die früher gegen sie erlassenen Erschwerungen aufgehoben (Nedarim 20a). Auf besondere Veranlassung eines Gesetzeslehrers, Resch-Lakisch, sollte sogar für das Wohl des Amhaarez gebetet werden; denn, so meinte er, wie der Weinstock seine Blätter nötig hätte, so seien auch die Gelehrten auf jene angewiesen. (Chullin 92 a). In der Tat erreichte ein solches Entgegenkommen bald, dass sich namentlich am Sabbat das Lehrhaus mit ihnen füllte, woselbst sie andächtig den populären Lehrvorträgen lauschten. — Ein Vertrauen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.