Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- Vererbte Übersetzungs-Fehler
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 125 - 126 (sequence 6)
- Language
- German
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125 M. A. Klausner: Vererbte Uebersetzungsfehler. 126 Ich bin wohl zu der Annahme berechtigt, dass die Eedewendung „was habe ich mit dir zu schaffen?" in der Erinnerung der meisten lebendig ist nicht aus den vier .ooen angeführten Stellen der Heiligen Schrift, sondern aus dem vierten Satz des 2. Kapitels im Evangelium Johannes, aus der Erzählung von der Hochzeit zu Cana. Jesu und seine Jünger waren zur Hochzeit geladen, auch seine Mutter war da. Als es an Wein gebrach, sprach die Mutter Jesus zu ihm: Sie haben nicht Wein. Jesu antwortete ihr; „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?" Die christlichen Ausleger haben unendliche Mühe gehabt, diese Worte so umzudeuten, dass sie ihren für das schlichte menschliche Gefühl peinlichen Charakter verloren. Jesu, so sagten sie, erscheine in dem Evangelium Johannes ganz und gar als Gottessolm und Gott und lehne deshalb mit beinahe schroffer Entschiedenheit alle menschlichen Beziehungen, alle Verwandtschaft des Fleisches, selbst der Mutter gegenüber, ab. — Man kann diese Auslegung vom christlichen Standpunkt aus gelten lassen, so lange sie notwendig ist. Aber auch der gläubige und fromme Christ wird dieser Notwendigkeit gern üherhoben sein und vielleicht mit einer gewissen inneren Befreiung vernehmen, dass sich eine Deutung bietet, die mit der sonstigen menschlichen Erscheinung Jesus besser in Einklang ist. Auch wir Juden, denen Jesu ein jüdischer Mann ist, können uns dessen mit voller Unbefangenheit freuen. Denn es kann uns, für die der Hinweis auf Jesus Gottesbewusstsein naturgemäss keine überzeugende Kraft hat, nur willkommen sein, wenn der meistbekannte jüdische Mann keinen Widerspruch zeigt zu der jüdischen Anschauung und Erziehung, die Ehrfurcht vor Vater und Mutter als oberstes sittliches Gesetz, als das erste Gebot hinstellt, „das Yerheissung hat". Der griechische Text der nach der Lntherschen Uebersetzung angeführten Stelle im Evangelium Johannes lautet: ,,T» e|iol zal col, pvat?" — Man erkennt unschwer, dass das nicht griechisch, sondern buchstäblich aus dem Hebräischen übersetzt ist und in der Ursprache gelautet hat: ♦n#K J?) _ Nach den oben gemachten Dalegungen heisst das in richtiger deutscher Uebertragung: „Wie soll ich das verstehen. Fraue!" Das ist eine durchaus ehrerbietige Anrede, wie sie dem Sohn der Mutter gegenüber nach menschlicher Auffassung geziemt. So kann Jesu zu seiner Mutter gesprochen haben, so muss er zu ihr gesprochen haben. Denn nach dem Zeugnis des Evangelisten Johannes hat Maria sich durchaus nicht verletzt gefühlt, vielmehr aus der rhetorischen Frage des Sohnes, der die Worte angefügt waren — „meine Stunde ist noch nicht gekommen" —, die gehorsame Zustimmung verständnisvoll herausgehört. Spricht sie doch alsbald zu den Dienern: „Was er euch sagen wir), das tut!" Damit wäre dieser Luthersehe Uebersetzungsirrtum aufgeklärt. Wenn ich bei der Richtigstellung noch verweile, so geschieht es, weil sie auch sonst einiges Licht verbreitet. Von dem Evangelium Johannes hat man angenommen, dass es ursprünglich griechisch niedergeschrieben worden sei, während die anderen Evangelien in griechischen Uebersetzungen aus dem Hebräischen überliefert worden sind, und dass seine Abfassung spätestens auf das Jahr 150 der üblichen Zeitivchnung falle. Jene eine Redewendung nun, die absolut nicht original-griechisch, sondern buchstäblich aus dem Hebräischen übertragen ist, lässt erkennen, dass es einen hebräischen Urtext auch für das Evangelium Johannes, zum mindesten für einzelne Teile, gegeben hat, und dass zwischen der Abfassung des hebräischen Urtextes und der Hersteilung der griechischen Uebersetzung ein langer Zeitraum gelegen hat. Der Zeitraum muss hinreichend lang gewesen sein, um erklärlich zu machen, dass sogar für den zweisprachigen Mann, den Uebersetzer des Evangeliums Johannes, eine nach viermaligem Vorkommen in den biblischen Schriften als landläufig anzusehende Redefigur dem Verständnis entschwinden konnte. Wäre das nicht der Fall, so hätte die griechische Uebersetzung den Sinn des ^3 ^"Hö wiedergegeben und nicht völlig ungriechisch v. £{xol /at col gelautet. Die Frist aber, die den Sinn der hebräischen Redewendung in Vergessenheit brachte, kann — schätzungsweise — nicht viel unter hundert Jahre betragen haben, und damit rückt der Verfasser der hebräischen Urschrift des Evangeliums Johannes, wenigstens einzelner Teile, aus dem Jahr 150 in das Jahr 50, d. i. in die Zeitgenossenschaft Jesus. # * * Ich erbitte zum Schluss die Aufmerksamheit für nachstehende Uebersetzung der ersten 14 Sätze des 20. Kapitels im ersten Buch Moses. Ich gebe sie nicht ohne Zagen, weil sie von uralter Ueberlieferung — wenn auch nur in der Einkleidung