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Ost und West · 1907-02-01 · Heft 2 (Februar 1907) · p. Seite 127 - 128

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 2 (Februar 1907)
Article
Vererbte Übersetzungs-Fehler
Date
1907-02-01
Page
Seite 127 - 128 (sequence 7)
Language
German
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127 M. A. Klausner: Vererbte Uebersetzungsfehler. 128 und in Aeusserlicbkeiten, nicht in Kern und Wesen — abweicht und vertraut gewordene Vorstellungen etwas umgestaltet. Wäre ich nicht der Ueberzeugung, dass die Umgestaltung der Weihe und Würde des heiligen Textes keinen Eintrag tut, so hätte ich mich vielleicht nicht zur Veröffentlichung der Auslegung entschlossen: „Nach diesen Begebenheiten versuchte Gott den Abraham. Er rief ihn: Abraham! — Hier bin ich, erwiderte dieser. — Und Gott: Nimm deinen einzigen geliebten Sohn Isaak, gehe in das Land Morijah und bringe ihn dort zu dem Opfer hinauf auf einen der Berge, den ich dir anzeigen werde. — Abraham erhob sich am Morgen, sattelte seinen Esel, nahm zwei Diener mit sich und seinen Sohn Isaak, spaltete Opferholz und machte sich nach dem Ort auf, den Gott ihm bezeichnet hatte. Am dritten Tage erblickte Abraham, der sein Auge erhob, den Ort von ferne. Er sprach zu den Dienern: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich gehe mit dem Knaben dorthin, um anzubeten, dann kehren wir zu euch zurück. — Abraham nahm das Opferholz, legte es seinem Sohn Isaak auf und nahm Feuer und Schlachtmesser in seine Hand. Dann schritten sie mitsammen fort. — Isaak redete seinen Vater Abraham an: Mein Vater! — Und dieser: Hier bin ich, mein Sohn. — Isaak darauf: Feuer und Holz sind da, wo ist das Opferlamm? — Abraham erwiderte: Mein Sohn, Gott wird sich das Opferlamm ersehen. — Danach schritten sie beide fiirbass und gelangten an den Ort, den Gott dem Abraham bezeichnet hatte. Dort errichtete Abraham den Altar, ordnete das Holz, band seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar über das Holz. Dann streckte Abraham seine Hand aus u.id ergriff das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief Gottes Engel vom Himmel: Abraham! Abraham! — Und dieser: Hier bin ich. — Der Engel sprach: Strecke deine Hand nicht nach dem Knaben aus und tue ihm nichts! Jetzt weiss ich, dass du gottesfürchtig bist, da du den einzigen Sohn mir nicht verweigert hast. — Abraham erhob seine Augen, blickte um sich, und siehe: hinter ihm hatte sich ein Widder mit seinen Hörnern in die Hecke verwickelt. Zu diesem schritt Abraham, ergriff ihn und brachte ihn als Opfer dar an seines Sohnes statt. Abraham gab dem Ort den Namen „Gott ersieht", und bis zum heutigen Tage heisst der Ort: auf dem Berge Gottes wird ersehen." Ich habe mich genau au den Urtext gehalten; meine Uebersetzung weicht von der üblichen nur in dem einzigen Satze ab, der durch Sperrdruck hervorgehoben ist. Nach, der allgemeinen Auffassung erhält Abraham von Gott den Befehl, seinen Sohn als Opfer darzubringen, während ich der Meinung bin, dass der Befehl nur sagt, Abraham solle seinen Sohn zu dem Opfer auf den Berg hinaufbringen. Dies scheint mir logischer. Die grammatische Zulässigkeit meiner Deutung ist ausser Zweifel. «"^P*? kann ebenso gut heissen: führe, bringe ihn zum Opfer hin, wie: bringe ihn als Opfer dar. Der Zusammenhang aber spricht für meine Auffassung. Die Erzählung beginnt mit der Angabe, dass Gott den Abraham „versuchte". Die „Versuchung" kann nicht wohl darin bestehen, dass erprobt werden solle, ob Abraham einem direkten Gottesbefehl, der ihm tiefschmerzlich sein musste, gehorsamen würde. Für den Sterblichen, dem die Gnade zuteil geworden ist, mit dem Allmächtigen gleichsam von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, ist es kaum ein Verdienst, dass er einem Befehl nachkommt, dessen Erfüllung gar nicht von seinem Willen abhängt, dessen Erfüllung sich vielmehr unter allen Umständen erzwingt. Abrahams Gottesfurcht zeigt sich darin, dass er ohne jedes Besinnen und Zögern einen blos vermuteten Gottesbefehl auszuführen bereit ist, obwohl die Ausführung ihn mit der Vernichtung aller seiner Zukunftshoffnungen bedroht und ihm das Liebste nimmt, das er auf Erden hat. Abraham erhält den Befehl, seinen Sohn zu einem Opfer hinzuführen an einen Ort im Lande Morijah, den Gott ihm zeigen wird. Er fragt nicht, er gehorcht. Er erwartet, dass Gott an Ort und Stelle das Opfer ersehen wird. So sagt er seinem Sohn. Freilich wäre dem Knaben gegenüber die Verschleierung der Wahrheit eine pia fraus gewesen; aber auch die pia fraus will zu Abrahams ganzer Erscheinung nicht passen. Noch kurz vor dem Ziel der Wanderung denkt Abraham nicht an eine Opferung seines Sohnes. Man müsste ihn sonst einer zweiten Unwahrheit den Dienern gegenüber zeihen, die er seine und seines Sohnes Rückkehr abwarten heisst. Abraham glaubt wirklich, wie er Isaak versichert, Gott werde sich das Opferlamm ersehen. Erst als er an der Opferstätte nach Er-

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