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Ost und West · 1907-02-01 · Heft 2 (Februar 1907) · p. Seite 115 - 116

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 2 (Februar 1907)
Article
Vererbte Übersetzungs-Fehler
Date
1907-02-01
Page
Seite 115 - 116 (sequence 1)
Language
German
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115 116 VERERBTE UEBERSETZUNGS-FEHLER. Von M. A. Klausner. Uebersetzungen sind wie die Frauen: die treuen sind nicht schön, die schönen nicht treu. Der Vergleich ist frivol, aber immer noch nicht so absprechend wie das italienische Sprichwort „traduttore — traditore", das den Uebersetzer einen Verräter nennt. In Wirklichkeit hat schon mancher Uebersetzer Verrat geübt. Zumeist nicht aus bösem Willen, sondern aus Mangel an Verständnis oder auch aus Flüchtigkeit. Man sollte glauben, dass der begangene Fehler bald erkannt und beseitigt werden müsste; denn es finden sich immer und immer Gelehrte, die zu der Quelle zurückkehren und sich nicht mit der Uebersetzung begnügen. Doch das gibt keine Gewähr. Die Korrektur greift selten durch — der einmal eingeführte Irrtum hat unüberwindlich zähes Leben, selbst da, wo die Wahrheit das herzlichste Interesse finden, ihre Aufdeckung innige Freude erwecken sollte, selbst da, wo eifrige Gemüter an dem Irrtum, den sie für Wahrheit halten, Anstoss nehmen und die neue Erklärung froh begrüssen müssten. Im folgenden will ich eine Reihe solcher Uebersetzungsfehler anführen, die zumeist schon sehr hohes Alter haben. Für einige von ihnen habe ich die Richtigstellung gefunden, für die Mehrzahl danke ich die bessere Erkenntnis meinem Vater Bernhard Wolf Klausner, dessen scharfsinnige Gelehrsamkeit es nicht verschmähte, schon dem Kinde sich mitteilend zu oifenbaren. * * # Wir alle haben in der Jugend von den Sansculotten gehört, den schlimmen Königsfeinden, die den Thron der Bourbonen stürzten und in ihrem Frevelmut Gott für abgesetzt erklärten. Wenn wir nun fragten, was denn das W ort Sans-Culotten bedeute, so erhielten wir den Bescheid: „Ohnehosen". Wir konnten uns keine rechte Vorstellung von den bösen Gesellen machen, die ihre Feindseligkeit gegen alle Zucht und Ordnung, gegen Brauch und gutes Herkommen durch den Verzicht auf das unentbehrlichste Kleidungsstück der gesitteten Menschheit zu schamlosem Ausdruck brachten und in ihrer Verachtung jeder Schicklichkeit durch ihre Nacktbeinigkeit sogar dem Kältegefühl trotzten. Die unverständliche Bezeichnung blieb haften. Mit dem sorglosen Glaubenseifer der Jugend sprachen wir nach, was wir gehört hatten, und verdammten Nachdruck verboten. mit aufrichtigem Abscheu die „Ohnehosen". Erst in späteren Jahren belehrten uns Bilder von den Revolutionskämpfen, die auf der einen Seite die treuen Anhänger des Hofes, auf der anderen Seite die ungestümen Rechtsforderer zeigten, dass wohl jene zu den Wadenstrümpfen sich mit den zierlichen Kniehosen begnügten, aber diese die Beine in ihrer ganzen Länge ungefähr so umhüllten, wie wir heute noch zu tun pflegen. Jetzt waren wir auch so weit, dass wir aus dem Lexikon erfahren konnten, Culotten seien nicht Hosen schlechthin, sondern Kniehosen, während Sans-Culotten die genannt wurden, die kein höfisches Kleid trugen,, vielmehr in langen Hosen einhergingen. Die „Ohnehosen" waren also eigentlich „Langhosen", das ist ungefähr das Gegenteil von dem, wofür die ungeschickte Uebersetzung des Wortes Sans-Culotten sie hatte gelten lassen. — Ich glaube aber, dass das jüngere Geschlecht durch den nämlichen Uebersetzungsfehler in den nämlichen Irrtum gebracht worden ist, wie wir, und dass es gleich uns erst nach Jahren zur Korrektur seiner Vorstellung gekommen ist. Das ist gerade kein Unglück. Doeh würde es gewiss nichts schaden, wenn wir die Sans-Culotten in unserer Sprache nicht mehr Ohnehosen, sondern Langhosen zu nennen uns gewöhnten. * * * Zu den Erscheinungen, mit denen die Weltliteratur die ganze Welt bekannt gemacht hat, gehört des Dom Miguel Cervantes de la Saavedra Don Quijote de la Mancha. Dass er bei uns seit Ludwig Tieck der „sinnreiche" Junker genannt wird, während er der „phantasiereiehe" heissen sollte, mag noch angehen. Ueberaus wunderlich aber ist, dass er bei uns zum „Ritter von der traurigen Gestalt" werden und dass er diese Bezeichnung behalten konnte, obwohl sein ganzes Wesen gegen sie förmlich schreit. Zahllose Maler haben Don Quijote gezeichnet — keinem ist es eingefallen, keinem ist es möglich gewesen, ihm im Bilde eine traurige Gestalt zu geben. Lang und hager ist Don Quijote, „brandmager" wie der Idealtypus des Spaniers, aber seine Gestalt ist edel. In Wahrheit hat der spanische Dichter seinem Helden den Ekelnamen gar nicht gegeben, den der deutsche Uebersetzer dem fahrenden Ritter angedichtet hat. Don Quijote ist bei Cervantes nicht der „Ritter von der traurigen Gestalt", sondern der „Ritter mit dem traurigen Gesicht." El

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