Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- Vererbte Übersetzungs-Fehler
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 121 - 122 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583957-2588212--06896-2588291- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
121 M. A. Klausner: Vererbte Uebersetzungsfehler. 122 sprechend grosse Nadelöhr sieh nicht leicht finden mag. Dana ist die Schwierigkeit für den Reichen, in das Reich Gottes zu kommen, sinnfällig gemacht, die Möglichkeit aber nicht völlig geleugnet. Dann bringt das Gleichnis die jüdische Anschauung zum klaren Ausdruck, dass die Versuchungen des Reichtums grösser sind als die Versuchungen der Armut. Jetzt begreift man auch, warum der Evangelist Markus lieber den ganzen Schlusssatz weggelassen hat. Die Korrektur fiel ihm nicht ein, oder war ihm fremd, und die Entstellung wollte er nicht übernehmen, weil er sie als solche erkannte. Für die ganze spätere Zeit aber, bis zu unseren Tagen und wohl auch für unabsehbare weitere Zeit ist die Richtigstellung vergeblich gewesen. Es bleibt bei dem Gleichnis vom Kamel und dem Nadelöhr, und fast möchte man wirklich glauben, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, denn dass die Welt auf einen einmal reeipierten Fehler verzichtet. Es wird auch bei dem anderen Fehler sein Bewenden behalten, der sich in das Gleichnis vom Splitter und Balken eingeschlichen hat. Die Evangelisten Matthäus und Lucas haben es überliefert und Luther gibt es wie folgt wieder: „Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Mass ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: „Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen?44 Und siehe, ein Balken ist in deinem Auge. Du Heuchler, ziehe am ersten den Balken aus deinem Auge; danach besiehe, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest." Bei allem schuldigen Respekt vor der Ueberlieferung wird man doch sagen müssen, dass die Vorstellung vom „Balken im Auge" eine unmögliche Vorstellung und darum das Bild recht unglücklich ist. Welche Dimensionen man in Gedanken dem Auge und dem Balken geben mag, immer wird der Balken grösser sein als das Auge, und immer wird die Phantasie sich weigern, ein Menschenauge vorauszusetzen, in dem ein Balken stecken kann. Und wenn selbst das Undenkbare denkbar wäre, wenn die Einbildungskraft die natürliche Ordnung so sehr verkehren könnte, so würde man sich sagen: dass es die erstaunlichste Selbstlosigkeit beweist, wenn jemand, der im eigenen Auge einen Balken hat, noch Sinn dafür hätte, im Auge des anderen einen Splitter zu bemerken, und die Neigung fühlte, den anderen von diesem Splitter zu befreien. Freilich wären Balken und Splitter hier nur Sinnbilder oder Symbole von Sünden und Fehlern. Doch das hebt die Bedingung für ein gutes Gleichnis nicht auf, sinnfällig zu sein und ohne Schwierigkeiten auf seine übertragene Bedeutung hinzuleiten. Liest man aber im hebräischen Text statt - Balken - Tp — Spinn web — so lautet die angeführte Stelle in deutscher Uebertragung: „Was siehest du den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Spinnwebs in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen? Und siehe, ein Spinnwreb ist in deinem Auge. Du Heuchler, nimm am ersten das Spinnweb aus deinem Auge; danach besiehe, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest." Das Gleichnis ist nun tadellos, jeder Teil des Bildes ist treffend und hat überzeugende Kraft. Wer richten will, soll zunächst sich selbst prüfen, die Klarheit des eigenen Blicks feststellen, damit er nicht in die Lage komme, dem Bruder als Fehler anzurechnen, was in Wahrheit ein Fehler des eigenen Sehvermögens ist. Man soll zunächst darauf achten, ob man nicht ein Spinnweb, einen Schleier vor seinem Auge hat und deshalb einen Mangel bei dem Bruder voraussetzt, während in Wirklichkeit ein Schleier, ein Spinnweb die eigene Wahrnehmungsfähigkeit beeinträchtigt und irreführt. Erst sorge man für Reinheit des eigenen Auges, für Unbefangenheit des eigenen Urteils, ehe man sich zum Richter über Mängel des Bruders aufwirft, ehe man sich zum „Splitterrichter" macht. * * # Viermal kommt in der Bibel die Wortfügung ^\ ^"Hö 0der Bp^l ^"HO Yor. wir begegnen ihr zuerst im 12. Satz des 11. Kapitels im Buch der Richter, sodann im 10. Satz des 16. Kapitels im 2. Buch Samuel, ferner im 22. Satz des 19. Kapitels desselben Baches, endlich im 18. Satz des 17. Kapitels im 1. Buch der Könige. Luther übersetzt an allen vier Stellen: „was habe icli mit dir (bezw. mit euch) zu schaffen?" oder in willkürlicher Umstellung: „was hast du mit mir zu schaffen?" In allen vier Fällen streitet der Zusammenhang des Textes mit dieser Übersetzung, die von allen Späteren übernommen worden ist, und giebt keinen Sinn. Die Luthersche Übertragung knüpft an die buchstäbliche Bedeutung „was ist mir und dir (euch)?" an und legt sie in der an