Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- Vererbte Übersetzungs-Fehler
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 123 - 124 (sequence 5)
- Language
- German
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123 M. A. Klausner: Vererbte Uebersetzungsfehler. 124 gegebenen Weise aus. Die rhetorische Frage „was ist mir und dir (euch)?" setzt eine Verneinung voraus und lehnt eine Gemeinschaft des Willens zwischen dem Pragenden und dem Befragten ab. Sehen wir nun die einzelnen Stellen an: Der Gileaditer Jephta, zum Haupt des Volkes in Gilead gewählt, schickt Boten zum König der Söhne Amnions mit der Frage: ,,^J tTW dass du mein Land mit Krieg überziehst?*6 - Es bedarf kaum einer näheren Darlegung, dass es an einem logischen Zusammenhang fehlt, wenn man die ersten Worte mit „was habe ich mit dir zu schaffen?44 übersetzt. Denn der Kripgszug der Ammoniter ist eine dem Jephta bekannte Tatsache, und nur der Grund des Kriegszugs erscheint dem Jephta fraglich oder unberechtigt. Nach der Ursache des Krieges forscht Jephta. Der Ammoniterkönig versteht auch Jephtas Worte in diesem Sinne; er zählt die Gründe auf, die ihn zum Krieg bestimmt haben. Jephta erkennt an, dass er sachgemässen Bescheid erhalten hat, denn er führt die Eiörterung fort und sucht in einer zweiten Botschaft den Kriegsvorwand des Ammoniterkönigs als hinfällig nachzuweisen. Die erste Botschaft Jeplitas hat somit den Sinn — der mit dem Wortlaut in Einklang steht — „Wie soll ich das verstehen, dass du mein Land mit Krieg überziehst?" Die beiden Stellen im 2. Buch Samuel erzählen zwei Vorgänge, die miteinander in Zusammenhang stehen. König David war vor seinem aufrührerischen Sohn Absalom g» flohen. Der Fliehende wi?d von einem Nachkommen Sauls, Schim'i, mit Schmähreden und Steinwürfm angefallen. Einen Bluthund nennt Schim'i den König David, den gerechte Vergeltung für das vergossene Blut des Hauses Saul treffe. Des Königs Schwestersolm Abisehaj ist empört über den „toten Hund", der den König zu schmähen wagt, und erbittet die Erlaubnis, ihm deii Kopf abzui eissen. König David erwidert: ,,t?Tl ihr Kinder Zerujas? Lasst ihn fluchen! Gott hat ihm gesagt, er solle David fluchen — wer mag ihn nun fragen: „warum tust du also?" . . . Nachdem König David den Aufstand niedergeworfen hatte, kehrte er desselben Weges zurück. Dem Siegreichen naht an der gleichen Stelle Schim'i mit demütiger Abbitte. Abischaj greift dem König mit zornvoller Rede vor: Soll darum Schim'i nicht sterben, der Gottes Gesalbtem geflucht hat? Doch David: „^"n9 ihr Kinder Zerujas? Wollt ihr mir heute zum Versucher werden? Soll heutigen Tages ein Mann in Israel sterben, da ich weiss, dass ich heute wieder König über Israel geworden bin!" In dieser Erzählung gibt an beiden Stellen die Übersetzung der hebräisch angeführten Worte mit „was habe ich mit euch zu schaffen?" keinen Sinn. König David weiss, was er mit seinen Scliwesterkindern zu schaffen hat, die ihn auf der Flucht verteidigen, die ihm die Krone zurückgewonnen haben, die eine ihm zugefügte Beleidigung rächen wollen. Er lehnt nur die Rache ab — das eine Mai unter dem Hinweis darauf, dass der Spross aus dem Hause Saul zu Schmähreden berechtigt erscheine neben Absalom, der dem eigenen Vater nach Thron und Leben trachtet — das andere Mal unter Hinweis darauf, dass der Tag seines erneuten Königtums nicht durch ein Strafgericht verdunkelt werden dürfe. Darum lautet seine Rede: „Wie soll ich das verstehen, ihr Kinder Zeiujns? Lasst ihn fluchen! Gott hat ihm den Fluch aufgetragen . . „Wie soll ich das verstehen, ihr Kinder Zerujas? Wollt ihr mir heute zum Versucher werden? Soll Blut fliessen an dem Tage, da ich wieder König geworden bin!" In den Worten B^S] ^TTO liegt also keineswegs die schroffe Zurückweisung, die aus der Lutherschen deutschen Uebertragung spricht, sondern eine belehrende und vermahnende Ablehnung. Das gilt für alle drei Stellen. Wir kommen zur vierten Stelle im 1. Buch der Könige: Der Prophet Elia hat sich auf Gottes Geheiss nach Zaipat bei Zidon begeben und von einer Witwe für die Dauer der grossen Trockenheit Obdach und Nahrung verlangt. Die Witwe stellt ihren ganzen Vorrat, eine Hand voll Mehl und einen kleinen Rest Oel, zur Verfügung des Gottesmannes. Mehl aber und Oel gingen nicht zu Ende, obwohl der Prophet, die Witwe und ihr Sohn dauernd davon nahmen. Der Sohn der Witwe erkrankte so schwer, dass; kein Hauch mehr in ihm war. Da sprach die Witwe zu Elia: TTO Mann Gottes? Bist Du zu mir gekommen, dass meiner Sünde gedacht werde und mein Sohn steibe?" Da die Witwe den Propheten Elia als „Mann Gottes" anredet, so kann sie unmöglich in einem Athem zu ihm sagen, wie sie nach Luther und den Späteren tun soll: „Was habe ich mit dir zu schaffen!" Ihre Worte lauten vielmehr: „Wie soll ich das verstehen, Mann Gottes, dass, während du zu mir gekommen bist, meiner Sünde gedacht wird und mein Sohn stirbt!" *