Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- Vererbte Übersetzungs-Fehler
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 119 - 120 (sequence 3)
- Language
- German
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119 M. A. Klausner: Vererbte Uebersetzungsfehler. 120 Die Uebersetzung ist wortgetreu und tadellos. Doch der Sinn will mir nicht einleuchten. So wie er hier lautet, empfiehlt der Sprucli in seinem ersten Teil — ,,wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich?" — Selbstvertrauen und Selbsthilfe. Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur dass gerade von Hille], dem Urbild der Bescheidenheit, Demut und Geduld, die Empfehlung ausgehen soll, ist mir unwahrscheinlich. Hätte es Sehammai gesagt, der eifervolle Mann, der seinem Scharfsinn vertraute, so mochte es noch hingehen. Doch zu Hillel passt das Wort nicht, das gegen seinen ganzen Charakter schreit. Der zweite Teil des Spruches — „und bin ich für mich, was bin ich?" — könnte weit eher mit Hillelschen Anschauungen vereinbar sein, denn er predigt Bescheidenheit. Nur ist dann der zweite Teil mit dem ersten nicht vereinbar; er leugnet ihn und hebt ihn auf. Das wäre immerhin möglich. Hillel könnte den ersten Teil gesagt haben, um die Nichtigkeit des Selbstvertrauens und der Selbsthilfe durch den zweiten Teil des Spruches besonders hervortreten zu lassen. Aber damit wäre wieder der dritte Teil des Spruches — „wenn nicht sofort, auf wann?" — nicht vereinbar. Dieser dritte Teil gibt dann überhaupt keinen Sinn, wenn man nicht zir gewaltsamen Deutungen seine Zuflucht nimmt. Die überlieferten Deutungen und Auslegungen gehen dahin, dass Hillels Spruch Selbstvertrauen und Selbsthilfe empfohlen habe, die ohne Aufschub sich geltend machen müsse. Das mag sehr praktisch sein und etwa auf den Sinn der Mahnung hinaus kommen: „Wer nur auf Gott vertraut Und feste um sich haut, Hat nicht auf Sand gebaut." Ich sage nichts gegen diese Lebensweisheit — nur eben Hillelisch ist sie nicht, ganz und gar nicht. Wenn man dagegen annimmt, dass in dem Spruch zweimal das Wort ^i? eine Abkürzung des Gottesnamens durch Auslassung des zweiten Buchstabens (n) darstellt, so lautet die Uebersetzung: „Wenn Gott nicht für mich ist — wer ist für mich? und wenn Gott für mich ist — was bin ich? und wenn nicht sofort — auf wann?" Jetzt lehrt der Sprucli ganz in Hilleischem Geist Bescheidenheit, Demut, Gottvertrauen, jetzt predigt er, was Hillel gelebt hat: dass man alles auf Gott stellen, nur Gott vertrauen, sich Gott gegenüber nichts achten, Gottes Beistand keinen Augenblick („wenn nicht sofort — auf wann?") für entbehrlich halten soll. In dieser Deutung enthält der Spruch die jüdische Ethik, wie Hillel sie verstand und übte und lehrte. Die Kürzung aber, die hier vorausgesetzt wird, kommt tatsächlich auch sonst vor. In den Gebeten des Laubhüttenfestes, bei den Hoschanoth, findet sich der Refrain: :*i H^Bttn 1T\\ ty| Hier sind die beiden ersten Worte Abkürzungen des Gottesnamens, das erste Wort genau die Abkürzung, die in dem Hillelschen Sprucli vorkommt. * * * Die Gleichnisse in denen Jesu zu reden liebte, seine Parabeln und Bilder sind uns vertraut, weil die Redeweise, die hinter seine Tage zurückreicht, sich bei den östlichen „Maggidim" bis in unsere Zeit erhalten hat. Manche von diesen Gleichnissen — und gerade die bekanntesten — sind uns entstellt überliefert. Die Evangelisten Matthäus und Lucas berichten übereinstimmend als einen Ausspruch Jesus: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn dass ein Reicher ins Reich Gottes komme." Beide lassen auch übereinstimmend den Satz vorausgehen: „Ein Reicher wird schwerlich ins Himmelreich kommen." Der Evangelist Marcus bringt den nämlichen Bericht, der aber mit dem letzterwähnten Satz endet, während sich bei ihm jener weitergehende, die Hiramelreichsaussicht des Reichen vollkommen leugnende Schlusssatz nicht findet. Schon immer ist das Bild vom Kamel und dem Nadelöhr als unschlüssig und verfehlt aufgefallen. Das Gleichnis hinkt über Gebühr, es enthält gewaltsame Nebeneinanderstellungen, es mangelt ihm an dem sinnfälligen und überzeugenden Parallelismus, der die Kraft des Gleichnisses und seinen rednerischen Wert ausmacht. Das Kamel geht allerdings durch kein Nadelöhr — es hat aber auch garnicht den Wunsch hindurchzugehen, und nichts berechtigt zu der Vermutung, dass es einen solchen Wunsch haben könnte. Der Reiche dagegen hat ganz gewiss den Wunsch, nach den Süssigkeiten dieser Erde auch die Seligkeiten des Paradieses zu kosten. Es ist darum im höchsten Grade wahrscheinlich, was von anderer Seite als Vermutung ausgesprochen ist, dass im griechischen Text xql\vXoq statt xoiivqkoQ — das überhaupt auch kamilos ausgesprochen wurde — zu lesen ist. Dann heisst es: „Eher geht ein Tau. durch ein Nadelöhr, denn dass ein Reicher ins Eeich Gottes komme." Jetzt ist das Bild genau und das Gleichnis vortrefflich. Von dem Tau als einem überstarken Faden kann man sich vorstellen, dass es durch ein Nadelöhr gehen will, uud dass nur [für seinen Umfang das ent-