Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1907-02-01 · Heft 2 (Februar 1907) · p. Seite 117 - 118

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 2 (Februar 1907)
Article
Vererbte Übersetzungs-Fehler
Date
1907-02-01
Page
Seite 117 - 118 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583954-2583957-2588212--06894-2588289
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

117 M. A. Klausner: Vererbte Uebersetzungsfehler. US Caballero de la triste figura heisst es im spanischen Text, und das spanische Wort figura kann zwar Gestalt bedeuten, heisst aber in der Regel Gesicht. Die blosse Zulässigkeit der Uebersetzung „Gesicht" statt „Gestalt" würde förmlich zwingen, in diesem Fall die zulässige Uebersetzung für die allein mögliehe zu halten. Zum Ueberfluss gibt Cervantes selbst ganz ausführlich an, bei welcher Gelegenheit und aus welchem besonderen Anlass der Knappe Sancho Pansa dazu gekommen ist, seinem Herrn den Beinamen des „Ritters mit dem traurigen Gesieht" zu geben. Im 18. Kapitel wird das Abenteuer von Don Quijotes Angriff auf eine Hammelheerde erzählt, das dem Ritter üble Behandlung von Seiten der ergrimmten Hirten eintrug, ihm das Antlitz zerschlug und zerschund und ihn um einen Teil seiner Zähne brachte. Unmittelbar nach diesem Ereignis, dessen körperliche und seelische Einwirkungen noch sichtbar waren, hält Don Quijote einen Leichenzug an, wirft einen jungen angehenden Theologen vom Pferd, so dass er einen Schenkel bricht, und erklärt es für seine Aufgabe, Recht an Stelle des Unrechts zu setzen und Missetaten zu bestrafen. Dass im vorliegenden Fall sein Eifer Schaden angerichtet habe, liebe seine Gerechtigkeitsmission nicht auf, müsse vielmehr als eine Fügung hingenommen werden. Dann empfiehlt er den Verletzten der Fürsorge Sancho Pansas, der nach Erfüllung seines Auftrages sagt: „ Will vielleicht jemand wissen, wer der Tapfere gewesen, der Euch so zugerichtet hat, so möge Eure Gnaden erwidern: der berühmte Don Quijote de la Mancha ist es gewesen, der sieh auch el Caballero de la Triste Figura nennt." Der junge Theologe zog wortlos von dannen; Don Quijote aber fragte Sancho, was ihn gerade in diesem Augenblick bestimmt habe, seinen Herrn den Caballero de la Triste Figura zu nennen. „Ich will es Euch sagen, entgegnete Sancho: Bei dem Licht der Fackel, die der Unglücksmensch da bei sieh hatte, habe ich Euch ein Weilehen angesehen, und Eure Gnaden hat wahrhaftig seit kurzem das übelste Gesicht (Figura), das ich je erblickt habe, wovon die Ursache entweder die Einwirkung dieses Kampfes oder das Fehlen der Backen- und Vorderzähne sein mag." — „Das ist es nicht, versetzte Don Quijote. Sondern der gelehrte Mann, dessen Aufgabe es sein soll, die Geschichte meiner Heldentaten zu schreiben, wird gemeint haben, dass es gut sei, ich nähme irgend einen Beinamen an, wie es alle früheren Ritter getan haben, die sich der Ritter „mit dem glühenden Schwert" oder „mit dem Einhorn" oder „mit dem Fräulein" oder der Ritter „mit der Sonne" oder der Ritter „mit dem Greif" oder der „Todesritter" genannt und mit diesen Namen Ruhm über das ganze Erdenrund gewonnen haben. Darum, sage ich, hat mein künftiger Geschichtsschreiber, jener Gelehrte, auf deine Zunge das Wort gelegt und dir den Gedanken eingegeben, mich den Caballero de la Triste Figura zu lieissen, wie ich mich von heute an für alle Zukunft zu nennen beabsichtige. Und damit dieser Name besser zu mir passe, will ich bei erster Gelegenheit auf meinen Schild ein sehr trauriges Gesicht (figura) malen lassen." — „Nicht nötig, Herr, Zeit und Geld für die Herstellung solchen Gesichtes (figura) zu verschwenden, sagte Sancho. Eure Gnaden braucht nur das eigne Antlitz (rostro) aufzudecken und zu zeigen; dann wird man Euch ohne Schild und Bild den „de la Triste Figura" nennen. Glaubt mir, dass ich die Wahrheit spreche und es nicht zum Spass sage: die Augen und die fehlenden Zähne machen Euch ein so übles Gesicht (cara), dass man die traurige Malerei sehr wohl entbehren kann." Es ist unmöglich, hiernach zu bestreiten, dass Don Quijote bei uns Deutschen zu Unrecht zum Ritter von der traurigen Gestalt gemacht worden ist — nur bei uns Deutschen, die wir uns doch rühmen dürfen, die besten Uebersetzungen der Welt geliefert zu haben, hat er den Missnamen, während die Engländer ihn richtig the knight of the rueful countenance nennen — es ist ebenso unmöglich, zu bestreiten, dass es unsinnig gewesen ist, den Uebersetzungsfehler zu übernehmen. Und doch zweifle ich, dass die Korrektur angenommen werden wird. Die ,,traurige Gestalt" ist eine blöde Verirrung — aber sie lebt, und Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass sie Leben behält. # # * Im 14. Satz des ersten Abschnitts der „Sprüche der Väter" wird als Aeusserung Hillels angeführt: OKI nö Kyy1? |>j c$ Vpr$ Das heisst nach der üblichen Uebersetzung: „Wenn ich nicht für mich bin — wer ist für mich? und bin ich für mich — was bin ich? und wenn nicht sofort — auf wann?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.