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Ost und West · 1907-03-01 · Heft 3 (März 1907) · p. Seite 149 - 150

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 3 (März 1907)
Article
Einiges über den geschichtlichen Begriff des Amhaarez
Date
1907-03-01
Page
Seite 149 - 150 (sequence 2)
Language
German
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149 Dr. Max Steif: Einiges über den geschichtlichen Begriff des Amhaarez. 150 die, wenn auch ihrem eigentlichen Wesen und ihrer Bedeutung nach bis heute unerkannt, sich gerade die Pflege der von dem Amhaarez so sehr vernachlässigten religiösen Bräuche zur Aufgabe stellten und behufs ihrer besseren Einhaltung jeden engeren Verkehr mit dem Amhaarez verpönten. Wohl hat in jüngster Zeit Professor Dr. Büchler (der galiläische Amhaarez des 2. Jahrhunderts, XIII. Jahresberichts der isr. theol. Lehranstalt in Wien 1906) in instruktiver Weise den Nachweis geführt, dass es sich hier um eine spezielle Menschenklasse, um den Köhen-Amhaarez in Galiläa und ebenso in seinem Widerpart um den Chaber-Köhen handle; aber so grosse Wahrscheinlichkeit diese Hypothese in sich schliesst, sie beweist nicht, dass die Nichtbeobachtung der Reinheitsgesetze gerade aus purer Ignoranz geschah. Denn wenn es dem Amhaarez durchaus nicht benommen war, durch blosse Uebernahme der Pflichten jener Genossenschaft selbst gleichfalls ein Chaber zu werden (Toss. Demai II, 3), so lässt sich daraus der Schluss ziehen, dass er in allen übrigen Dingen, mithin auch in der Gesetzeskenntnis, nicht weit hinter dem Chaber zurükstand. Es war also, wie gesagt, mehr sein unfrommer Lebenswandel, der Anstoss erregte, ein Vorurteil, das der Amhaarez schwer zu bannen vermochte, dessen Nachbarschaft darum selbst bei äusserem frommen Gehaben man womöglich meiden sollte. (Sabbat 63 a)." Denn so lautet ein alter Ausspruch der Mischnah (Pirke Aboth II, 5): kein Amhaarez kann ein Chassid sein. Vielleicht ist indessen in diesem Satze eine versteckte Spitze gegen die Sekte der Essäer zu suchen, die, wie bekannt, zumeist in Dörfern lebten und wahre Frömmigkeit einzig in dem völligen Zurückziehen von dem lauten Treiben der Städte wie in asketischen Uebungen erblickten. Noch mehr wäre dies aus einer anderen Stelle ersichtlich (Pirke Aboth V, 10die es als Merkmal des Amhaarez bezeichnet, es im Munde zu führen: was mir gehört, gehört dir, und was dir gehört, gehört mir — ein Grundsatz, der in der Gütergemeinschaft der Essäer seinen prägnanten Ausdruck fand. — Auch im Talmud findet sich eine ganze Reihe verschiedener Ansichten, denen zufolge der Amhaarez alles andere denn als Ungelehrter gelten kann. Da meint beispielsweise R. Elieser (Berachot 47 b), der wäre ein Amhaarez zu nennen, der nicht täglich früh und abends das Sch'ma spreche; ein anderer, R. Josna: der keine Gebetriemen anlege; ein dritter, Ben Asai: der keine Schaufäden trage; ein vierter: der seine Kinder ohneThorakenntnis heranwachsen lasse; und schliesslich ein fünfter: der wohl selbst die Lehre studiere, sich aber im praktischen Leben nicht den Bestimmungen — der Lehrer füge. Namentlich aus dieser letzten Ansicht ginge klar und deutlich hervor, dass auch zu Beginn des talmudischen Zeitalters der Begriff Amhaarez mit dem des Unwissenden noch nicht identisch war. Und wenn auch die Bedeutung der „Böte-Kenessioth" der Amhaarez (Aboth III, 4) als Lehrhäuser noch nicht so fest steht, wie manche annehmen, so gibt es auch noch andere Stellen, die uns vom gelehrten Amhaarez erzählen, deren Unterweisung ein Chaber aufgesucht (Toss. Demai II, 8, vgl. dagegen Büchlers Jahresbericht S. 181, Note 3), oder von solchen, denen man gewisse Streitfälle, freilich nicht ohne Verwahrung einiger Schriftgelehrten, vorlegte 'Gittm 88 b). Was hingegen gerade um diese Zeit zutage tritt, ist die keineswegs wohlwollende, ja mitunter direkt feindselige und hasserfüllte Gesinnung, die von Seiten des Amhaarez dem Gelehrtenstande und umgekehrt von diesem dem Amhaarez entgegengebracht wurde. Gewisse Forscher über die Entstehungszeit des Christentums, wie Schürer, haben in diesem Gegensatz eine Bestätigung jener gespannten Beziehungen finden wollen, wie sie die Evangelien als zwischen den Pharisäern und den ersten Anhängern der christlichen Lehre bestehend schildern, und haben darum dem Amhaarez ihre besonderen Sympathien zugewandt. Auch Friedländer (Religiöse Bewegungen innerhalb des Judentums im Zeitalter Jesu, Berlin, Georg Reimer 1905) wandelt zum Teil in ihren Spuren, und erklärt sich zu der Ansicht, dass namentlich seit den Makkabäersiegen ein grosser Teil der Volksmasse, der sog. Amhaarez, beeinflusst durch den hellenistisch universalistischen Geist, dem die sog. Weislieitslehrer in den Apokryphen und sonstigen apokalyptischen Schriften Ausdruck verliehen, sich in einen unüberbrückbaren Gegensatz zu den Pharisäern d. h. den gesetzestreuen und nationalistisch Gesinnten im Volke stellte und infolgedessen von diesen verachtet, gehasst und verfolgt wurde. Aber zugegeben, dass der Einfluss der apokalyptischen Weisheitsschriften auf einen Bruchteil des jüdischen Volkes von einiger Bedeutung gewesen, es will doch nicht recht einleuchten, dass einzig aus dem Grunde und weil „die Pharisäer ihm schwere und unerträgliche (?) Bürden auf den Hals legen wollten" (S. 88) er vom „unversöhnlichsten Hass" gegen diese erfüllt worden und darum mit den schärfsten Waffen sie bekämpfte. — Um diesen klaffenden Gegensatz zwischen beiden zu verstehen, muss man sich vielmehr jene Zustände vergegenwärtigen, wie sie knapp vor dem Untergang des zweiten jüdischen Staatswesens geherrscht haben: Die immer mehr zunehmende Kriegsnot hatte nämlich zu jener Zeit die Landbevölkerung, die zuerst dem Vordringen der Römer weichen musste, in grossen Massen nach Jerusalem getrieben, und wie selbstverständlich waren diese Desperados, die ihr Hab und Gut eingebüsst und darum nichts mehr zu verlieren hatten, Anhänger derer unter den verschiedenen Parteien geworden, für den äussersten Widerstand gegen den verhassten Römer, für den Kampf bis zum letzten Atemzuge waren. — Dieser gegenüber stand die sog. Friedenspartei, die bei der Aussichtslosigkeit jeden Widerstandes für einen friedlichen Vergleich, selbst mit Verlust staatlicher Selbständigkeit, eintraten. Es ist bekannt, dass zu dieser Partei auch einflussreiche Gesetzeslehrer, darunter nicht in letzter Linie

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